Jana Hensel: Es war einmal ein LandIn ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun…
Weihnachten und Neujahr stehen vor der Tür, traditionell Tage, in denen man mehr Zeit zum Lesen und für den Besuch von Ausstellungen hat. Weshalb dieses Fotolot dahingehend ein paar Anregungen enthält, in der Hoffnung, dass für alle etwas dabei ist.
Bis zum 25. Januar zeigt die "Deutsche Börse Photography Foundation" noch die Retrospektive "A World in Color" des 1941 in Antwerpen geborenen, belgischen Altmeisters der Farbfotografie, Harry Gruyaert. Die rund 120 ausgewählten Fotos entstammen Gruyaerts zahlreichen Reisen, die ihn in Länder wie Ägypten, Marokko, Indien und die USA führten.

Touristischen Aspekten gegenüber gleichgültige Straßen-und Reisefotografen folgen ihrem eigenen, inneren Kompass: der eine interessiert sich mehr für Stadtarchitektur, die andere für das Zusammenleben in sozialen Brennpunkten.
Gruyaert ist in dieser Beziehung ein Nachfahre von Matisse: Die unter dem intensiven Sonnenlicht mal schimmernden, mal gleißenden Farben Südfrankreichs und Marokkos haben zur Folge, dass Komposition und Farbchoreografie zu den prägenden Elementen seiner Fotos werden.
Bei Thames und Hudson sind in kurzer Abfolge drei Bücher von Gruyaert erschienen (teils erweiterte Neuausgaben), ich empfehle die Auswahl seiner Bilder aus "Marokko" im gleichnamigen Buch, jenem Land, das er seit seinem ersten Besuch 1969 immer wieder bereist hat, wahrscheinlich, weil es dem am meisten entgegenkam, was er in und mit seiner Fotografie zu finden hoffte. Das Buch gibt es bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher.
Apropos Farbfotografie.
Eine Ausstellung in der Galerie Buchkunst Berlin zeigt eine kleine Auswahl der Farbfotos, die der ehemalige Präsident der Agentur Magnum,Thomas Hoepker, bei seinen Reisen in die DDR zwischen 1972 und 1990 gemacht hat.

1972 nutzte Hoisa, während er 1974 mit seiner Frau, der Stern-Journalistin Eva Windmöller, für einen längeren Zeitraum nach Ostberlin zog. Frucht dieses Aufenthalts war das Stern-Buch "Leben in der DDR" (1976), das abseits von Paraden und Aufmärschen zeigt, wie die Leute in der DDR im Alltag mit der Mangelwirtschaft fertig wurden, und sich abseits der autoritären, politischen Hegemonie individuelle Freiräume schufen. Viele der darin enthaltenen Bilder finden sich auch im auf der Paris Photo präsentierten, neuen Buch von Buchkunst Berlin, "Thomas Hoepker: DDR/East Germany - Colour Works 1972 -1990.
Das Buch ist mit 288 Seiten Seite recht voluminös geraten: die Verleger Thomas Gust und Ana Druga hatten die Gelegenheit, Hoepkers Archiv auf Long Island zu durchforsten (in dem noch eine Reihe anderer, ungehobener Schätze schlummern). Eine erstes Ergebnis dieser Recherche war das Buch "Thomas Hoepker: Italia".
Im Kontext "Ostdeutschland" fanden sich fünfhundert, fürs Einscannen und den Druck geeignete Negative - Bilder, die es in dem Buch nun zum ersten Mal zu sehen gibt, das man im Webshop direkt beim Verlag bestellen kann.
Apropos individuelle Freiräume.
Bis 18. Januar läuft noch die Diane Arbus-Ausstellung im Gropius Bau.
Arbus (wiederzu-)sehen, oder sie vielleicht überhaupt zum ersten Mal genauer in Augenschein zu nehmen, wo man bis hierhin nur Highlights kannte, lohnt immer. 
Allerdings wird die Freude im Gropius Bau durch ein geradezu hanebüchenes Ausstellungskonzept getrübt, das einen einhundertachtzig Zentimeter großen Menschen dazu zwingt, sich einhundertfünfzig Zentimeter hinunterzubeugen, um auf einer prätentiösen Gitterkonstruktion dreißig Zentimeter über dem Boden befestigte Fotos von Arbus betrachten zu können. "Verbrochen" (anders vermag ich das nicht auszudrücken) hat das Matthieu Humery, kuratorischer Mitarbeiter von Pharma-Erbin Maja Hoffmann vom "Lumas" in Arles, von wo die Ausstellung übernommen wurde (übrigens die zweite Retrospektive von Arbus am selben Ort in zwölf Jahren).
Apropos Arbus.
Die Wiener Albertina zeigt noch bis 22. Februar die Retrospektive von Arbus' Lehrerin, Lisette Model.
1901 als Tochter einer jüdischen Familie geboren, studiert sie anfangs Harmonielehre und Kontrapunktik bei Arnold Schönberg. 1926 zieht sie nach dem Tod des Vaters nach Frankreich, wo sie in Nizza ihren späteren Mann kennenlernt. Dort tritt sie 1934 als Fotografin mit ihrer ironisch gebrochenen Serie über die Gewohnheiten der High Society hervor, die an der "Promenade des Anglais" ihren Urlaub verbringt.

