Magazinrundschau - Archiv

HVG

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Magazinrundschau vom 02.07.2019 - HVG

In Ungarn gibt es derzeit eine zum Teil öffentlich geführte Diskussion unter oppositionellen Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen, wie angesichts der erdrückenden Macht und Kontrolle der Regierung in der Wissenschaft, Kunst und Kultur ein angemessenes Verhalten aussehen könnte. Dabei werden Reflexe von vor 1989 erkennbar. Manche verkünden, dass sie auswandern wollen, viele ziehen sich zurück, andere verteidigen ihre Position, weiterhin die Institutionen (wie das Petőfi Literaturmuseum, die Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, das Theaterfestival POSZT in Fünfkirchen u.a.) nutzen zu wollen. Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás entdeckt jedoch vor allem eine Unorganisiertheit unter den Intellektuellen, die mit dazu beiträgt, dass es keine schlagkräftigen Reaktionen auf und Aktionen gegen die Regierungsmaßnahmen gibt. "Das Schicksal der ungarischen Intellektuellen ist jeweils eine individuelle Angelegenheit, ungeachtet der Asymmetrie der Macht. Sowohl die rechtswidrige Übermacht auf der einen, als auch die rechtswidrige Machtlosigkeit auf der anderen Seite: eine persönliche Angelegenheit. Manche herrschen, manche folgen, manche fliehen. Nach der herrschenden intellektuellen Ideologie hängt dies von der persönlichen Beschaffenheit, vom Charakter und Vorsatz ab. Eine Gesellschaft gibt es - wie wir es wissen - nicht. Aus einer demokratischen gemeinsamen Aktion könnte ja am Ende noch Politik werden. 1988/89 war das Aufschrei der ungarischen Intellektuellen bei einem Bruchteil der Schweinereien von heute enorm. Jetzt nicht. Aber es ist wahrlich heiß."

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - HVG

Vergangene Woche wurde im ungarischen Gesetzesblatt verkündet, dass die bisher zur Nationalbibliothek gehörende und weitgehend unabhängig agierende 56er Institut, das sich der Erforschung des ungarischen Aufstands 1956 widmet (mehr hier), in das von der Orban-Regierung gegründete umstrittene "Wahrheits Institut" (mehr hier) eingegliedert wird. Mit der Ausgliederung der Forschungsinstitute aus der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) und der weiteren Aufwertung der regierungsnahen (mehr hier) Ungarischen Kunstakademie (MMA) sehen Kritiker den systematischen Abbau der Unabhängigkeit von Kunst und Forschung voranschreiten. So auch der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, der schreibt: "So wie das literarische und künstlerische Leben der Ungarischen Kunstakademie (MMA - einem ehemals nationalistischen Privatklub), die (nicht ausschließlich) aus Dilettanten und verschrobenen Halbtalenten besteht, gesetzlich und verfassungsrechtlich eingegliedert wurde, so wartet jetzt auf die geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungen ein ähnliches Schicksal. Die eingliedernde Auflösung des 56er Instituts, das seit Längerem ein Dorn im Auge der Rechtsradikalen ist, ist hierfür ein weiteres mahnendes Beispiel. In einer in Europa, jedoch nicht in Ungarn erdrückenden Situation suchen die Rechtsradikalen sich erneut gemäßigt konservative Verbündete, denn im Europäischen Parlament wird das rassistische Parteienbündnis doch nicht so groß, wie von ihnen erhofft. Doch selbst diese Situation kann die Regierung nicht davon überzeugen, auf die Schikane, Verfolgung und - bei Regierungserfolg - Zerschlagung der von ihr sowohl institutionell als auch weltanschaulich unabhängigen ungarischen Intellektuellen zu verzichten."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - HVG

