Dieser Roman ist eine Deutschlanddiagnose aus der Sicht eines Beobachters mit überscharfer Wahrnehmung und merkwürdigen Angewohnheiten, der bei seinen pointierten Analysen immer wieder auch den Blick auf das eigene Leben riskiert. Es geht viel um Sex ("Ich drehe mich zur anderen Seite, wo Gina Gershon dem Juristen erklärt, dass Frauen Sex vortäuschen, um Liebe zu erhalten, während Männer Liebe vortäuschen, um Sex zu kriegen ... Da hätten wir das übliche Zeug geredet, und dann hätte ich gesagt, mein letztes sexuelles Erlebnis sei gewesen, wie mir vor zwei Monaten beim Fußball jemand den Ball in die Eier geschossen habe. Daraufhin habe Ines gesagt, dem ließe sich abhelfen.") und Frauen ("Es könnte alles so einfach sein. Sie müssten nur Proust lesen, keine Handtäschlein tragen und diesen Quatsch mit den Kindern vergessen.")
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.01.2003
Zunächst einmal macht Gustav Seibt klar, was "In Plüschgewittern" alles nicht ist: zum Beispiel keine "östliche Nostalgie-Literatur" mit "lascher Ironie" a la Thomas Brussig, aber auch kein westlich geprägter Berlin-Roman mit "popästhetischen Differenzbestimmungen", um nur die bekanntesten Spielarten des heute Üblichen zu nennen. Aber ein Berlin-Roman ist "In Plüschgewittern" schon. Er spielt sogar zum Teil an hippen Orten wie dem Kaffee Burger in der Torstraße (Seibt hat die Infamie, diese Kneipe durch genaue Nennung des Orts für alle potenziellen Berlin-Touristen auffindbar zu machen). Aber Herrndorf geht darüber hinaus. Einen genauen Zeit- und Ortsstempel hat sein Roman für Seibt genau darum, weil er mehr sein will als ein weiterer Berlin-Roman, weil er zum Beispiel so genaue Bilder findet für die Wahrnehmungsstörungen des Protagonisten. Und da Herrndorf auch eine sehr moderne Prosa für eine Art neuer romantischer Naturbeschreibung zu finden scheint, bekommt sein Roman von Seibt das Prädikat "lesenswertes Kunstwerk".
Gar nicht angetan ist Gerrit Bartels von diesem Debütroman des Berliner Autors Wolfgang Herrndorf - vor allem deshalb, weil der Roman nichts Neues erzählt: "Man ist ihm schon oft begegnet, diesem jungen Mann und namenlosen Ich-Erzähler", zum Beispiel bei Stuckrad-Barre, Christian Kracht oder Marc Fischer. So ist alles, was bei Bartels vom Protagonisten hängen bleibt, "gnadenloses Durchblickertum und hilfloser Zynismus". Auch der Berlin-Bezug bleibt für Bartels ein Rätsel, die Stadt wird zur beliebigen Kulisse: "Berlin ist hier kein Fest fürs Leben, auch kein Ort für schwierige Charaktere oder eine Stadt, die Menschen verändert." Nur von der letzten Konsequenz, die Herrndorf seinem Protagonisten angedeihen lässt, ist der Rezensent angetan: Der junge, orientierungslose Held muss sterben - "so geht es eben allen Jungs der jüngeren deutschen Literatur: Viel Plüsch, kein Gloria, und dann das Ende".
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