In der NZZgeht Philipp Maier dem - offenbar vor allem von Männern angetriebenem - Boom teurerLuxusuhren nach: "Viele mechanische Uhren zeigen zwar schlicht die Zeit an. Das Nonplusultra im Ranking von Herrenarmbanduhren sind aber Chronografen, die auf die Bezeichnung Grande Complication hören. Auf ihnen lassen sich auch die Mondphasen, ein ewiger Kalender, die Schaltjahre ablesen. Sie sind Stoppuhr und Wecker, der einen rein mechanischen Klingelton erzeugt. Das höchste der Gefühle für Uhrenfans ist aber das Tourbillon. Ein solcher 'Wirbelwind' ist eine Vorrichtung, bei der sich das Schwing- und Hemmungssystem um die eigene Achse dreht. Die technische Raffiniertheit soll eine weniger lageabhängige Ganggenauigkeit erzielen. Solche Spielereien lassen die Herzen vieler Männer höher schlagen. Insbesondere dann, wenn alles durch eine Öffnung im Zifferblatt oder ein Saphirglas im Gehäuseboden gutsichtbarzubeobachten ist."
In der großen Ausstellung "Africa Fashion" im Victoria & Albert Museum zeigt sich, "wie die radikale soziale und politische Neuordnung nach der Unabhängigkeit auf dem afrikanischen Kontinent eine kulturelle Renaissance ohnegleichen auslöste", berichtet eine staunende Renata Stih in der taz. Die modehistorische Schau führt von der Welle der Dekolonisierung in den Sechzigern bis heute. "Fotos von Frauen in langen, schmalen Kleidern aus gemusterten, grell bunten Stoffen, die auf Vespasihre Stadt erobern, verkörpern diesen emanzipatorischen Aufbruch in die Moderne aufs Beste und sie unterscheiden sich deutlich von Europäerinnen in diskret grauen Dior-Kostümen. ... Der Porträtfotografie ist ein eigener Bereich gewidmet, die den Wandel der Menschen in ihrem Lebensraum begleitet und mit der Entwicklung kostengünstiger Filme und Kameras auch möglich wurde. Zu den Highlights dieser Sektion gehören die Studioaufnahmen von Sanlé Sory, Michel Papami Kameni und Rachidi Bissiriou: Die Fotos dokumentieren das Modebewusstsein des Einzelnen, den Willen zur Selbstdarstellung und den Stolz, schwarz und afrikanisch zu sein."
Zugegeben, mit solchem geballtem Glam mag die aktuelle Ausstellung im Deutschen Leder-Museum in Offenbach nicht ganz mithalten können. Aber die dort gezeigte Ausstellung über Handschuhe hat auch ihre ganz eigenen Reize, wenn man tazlerin Katharina J. Cichosch glauben darf: Nicht nur "Designerexemplare, die garantiert gar nicht warmhalten", gibt es dort zu sehen, "nicht nur weitere Modelle von Chanel, Hermès, Maison Margiela oder Prada, sondern außerdem cremeweiße Lederhandschuhe mit Seidenrips und Tambourstickerei, prunkvollePontifikalhandschuhe aus dem 18. Jahrhundert mit Metallstickerei und Pailletten darauf, gestreifte Fäustlinge aus dem Pelz des Karibu, die Indigene um 1940 herum in den Northwestern Territories anfertigten, Panzerhandschuhe einer echten Ritterrüstung, ein zitronengelb eingefärbter Muff des Kürschners Hans Schwarz oder die Halbfingerhandschuhe 'Tribute to Karl' von Roeckl mit Nappaleder und Metallkettchen, wie sie Karl Lagerfeld selbst gern trug. ... Herrlich auch die erfolglosen (die Tamponentfernungshandschuhe Pinky Gloves) oder jetzt hoffnungslos historischen Beispiele (wird Nintendo heute nicht mit dem terminatoresken POWER GLOVE, sondern wieder unspektakulär mit Controller gespielt)."
