Wladimir Jabotinsky versucht Anfang 1940 in diesem seinem letzten und posthum publizierten Buch - noch im selben Jahr unter dem Titel The Jewish War Front (2. Aufl. 1942 mit dem Titel The War and the Jew) erschienen - die Situation zu umreißen, wie sie sich seiner Auffassung nach in dem eben begonnenen Krieg darstellen werde. Er nimmt zwar bereits Anzeichen zur Vorbereitung der Vernichtung der Juden in Polen wahr, es entzieht sich aber selbst ihm - und das nach all den Erfahrungen, die er seit seiner Jugend von Verfolgung und Pogromen gemacht hatte - die Möglichkeit zu denken, dass die gerade stattfindenden Deportationen tatsächlich zum Zweck der totalen Vernichtung erfolgen sollten. Als Konsequenz des Kriegs sieht er darum Millionen polnischer Juden in Gefahr, die den Krieg neben den von ihm befürchteten zahlreichen Hungertoten an den Orten der Deportation überleben würden, aber danach erneut und umso mehr der antisemitischen Todesdrohung ausgesetzt wären - so wie es die wenigen Überlebenden nach dem Zweiten Weltkrieg dann wirklich waren.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 19.10.2021
Rezensent Jens Uthoff folgt interessiert den zum ersten Mal ins Deutsche übersetzten Ideen Zeev Jabotinskys. Der Mitbegründer des revisionistischen Zionismus und Journalist, bereits 1940 verstorben, beschreibt darin seine sehr präzise und (real-)politische Idee einer jüdischen Armee für den gemeinsamen Kampf an der Seite der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, führt aber auch seine Gedanken zum Thema Antisemitismus aus, informiert uns Uthoff. Das sei eine unerlässlich lohnende Lektüre, vor allem mit Blick auf die daran anschließende deutsche Geschichte, schließt er.
Nach 81 Jahren ist dieses zunächst in London erschienene Buch des russischen Juden Wladimir Zeev Jabotinsky nun endlich auf Deutsch erschienen, staunt Rezensent Micha Brumlik, den das Werk zu einigen Überlegungen anregt. Denn Jabotinsky, der vom Sozialisten zum Nationalisten und schließlich Zionisten wurde und zunächst 1925 und nochmal 1935 eine "dissidentische" zionistische Weltorganisation gründete, skizziert hier seine Idee, dass eine Massenauswanderung von osteuropäischen, vor allem polnischen Juden den Antisemitismus beenden werde, berichtet der Kritiker. Mehr noch: Der Autor fordert hier nicht nur die Gründung eines jüdischen Staates, sondern denkt auch über Verfassungsgrundsätze nach, die den Arabern volle bürgerliche Gleichberechtigung garantieren sollen, fährt Brumlik fort. "Erschütternd hellsichtig" nennt er Jabotinskys Analyse, nach deren Lektüre er sich fragt, ob der Holocaust vermeidbar gewesen wäre.
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