Der französische Präsident Emmanuel Macron lud vergangener Woche auf Vorschlag von Bernard-Henri Lévy führende öffentliche Intellektuellen - so auch Ágnes Heller und György Konrád aus Ungarn - zu einem Treffen im Élysée-Palast ein (mehr dazu in Le Point). Konrád sagte aus gesundheitlichen Gründen ab, schickte allerdings einen Brief, welcher verlesen wurde. Im Gespräch mit Mercéde Gyükeri warnt Ágnes Heller vor der Erwartung, Rechtsstaatlichkeit und liberale Demokratie von der EU einfach in Empfang nehmen zu können: "Es lohnt sich nicht daran zu glauben, dass Hilfe aus Brüssel kommen wird, wir selbst müssen etwas mit unserer Situation anfangen. Die Freiheit bekamen wir als Geburtstagsgeschenk, wir haben nichts dafür getan, nicht einmal soviel wie die Rumänen, die Tschechen oder die Slowaken. Wir saßen da am runden Tisch und besprachen, was in Ungarn passieren wird. Doch das reicht nicht: für die Freiheit muss bezahlt werden. Was andere für uns erschaffen, das wird nicht fruchten. Wir müssen lernen selbst verantwortungsvoll zu denken und zu handeln."
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Magazinrundschau vom 21.05.2019 - HVG

Die Schriftstellerin Edina Szvoren (mehr hier und hier) ist die Trägerin des diesjährigen Libri-Literaturpreises - einer von gegenwärtig zwei, vom Staat unabhängigen Literaturpreisen in Ungarn. Szvoren - ausgezeichnet auch mit dem EU-Literaturpreis in 2015 - schreibt Kurzprosa, ihr aktueller Band mit 13 Novellen trägt den Titel "Meine Gedichte". Im Interview mit István Balla spricht sie über Aktualität, Partikularität und Universalismus in ihrem Werk. "Ich denke, dass meine Schriften nicht traurig sind. Doch ich wollte auch keinen Spiegel für die Gesellschaft aufstellen. Ich hoffe aber - wie jeder Schriftsteller -, dass meine Texte zeitgenössische Prosa sind, in dem Sinne, dass das, was aus meinem Kopf rauskommt, von den heutigen Zuständen handelt. Auch dann, wenn es keine aktuelle Politik, keine Zeitangaben, keine identifizierbare Figuren darin gibt. (…) Das wäre auch nicht die Aufgabe, denn bei Fiktion gibt es so etwas wie eine Aufgabe nicht. (…) Ich arbeite nicht in Genres, ich wende mich weder Richtung Gedichte, noch Richtung Groß-Epik, noch Richtung Drama oder Essay. Ich tue das nicht, weil ich dächte, dass diese so schmutzig und verschämt wären, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, ich könnte mehr über die Wirklichkeit erzählen, wenn ich die Dinge explizit beim Namen nenne."

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - HVG

Die im rumänischen Cluj geborene junge Schriftstellerin Ilka Papp-Zakor zeigt sich in der Wochenzeitschrift HVG über das von der Regierung geplante Trianon-Mahnmal "eher verärgert, weil Trianon aufgrund seines nicht diskutierten Charakters in der ungarischen Gesellschaft ein Explosionspunkt ist. Wer sagt, dass diese Frage längst vergessen sein sollte, hat auch nicht Recht. Es stört mich aber auch, wenn nur derjenige als Ungar anerkannt wird, den die Entscheidung von Trianon schmerzt. Mich schmerzt sie nicht, doch ich hätte es schon gern, wenn darüber anständig, in einem historischen Kontext gesprochen werden könnte und nicht mit schlagkräftigen Stichwörtern und mit geschmacklosen Mahnmälern. Letzteres gilt in den umliegenden Ländern als herumkaspern, obwohl dies politisch ausgenutzt werden kann. Man kann andererseits sagen, dass dies Revisionismus sei, Faschismus und eigentlich ist es auch kein großer Irrtum."

