Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".---------------
Eines Tages standen sie mit leeren Händen da, die Menschen im Libanon. Wie geschah das eigentlich? Und wie geht man dagegen vor? In unserer Leseprobe liefert Radscha eine scharfe Antwort auf die erste Frage - während Zalfa sich in den Kampf stürzt und nebenbei einmal mehr demonstriert, wer in ihrem Haushalt (und nicht nur dort) die Hosen anhat.Der Libanon ist eine Nation der Diebe. Was das Auge sieht, nimmt die Hand. Im Herbst 2019 sickerte die Nachricht durch, dass der libanesischen Bank das Geld ausging. Warum? Weil sich die Mitglieder der Regierung, auf allen Ebenen, in die Taschen steckten, was hineinpasste. Seit Generationen wurde der Libanon von Mafiabanden regiert, die alles verschlangen, knospende wie trockene Zweige, ja, den ganzen Baum. Hume hat einst gesagt, Habgier kurbelt die Industrie an. Ich kann nicht für den Rest der Welt sprechen, aber in meinem Land führt Habgier zu nichts anderem als noch schamloserer Habgier. Eine geheime, betrügerische Absprache zwischen der Regierung, der Zentralbank und den anderen großen Banken hatte ein gigantisches Ponzi-System, eine Art Pyramidenspiel mit unseren Ersparnissen ermöglicht. Und als die Mafiosi daraus kein Geld mehr abzuzweigen vermochten, zapften sie die Reserven an und leerten die Depots der Nationalbank. Die Ersparnisse jedes einzelnen Libanesen und jeder einzelnen Libanesin - die nicht kriminell waren und ihr Geld im Ausland versteckten - verschwanden. Die Regierung sagte uns, das Geld sei nicht weg, nein, auf gar keinen Fall, die Banken sicherten es für uns. Wir konnten allerdings nicht darauf zugreifen, weil, nun ja, es gerade kein Bargeld gab. Alle, die Geld auf der Bank hatten, konnten pro Woche den Gegenwert von hundert Dollar abheben … nein, hundert Dollar pro Monat … nein, den Gegenwert von fünfzig Dollar pro Monat. Meine Mutter hatte sich geweigert, ein Taschengeld von mir zu bekommen, da sie kein Kind mehr war. Nun, unsere Regierung betrachtete uns alle als Kinder.
Es dauerte etwas, bis uns klar wurde, was da geschehen war, zumindest ging es mir so. Unsere uns beklauende Regierung kam nur nach und nach mit der Wahrheit heraus. Bis ich begriff, dass meine Ersparnisse verschwunden waren, verging ein Monat, und doch fühlte es sich äußerst plötzlich an. Von einem Moment auf den anderen hatte ich alles verloren, war alles vernichtet. Bevor ich etwas dagegen hatte unternehmen können, bevor ich einmal Luft holen konnte, war es geschehen, hatte ich meine Zukunft verloren. Was ich mir auch für meinen Ruhestand erträumt hatte, jedes Bild, das ich mir von mir nach jenem Zeitpunkt gemacht hatte, wer ich einmal sein würde, löste sich in Luft auf. Was immer ich besessen hatte, gehörte mir nicht mehr. Dennoch war ich einer der Glücklichen, Gesegneten. Ich hatte Arbeit, hatte einen Job, und anders als der Großteil meiner Landsmänner wurde ich in Dollar bezahlt.
Während ich zusah, wie mein Land implodierte und meine Währung in schwindelerregendem Tempo an Wert verlor, versuchte ich mir genau das zu sagen: dass ich Glück hatte, und auch meine Mutter davon zu überzeugen. Sie wollte nichts davon hören.
Während ich um meine verlorene Zukunft trauerte, sann sie auf Vergeltung und wollte Wiedergutmachung.
