Magazinrundschau - Archiv

Verstka

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Verstka

Anna Ryzhkova besucht für Verstka im russischen Rostow eine Leichenhalle, in der Angehörige ihre Toten identifizieren und abholen können. "Angehörige der Vermissten, meist Ehefrauen, Mütter, Schwestern und Töchter, warten monatelang zunächst auf einen Anruf und später auf eine Einladung zur Identifizierung einer Leiche. Neben Listen mit Gefangenen durchsuchen sie nun Fotos von Gesichtern, Händen, Füßen, Fingern und anderen Körperteilen mit identifizierbaren Merkmalen. Diese Fotos kursierten seit Anfang 2025 privat unter den Familien, wurden von Mitarbeitern der Leichenhalle in Rostow geteilt und in geschlossenen Gruppen gepostet. Einige Bilder zeigen auch persönliche Gegenstände, die zusammen mit der Leiche geborgen wurden - Gegenstände, die lange genug überlebt haben, um vom Schlachtfeld transportiert zu werden." Die Angehörigen beschreiben den Betrieb dort, als gingen sie zum McDonalds. "Wenn man anfängt zu weinen, lassen sie einen nicht rein', sagt eine andere Frau, Ekaterina aus Kaliningrad (einer Stadt im Westen Russlands), und erinnert sich an ihre Reise nach Rostow. Die Leiche ihres Mannes wurde in der Leichenhalle unter den Dokumenten eines anderen gefunden. 'Wenn man dorthin geht und einen Wutanfall zu bekommen, hat das keinen Sinn', sagt Tatjana aus Rossosch über ihren Besuch in der zentralen Militärleichenhalle. 'Und nicht, weil man, wie manche vielleicht sagen, seinen Mann nicht geliebt hat - nein. Man muss einfach nüchtern an die Situation herangehen. Weinen und schreien kann man nach der Beerdigung. Eine Leichenhalle ist eine Leichenhalle. Behandeln Sie es wie einen Besuch in einem Geschäft: einen Ort, an dem Sie vorübergehend etwas erledigen müssen. Es ist einfach ein Teil Ihres Lebens, den Sie durchstehen müssen.' Tatyana erkannte ihren Mann auf dem ersten Foto, das ihr die Ermittler zeigten. Andere sind gezwungen, mehrere Bilder von Fremden durchzusehen, bevor sie eine Antwort erhalten." Doch wie gehen die dort arbeitenden Soldaten mit der Situation um? "'Für so ein Gehalt würde jeder das tun, was ich tue. Man gewöhnt sich an alles. Ich habe kein Problem damit, Leichen anzusehen - und mit dem Geruch, der damit einhergeht. Hier zu sein ist natürlich stressig, aber ich halte bis zum Ende durch.' 'Wann wird das alles enden?', fragt die Reporterin. 'Frag Putin. Schick ihm einen Brief', antwortet er."
Stichwörter: Russland, Kriegstote

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - Verstka

Schon zu Sowjetzeiten hat die russische Bevölkerung für Nahrung oder Kleidung angestanden - heute stehen sie vor der Rekrutierungsstelle in Moskau, berichtet Olessja Gerassimenko auf Verstka (hier mehr Informationen und hier die deutsche Übersetzung bei Dekoder). Dabei spielen der ukainische Einmarsch in Kursk und das hohe Gehalt in der Armee eine entscheidende Rolle. "Die langen Schlangen vor der Rekrutierungsstelle haben sich nach dem 6. August gebildet, als ukrainische Truppen auf das Territorium der Oblast Kursk vorstießen. 'Jetzt haben wir 500 Leute am Tag, wir kommen kaum hinterher', berichtete ein Psychologe der Rekrutierungsstelle im August. 'Normalerweise waren die Kollegen im Chill-Modus, gingen abends um sechs nach Hause und hingen tagsüber entspannt im Park ab. Dann passierte Kursk, und jetzt kommen sie, der Zustrom reißt gar nicht mehr ab. Wir arbeiten jetzt bis zehn Uhr abends.'" In den Schlangen finden sich viele gescheiterte Existenzen. "Der Bauarbeiter Gennadi hat wegen Diebstahls gesessen, dann fand er eine Freundin. 'Wir bekamen ein Kind, aber es hat nicht funktioniert. Wir waren aber nicht verheiratet. Und weiter? Ich habe gesoffen und gearbeitet, habe nicht gesoffen und gearbeitet. Ich musste gehen und den Vertrag unterschreiben, damit ich ein besseres Leben beginnen kann. Mein Leben wird in Ordnung kommen. Ich hatte nie einen Wehrpass, konnte nie eine normale Arbeit finden.'" Auch Frauen finden sich ein. Sie können unter anderem als Scharfschützin unterschreiben. "Eine von ihnen, unverheiratet, jung, schön, sagt: 'Dort werde ich jemanden für mich finden.' Eine andere erzählte, dass ihr Mann im Krieg sei; Kinder hätten sie keine: 'Ich will nicht zu Hause sitzen und auf ihn warten; mir geht's schlecht, ich gehe auch hin.' Eine dritte ist Sängerin und Tänzerin in einem Ensemble. Nachdem sie zu Auftritten nach Syrien und in die besetzten Gebiete gereist ist, hat sie beschlossen, lieber mit einem militärischen Rang patriotische Lieder zu singen als in Zivil. Auch eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hat sich in der Rekrutierungsstelle gemeldet, eines war drei, das andere war ein Jahr alt. Einer der Informanten, mit denen Verstka sprechen konnte, fragte sie: 'Und die Kinder?' 'Denen geht's gut", entgegnete die Frau, 'die bleiben bei ihrer Oma und bei ihrem Vater.'"
Stichwörter: Russland, Ukrainekrieg, Rekruten