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - HVG

Nach dem die Firma Mahir, welche die Budapester Litfasssäulen besitzt, von einem regierungsnahen Oligarchen aufgekauft hatte, wurde der Vertrag zur wöchentlichen Werbung mit dem aktuellen Titelblatt der Wochenzeitschrift HVG einseitig gekündigt. Die Titelblätter von HVG gehörten in den vergangenen 40 Jahren regelmäßig zum Straßenbild von Budapest, unabhängig vom politischen System und Couleur der Regierung. Jetzt wird es für unabhängige Medien noch schwieriger, ihre Botschaften in der Öffentlichkeit zu platzieren, wobei dieser Schritt auch einen symbolischen Charakter hat, meint Ibolya Jakus, Chefredakteurin von HVG: "Die Titelseiten von HVG waren seit Jahrzehnten Woche für Woche auf den Straßen. Jetzt geht die Paranoia der Macht so weit, dass sie den Schnipser, die Pointe von den öffentlichen Plätzen verbannt und jeden Quadratzentimeter mit von Kriegsverbrechern geklauter Hasspropaganda füllt, die nur vorübergehend leiser gedreht wurde. Orbán setzt den bekanntesten Straßenbetrug bei der Kampagne ein: das Hütchenspiel. Der Migrant ist hier, der Migrant ist da - es gibt keinen Migranten. Er tut all dies unter Berufung auf die Verteidigung der christlichen Kultur. Darunter versteht er, dass selbst der Vater, der Sohn und der Scheinheilige jederzeit zu märchenhaftem Reichtum kommen können und dass das Gebot 'du sollst nicht stehlen' jederzeit mit einer Zweidrittel-Mehrheit außer Kraft gesetzt werden kann."
Stichwörter: Ungarn, Pressefreiheit

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - HVG

Der Schriftsteller János Háy möchte Literatur lieber von politischen Ansichten getrennt halten: "Die wichtige Botschaft der Literatur ist, dass sie nicht so gespalten sein kann, wie die Politik das Land spalten will. (...) Literatur braucht Leser, durch den Leser entsteht das Werk. Jeder kann in die Literatur hineintreten und sich darin heimisch fühlen. Die wichtigsten Werke handeln von unserem Leben, sie haben kein anderes Ziel, als jede Tarnung herrunterreißen, damit wir der Wirklichkeit begegnen können. (...) Mir und hoffentlich auch den meisten Lesern kommt bei zeitgenössischen Schriftstellern nicht gleich in den Sinn, wen sie gewählt haben, sondern ob sie gute oder schlechte Schriftsteller sind. Politische Stellungnahme bedeutet keine Qualität. Werke sollten nur aus der Perspektive des Ästhetischen betrachtet werden. Alles andere ist schädlich."

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - HVG

Der Regisseur Gábor Tompa leitet seit knapp 30 Jahren das Staatliche Ungarische Theater Cluj-Napoca in Klausenburg / Kolozsvár im rumänischen Siebenbürgen und ist im vergangenen Jahr zum Präsidenten der Union des Théâtres de l'Europe gewählt worden. Im Interview mit HVG spricht Tompa u.a. über die Spannung zwischen Unterhaltung und Konfrontation im Theater sowie über die Herausforderungen der Leitung eines ungarischsprachigen Theaters in Rumänien. "Leider fing vor kurzem ein ähnlicher Prozess in Rumänien an, der in Ungarn bereits seit langem in Gange ist: die Theaterdirektoren werden entsprechend der politischen Zugehörigkeit ernannt, was sehr schädlich sein kann. Es wäre gut damit jetzt aufzuhören, denn ich fühle mich hier noch freier als in Ungarn. (…) Selbst mit schwarzer Magie versuchte man mich von der Spitze des Theaters zu entfernen. Seltsamerweise stand uns die rumänische Branche unterstützend zur Seite gegen die radikalen ungarischen Kreise. Heute schützt uns unsere rumänische und internationale Anerkennung. Statt Angriffe gibt es mittlerweile Schweigen, die Lokalpresse schreibt am wenigsten über uns. Die Aufgabe des Theaters ist es uns selbst zu konfrontieren, wer lediglich unterhalten will, verachtet meiner Meinung nach die Zuschauer. Aus Bequemlichkeit, Zynismus, Trägheit denken viele, dass die Zuschauer nicht in der Lage sind, das eine oder andere kompliziertere Problem, tieferen Bühnenmetapher zu verstehen. (…) Wir wollen in der bisher gespaltenen Stadt Cluj ein Ort der Begegnung sein und wir haben Glück, denn die jüngere Generationen, vor allem die Studenten, mögen uns."

