Aus dem Französischen von N.O. Scarpi, neu überarbeitet von Rudi Schweikert. Mit einem Vorwort von Walter Laqueur. Die späten 30er Jahre in der Sowjetunion, zur Zeit der "Großen Säuberung". Ein junger Mann erschießt Oberst Tulajew, der mitverantwortlich ist für Massendeportationen und politische Verfolgungen. Stalins Zentralkomitee nutzt den Mord, um weitere unliebsame Funktionäre, Parteimitglieder und Genossen loszuwerden. Es entsteht ein System aus Angst und gegenseitiger Bespitzelung in dem einer nach dem anderen abgeholt wird und verschwindet. Jedes Kapitel funktioniert wie ein Krimi, bei dem der Ausgang zunehmend klarer wird, der Weg als psychologisches Auf und Ab jedoch überraschend bleibt. Victor Serge schildert in seinem Roman die Innenwelt der sowjetischen Nomenklatur. Selten ist eine Diktatur intensiver und glaubwürdiger beschrieben worden.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.03.2013
Als "grandiosen" Roman würdigt Rezensentin Stefana Sabin Victor Serges im Jahre 1948 veröffentlichten Roman "Die große Ernüchterung" über die stalinistischen Säuberungen. Auch wenn der Kritikerin nicht ganz klar wird, worin der Gewinn dieser neuen, "leicht überarbeiteten" Übersetzung besteht, freut sie sich, diesen großartigen Roman der literarischen Spätmoderne noch einmal zu entdecken. In eigenständigen Kapiteln, die der Rezensentin nicht nur wie Novellen, sondern zugleich als "Psychogramme politischer Enttäuschung" erscheinen, liest Sabin die anhand des Falles "Tulajew" erzählte Geschichte des stalinistischen Terrors. Serge gelinge es, am Beispiel der Schicksale von einfachen Beamten, hohen Parteiaktivisten, Intellektuellen, Partisanen und Ingenieuren die emotionale Verfassung des Einzelnen und das Handeln der Massen nachvollziehbar zu machen, so die Rezensentin, die nicht zuletzt die "flaubertsche Klarheit und das dostojewskische Pathos" dieses Romans lobt.
Jörg Sundermeier ergreift die Gelegenheit, uns mit Wiktor Lwowitsch Kibaltschitsch alias Victor Serge bekannt zu machen, dem jungen Revolutionär und Schriftsteller, dessen Roman "Die große Ernüchterung" er unter anderem schätzt, weil er einen ungeschminkten Einblick in die frühe Sowjetunion gibt. Sundermeier merkt dem Text an, dass der Autor mit Dostojewski vertraut war, ebenso wie mit dem Alltag der Genossen. Die Verwandlung von Humanismus in Terror hat der Rezensent kaum je besser verarbeitet gesehen als in diesem Buch.
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