I thought people were trolling, but nope. It's real. Maybe this is why Balenciaga left Twitter. They don't want to be held accountable. Yes, these are children holding teddy bears dressed in bondage outfits. pic.twitter.com/zBlACUiZjo
Von einiger Aufregung über eine Balenciaga-Werbekampagne berichtet Alfons Kaiser in der FAZ: Der Designer Demna, berüchtigt dafür mit Schockelementen zu arbeiten, ließ seine Teddybärtaschen vom italienischen Fotografen GabrieleGalimberti für Werbefotos mit Kindern abbilden: "Nur tragen diese Teddys Outfits mit Netzoberteilen, Nietenledergürteln und HalsbändernmitSchlössern" und "wenn solche Plüschfiguren neben Kindern oder gar in ihrem Arm abgebildet werden, ist sicher eine Grenze zur Sexualisierung von Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter überschritten." Balenciaga stellt sich dem Shitstorm mit Offline-Nahmen und Entschuldigungen entgegen. Doch das werfe "erst recht Fragen auf: Hat eine der erfolgreichsten Pariser Modemarken etwa keine Kontrolle über Bilder, die in ihrem Namen hergestellt werden? Gibt es nicht einen langen Auswahlprozess für solche Bilder? Ideenfindung, Model-Casting, Fotografenbuchung, Shooting, Fotoauswahl, Postproduktion, Bearbeitung für die Website: An diesem wochenlangen Prozess sind Dutzende feste und freie Mitarbeiter des Unternehmens beteiligt." Dass der betreffende Look eigentlich seit den Siebzigern von der Punkszene aufgegriffen und im Grunde ziemlich entsexualisiert wurde, scheint niemandem aufgefallen zu sein.
Angeregt flaniertFAZ-Kritiker Hannes Hintermeier durch die Ausstellung "Das Fahrrad. Kultobjekt. Designobjekt" in der Pinakothek der Moderne in München: "Fahrradgeschichte ist immer auch Materialgeschichte. Holz, Stahl, Aluminium, Magnesium, Titan, Karbon, Kunststoff kamen und kommen zum Einsatz. Erst 1936 gelang es das erste Mal, Aluminiumrohre zu schweißen, eine von vielen Revolutionen im Fahrradbau. Im Kern ist Fahrraddesign nicht von der Technikgeschichte zu trennen. ... Design wirkt oft im Verborgenen, in den Komponenten, in Details: Insofern leistet der Katalog ausgezeichnete Dienste, indem er sich mit Nahaufnahmen Formgebungen widmet, die man beim Rundgang allzu leicht übersieht. Und natürlich wirken manche Räder wie Konzeptstudien."
Im taz-Gespräch erklärt Caroline Wohlgemuth warum sie in ihrem Buch "Mid-Century Modern. Visionäres Möbeldesign aus Wien" den gängigerweise fürs Design der Vierziger und Fünfziger verwendeten Begriff "Mid-Century" auf die Zwanziger und Dreißiger ausdehnt und warum die Keimzelle fürs moderne Wohndesign nicht etwa in Skandinavien, sondern in den WienerWerkstätten zu verorten ist: "Die Nachkriegsmoderne war wesentlich von den Ideen der 1920er Jahre beeinflusst. JosefFrank etwa emigrierte 1933 nach Schweden, wo seine Entwürfe aus Wien durchgängig weiterproduziert wurden." Und "er wollte nicht zurück. Es gibt von ihm 200 Entwürfe für Stoffmuster und über 1.000 für Möbel und Lampen, die bis heute so oder so ähnlich in Schweden von der Firma Svenskt Tenn hergestellt werden. Wenn man sich das so anschaut, glaubt man vielleicht, es sei typisch schwedisches Design aus den 1950er und 1960er Jahren mit lockeren Verbindungen zu Ikea. Doch vieles geht auf das Wien der 1920er und 1930er Jahre zurück." So wurde etwa auch "die Frankfurter Küche von einer Wienerin, MargareteSchütte-Lihotzky, entworfen. Lihotzky war eine Schülerin von Josef Frank."