Magazinrundschau vom 26.02.2019 - HVG

Der junge Dichter Márton Simon veröffentlichte vor kurzem seinen zweiten Gedichtband (Rókák esküvője, Hochzeit der Füchse, Jelenkor, Budapest, 2018, 101 Seiten). In der Wochenzeitschrift HVG spricht er mit Adél Hercsel unter anderem über die Veränderung der Sprache durch den Einfluss verrohter öffentlicher Debatten. "Meine älteren Texte waren sehr wütend und handelten von öffentlichen Angelegenheiten, obwohl ich selbst 2017 einige Slams und Texte schrieb vom Typ "Alle können mich mal". Das Problem ist, dass heute von der Rentnerin bis zum Teenager jeder nur in diesem Stil kommunizieren kann. Das verunsichert mich. In einer Situation, in der jeder sehr wütend ist, sehe ich keinen Sinn darin, wütend zu sein. Und dasselbe gilt fürs Witzemachen. (...) Wir sind soweit, dass langsam die sauber Atemluft zu Mangelware wird, die Eisberge schmelzen, Müllberge in Kontinentalgröße auf den Ozeanen schwimmen (...). Die Liste könnte lange fortgesetzt werden. Das Haus über unserem Kopf brennt. Und statt dass wir etwas unternehmen, unterhalten wir uns über die Dummheiten von dilettantischen Idioten, ob die Erde flach sei, ob dein Kind geimpft werden soll, ob es ein Problem sei, wenn du mit einem LkW auf die Toilette fährst, oder ob Homosexuelle geheilt werden können. Ich kann nachvollziehen, dass ein Art der Machtausübung in der gezielten und bewussten Spaltung der Gesellschaft entlang solcher Fragen liegt. Dafür muss man kein politisches Genie sein, man muss nur ausreichend niederträchtig und skrupellos sein."
Stichwörter: Simon, Marton, Ungarn

Magazinrundschau vom 19.02.2019 - HVG

Der Regisseur Béla Tarr hat sich seinem letzten Film ("Das Turiner Pferd", Silberner Bär 2011, unsere Kritik) vom Filmemachen zurückgezogen, baute jedoch eine Filmakademie in Sarajewo auf, stellte eine Ausstellung in Amsterdam zusammen und arbeitet gegenwärtig an einer neuen Ausstellung für die Wiener Festwochen. In der Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift HVG sprach er anlässlich der Berlinale unter anderem über den Unterschied zwischen Theater und Film sowie über seine Ratschläge für junge Filmemacher. "Viele Menschen lieben das Theater, weil es die Kunst des Augenblicks ist. Was an dem einen Abend passiert, ist am nächsten Abend anders. Mich aber stört genau dies. Ich habe mich beim Film daran gewöhnt, dass, wenn eine Szene fertig war, wir sie in die Kiste legten, und sie für ewig so bleibt. (…) Den jüngeren Generationen muss man vermitteln, dass nur das wichtig ist, was sie sehen und wie sie es sehen. Und sie sollen es bitteschön so zeigen, wie sie es empfinden. Das ist Filmemachen, der Rest ist Blabla und raffinierter Blödsinn. Ein freier Mensch hat mehr Fantasie, ein freier Mensch hat eine Welt, ein freier Mensch kann alles greifen. Die Freiheit ist das Wichtigste, man muss in allen Bereichen des Lebens frei sein."