Das Portrait eines Dorfes, die Erinnerung an eine Kindheit und Jugend: Wolfgang Hardtwig, bis 2010 Professor für Neuere Geschichte in Berlin, lässt mit seinen Erinnerungen an Reit im Winkl eine untergegangene Welt aufstehen. Eine Welt, die sich ihm vor allem als ein großes Abenteuer darbot, mit manchen Härten und vielen Erlebnissen auf dem Land, die heute geradezu exotisch anmuten. Der Hof in den Bergen ist das Refugium seiner Familie. Als die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg in München zu bedrohlich wurden, beschloss die Familie, in den Bauernhof bei Reit im Winkl umzuziehen, den der Großvater 1932 gekauft hatte. Er erzählt vom bäuerliche Leben rundum, von Schule, Kirche und Politik zwischen Tradition und Moderne. Das Land, das Dorf, der Hof - auch dies ein Raum, in dem sich bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft formierte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.02.2023
Sehr angerührt ist Gustav Seibt vom autofiktionalen Roman des 1944 geborenen Kultur- und Geschichtstheoretikers Wolfgang Hardtwig. Alles, was er über die dörfliche Kindheit in den Nachkriegsjahren erzählt und historisch reflektiert, zeichnet für den Rezensenten das Bild einer schwierigen, kargen Zeit. Nachdenklich, liebevoll und spannend, so Seibt, schreibe Hardtwig in einer "matt schimmernden Prosa" über seine bildungsbürgerliche Familie, die sich in Bayern ansiedelte und die er auch als sozialkulturgeschichtliche Studie über die ländliche Gesellschaft der jungen Bundesrepublik gelesen hat. Obwohl der Roman Nazi-Zeit und Krieg thematisiert, lassen Hardtwigs Erinnerungen den Rezensenten angesichts der heutigen überflutenden Sinneseindrücke nostalgisch seufzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2022
Rezensentin Veronika Settele liest interessiert, wie der emeritierte Geschichtsprofessor Wolfgang Hardtwig seine Kindheit und Jugend auf einem bayrischen Hof beschreibt. Von der übermächtigen Figur des verstorbenen Großvaters über die starre Sozialstrukturen im tiefsten Bayern zur eher kleinbürgerlichen Biografie des Vaters erfährt die Rezensentin sowohl etwas über das Zeitgefühl der vierziger bis sechziger Jahre als auch über das private Leben des Autors, wenngleich sie die Passagen, die sich letzterem widmen, noch besser findet. Zu einigen von Hardtwig verwendeten Begriffen wie den "kleineren Leuten" hätte sie sich eine klarere Positionierung seinerseits gewünscht, doch auch so zeigt diese "Selbsthistorisierung" für sie, dass der Autor zu den Großen seines Fachs gehört.
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