
Ob der türkische Präsident
Erdogan beim Sturz Assads wirklich eine so große Rolle gespielt hat, wie ihm nahe stehende Medien verkünden, bezweifelt der in Berkeley lehrende
Soziologe Cihan Tuğal stark in seiner
Analyse der Situation in Syrien und dem Nahen Osten: "Unabhängig von der genauen Ereigniskette steht es außer Frage, dass der
Islamismus - und insbesondere seine dschihadistischen Strömungen - in der Region
an Boden gewonnen hat. Die türkische Opposition, einschließlich der Linken, besteht darauf, dass dies ein amerikafreundlicher Islamismus ist. Doch die Schwankungen des Erdoğanismus selbst im Laufe der Jahre zeigen, dass es für den Westen Risiken birgt, wenn er auf diese Weise mit dem Feuer spielt. Die
AKP war anfangs der Inbegriff eines amerikanisch geprägten Islams: Sie schien individuelle Freiheiten, Familienwerte und religiösen Konservatismus mit einer Betonung freier Märkte und einer
prowestlichen Neuausrichtung im Nahen Osten zu verbinden. Im Laufe der Jahre setzte sie jedoch die individuellen Freiheiten immer mehr außer Kraft, während sie Märkte, Familie und Religion in den Dienst eines parteistaatlichen Entwicklungsmodells mit großen regionalen Ambitionen stellte, gelegentlich auf Kosten des amerikanischen Einflusses. ... Die größte Gefahr für den türkischen Imperialismus wäre die zunehmende Formalisierung der
kurdischen Macht. Ein stabiler Frieden wird die Autonomie oder
Unabhängigkeit der syrischen Kurden beinhalten müssen, die nun offiziell von den westlichen Staaten anerkannt wird. Für die Kurden selbst wären die Folgen dieser Formalisierung zweideutig. Sie wären nicht länger die Helden der globalen Linken, aber sie würden auch aus ihrer Isolation ausbrechen und ein 'normaler' Teil des zerfallenden internationalen Staatssystems werden. Die
türkischen Kurden würden in der Zwischenzeit ihrem Schicksal überlassen, während sie gleichzeitig durch den Normalisierungsprozess in ihrem Süden ermutigt würden. Die AKP (zusammen mit ihrem neofaschistischen Partner, der MHP) hat dem inhaftierten Guerillaführer Öcalan zwar die Hand gereicht, kurz bevor HTS seine Aleppo-Kampagne startete, was viele Kommentatoren als Beweis dafür ansehen, dass die Türkei bereits von der Anti-Assad-Operation wusste. Doch die Regierung ließ auf diese Öffnung auch ein hartes Vorgehen gegen die legale kurdische Partei und gewählte Bürgermeister folgen, was darauf hindeutet, dass
jede Einigung mit Öcalan zu den Bedingungen der Regierung erfolgen würde - und für die Bewegung als Ganzes große Verluste bedeuten würde."