Brigitte Werneburg unterhält sich für die taz mit dem ugandischen DesignerBobbyKolade, der sich von luxuriösen Stoffen verabschiedet hat und aus dem gewaltigen europäischen Altkleider-Fundus schöpft, der sein Land flutet. "Der Owinomarkt in Kampala ist Afrikas größter Freiluftmarkt und weltberühmt für die riesigen Mengen an Altkleidern, die hier gehandelt werden. Wir holen dort unseren Teil davon und schicken ihn wieder dorthin zurück, wo er herkommt, allerdings in neuer, anderer Form, aufgemöbelt durch unsere Designerfindungen. ... Wir erkennen im Müll des Globalen Nordens eben die Ressource, die es uns ermöglicht, den Aufbau einer eigenen Textilindustrie in Angriff zu nehmen. Das findet nicht im leeren Raum statt, sondern unter schwierigenwirtschaftlichenBedingungen. Die Handelsabkommen zwischen Uganda und der europäischen Union etwa sind so gestaltet, dass wir wenigstens 30 Prozent von unserem Preis in Europa zurücklassen müssen." Welche irrsinnigen globalen Handelswege die Kleidung dabei zurücklegt, lässt sich sehr schön an diesem galligen Instagram-Posting von Kolade nachvollziehen. Mehr über den Müll der Billigmarken heute in der Daily Mail.
In der SZ staunt Gerhard Matzig über eine vom Architekten Álvaro Siza gestaltete Uhr, die sich sensationellerweise damit begnügt, die Uhrzeit anzuzeigen, was ja schon "exotisch ist in einer Gegenwart", in der Uhren sonst "als digitaleWundertüten firmieren".
"Trans statt Testosteron", unter diesem Motto steht für Dominik Pietzcker von der NZZ der aktuelle Männlichkeitsdiskurs. Wenigstens in der Mode will er das nicht mehr hinnehmen: "Sind Männer kollektiv dazu verurteilt, ihr Dasein in einem unbestimmten, weil genderbefreitenEinheitslook aus Stoffhose, Windjacke und Sneakers zu fristen, um nicht in den Verdacht des Reaktionären zu geraten und als alte, zumindest weiße Männer abgestempelt zu werden?" Sogar "gut geschnittene Anzüge haben mittlerweile einen Hauch von Frackschößen und Seidenstrümpfen." Pietzcker rät zur Herrenkrawatte als Zeichen des "Notwendig-Überflüssigen", denn "bei steigenden Außentemperaturen aufgrund des Klimawandels und generell der Tendenz zum Locker-Informellen ist die Krawatte beides: Bekenntnis zum Obsolet-Dysfunktionalen und zugleich Ausdruck eines Formbewusstseins und eines löblichen Strebens nach persönlicherUnverwechselbarkeit."
Dazu passend führt Alina Schneider in der taz durch die Geschichte des Crossdressings, anlässlich der Ausstellung "Under Cover - A Secret History of Cross-Dressing", zu sehen im C/O Berlin. Besprochen werden außerdem neue Biografien über CocoChanel und CatherineDior (Standard).
Ugly Chic - die Lust am Hässlichen hat mal wieder eine ihrer Konjunkturen in der Modewelt, beobachtet Isabelle Braun in der NZZ. Stilnormen, Regeln von Eleganz und Proportion werden gezielt in tausend Scherben zerschlagen. Dieser Trend passt gut in die Zeit, findet sie: "Die Mode scheint aus den Fugen geraten, so wie die Welt." Die Mode ist dabei vor allem an einem interessiert: "Umsatzsteigerung. Diese wird erreicht, indem man die Lautstärke hochpegelt und das Tempo anzieht. Ein hochwertiger Mantel, den man fünf Winter trägt? Nett, aber es braucht ConversationPieces, um Aufmerksamkeit, also kostenlose Werbung, zu bekommen. Das zu schaffen, ist immer schwieriger. Denn in den sozialen Netzwerken hat nur das, was irritiert, das Potenzial zum sogenannten ThumbStopper, also zu dem Moment des Innehaltens, während man am Handy durch den unendlichen Bilderstrom scrollt. Früher erfand sich die Mode alle sechs Monate, immer zum Saisonwechsel, mehr oder weniger neu", doch "diesen Rhythmus hat das Internet mit seinem Dauerdiskurs durcheinandergebracht."
Tillmann Prüfer beugt sich für seine Stilkolumne im ZeitMagazin über den Trend zum Chain-Bra, der ihn vor einige Rätsel stellt: Fortlaufend werde das Ende des BHs ausgerufen und "nun ist ausgerechnet der sinnloseste und unbequemste aller Büstenhalter in der Instagram-Version zurück. Demnächst werden Feministinnen nicht nur BHs verbrennen, sondern auch Ketten sprengen müssen."
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