1938 emigriert sie mit ihrem Mann nach New York, wo ihre Fotos bald in Magazinen wie Harper's Bazaar veröffentlicht werden. Sie wird Mitglied der New Yorker "Photo League", die sich der politisch engagierten, sozialkritischen Fotografie verschrieben hat. Ein Drittel der Mitglieder waren Frauen (wie Ruth Orkin), die in der regressiven Nachkriegsära eine Zeitlang aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wurden, und wie Model immer unter dem Verdacht der kommunistischen Agitation standen: 1947 wurde die Photo League in die "Liste subversiver Organisationen" des Justizministeriums aufgenommen.
Da es in dieser Atmosphäre fast unmöglich war, zu publizieren, verlegte sich Model aufs Unterrichten (bis zu ihrem Tod 1983 u. a. an der legendären New School for Social Research), und beeinflusste neben Diane Arbus auch andere, später berühmte Fotografen wie Larry Fink und Bruce Weber.
Exzentrik und Nonkonformität, die sich bei Arbus finden, sind schon bei Model ausgeprägt, wobei Arbus' Interesse mit der Zeit mehr dem Porträt gilt (und dabei auf das durch Aussehen und Kleidung weniger verstellte, als hervorgehobene Wesen ihres Gegenübers zielt), während Model Menschen vor allem in konkreten Situationen zeigt, ob auf der Straße oder in Jazz-Clubs, den Fokus auf die Gestik und Mimik des Augenblicks gerichtet.
Gerade ist bei Prestel der sehenswerte Katalog zu Models Retrospektive erschienen - zu bestellen wie immer über eichendorff21, dem Fotobuchladen des Perlentaucher.
Apropos Fotografinnen.
Bis zum 15. Januar zeigt die Kölner Galerie Sandro Parotta noch die Ausstellung "Screened and Scraped" mit Arbeiten von Clare Strand.
Im Info-Text zur Ausstellung heißt es:"Im Zentrum der Kölner Ausstellung steht das Entropy Pendulum (2015), eine eigens konstruierte Apparatur, die ein Pendel kontinuierlich in Schwingung versetzt. Während der Bewegung kratzt das schleifende Gewicht des Pendels über 36 einzelne Fotografien aus dem Archiv der Künstlerin und trägt sie ab. Der langsame Abrieb schreibt sich als Präsenz und Verlust in die Bildoberfläche ein - Degradation und Neuerfindung in einem. An jedem Ausstellungstag wird ein einzelnes Foto aus dem Set unter das Pendel gelegt. Zu einem festgelegten Zeitpunkt wird das Bild wieder herausgenommen und in einen von 36 leeren Rahmen an der Galeriewand eingesetzt. Sobald alle 36 Bilder gerahmt sind, ist der Prozess abgeschlossen."
Ob nun Degradation oder Neuerfindung: Die Wand mit den Arbeiten von Strand am Messestand von Parotta war auf jeden Fall eine der schönsten der diesjährigen Paris Photo:

Schöne Feiertage und guten Rutsch ins neue Jahr wünscht
Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de