In den Wochen, in denen die Banken geschlossen blieben, lief sie in der Wohnung umher und verwünschte jeden Politiker im Libanon, jeden Banker und Milizenführer, jeden Mafioso. Sie wollte sich nicht beruhigen. Die Schule hatte wieder angefangen, und wenn ich morgens das Haus verließ, fluchte sie zur Decke hinauf, kam ich abends zurück, schrie sie die Lampen an. Wie konnten diese Unmenschen es wagen, einer einundachtzigjährigen Frau ihre Ersparnisse zu stehlen? Sie war eine Witwe und Großmutter. Fast hätte sie mich geschlagen, als ich zu witzeln versuchte, dass es meine Ersparnisse seien, die man uns weggefressen habe, nicht ihre. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr zu erklären, dass wir schon durchkämen - wenn ich vielleicht auch nicht viel Geld verdiente, so doch genug, um uns beide über Wasser zu halten. Wir müssten einfach nur auf ein paar Dinge verzichten. Wir könnten nicht mehr essen gehen, was wir jedoch sowieso nie täten, keinen Urlaub mehr machen, aber auch das sei ja bisher eine Seltenheit gewesen. Grundsätzlich kämen wir schon durch. Sie nannte mich zurückgeblieben. Was würde passieren, wenn ich meine Stelle verlor, wenn die Schule mich nicht länger bezahlen konnte? Es sei schließlich nicht so, dass sie in ihrem Alter wieder eine Arbeit annehmen könne. Sie war überzeugt, dass wir am Ende waren. Ich sorgte mich, dass ihr diese Wut und diese Angst Herzprobleme bereiten könnten.
Am Tag, an dem die Banken wieder öffnen sollten, standen wir zusammen mit Hunderten anderen, vielleicht Tausenden, draußen vor der Tür. Nach zweistündigem Warten wurde uns schließlich gesagt, dass die Bank nun doch nicht öffnen werde. Ich ging zur Arbeit. Meine Mutter kochte vor Wut. Sie redete mit Tante Yasmine, deren Familie finanziell noch schlimmer dastand als wir. Tante Yasmine hatte eine Freundin, die wiederum engstens mit der Sekretärin unseres Bankdirektors befreundet war und uns einen Termin mit ihr, einer Miss Zainab, vermittelte, um zehn Uhr morgens. Ich kam von der Schule aus hin, musste mich durch brüllende Kunden hin zum inneren Heiligtum kämpfen und gelangte zu einem verglasten Büro, in dem meine Mutter bereits einen größeren Tumult zu veranstalten schien als die gesamte Horde draußen. Drei vor dem Büro wartende Männer applaudierten ihr und sprangen auf und ab. Ihnen fehlten nur noch die Pompons. "Zeig's ihr!", schrie einer. "Sorg dafür, dass sie uns unser Geld zurückgeben!" Ich sah meine Mutter durch die Scheibe im flackernden Neonlicht, einen umgefallenen Stuhl zwischen den Beinen, wie sie wild mit den Armen gestikulierte und ihre Handtasche in der Luft kreisen ließ. Sie versuchte, sich auf eine Weise größer erscheinen zu lassen, die ein Naturkundler ein deimatisches Verhalten, ein Drohverhalten, genannt hätte. Die größere und beleibtere Miss Zainab drückte sich mit ihrem Stuhl so weit in die Ecke, wie sie konnte, und hoffte, dass ihr Schreibtisch eine ausreichende Barriere bildete. Die Energie meiner Mutter, ihre lautstarke Wut, schlug mir entgegen, als ich die Tür öffnete. Die Sekretärin sah mich äußerst erbärmlich und flehentlich an und gemeinsam versuchten wir, meine Mutter ein wenig zu beruhigen. Ich richtete den Stuhl wieder auf. Miss Zainab versuchte uns zu erklären, dass wir im selben Boot säßen, auch sie habe ihr Geld auf der Bank und könne nicht darauf zugreifen. Meine Mutter nannte sie eine Lügnerin, und dass sie sich schämen solle, eine Frau in ihrem Alter so hinters Licht führen zu wollen. Miss Zainab beteuerte immer wieder, dass sie nur die Sekretärin sei und nichts tun könne. Meine Mutter beschuldigte sie ein weiteres Mal, uns etwas vorzumachen. Mit von Besorgnis verzerrter Miene deutete Miss Zainab auf das gravierte Schild auf ihrem Tisch, auf dem ihr Name und ihre Position standen. Meine Mutter beugte sich vor und verlangte, den Direktor anschreien zu können, der natürlich nicht da war und wahrscheinlich auch lange nicht kommen würde. Keiner der höheren Herren war da. Wenn sie die Stelle nicht so unbedingt bräuchte, sagte Miss Zainab, würde sie noch in dieser Minute kündigen. Dächten wir etwa, dass es ihr Spaß mache, von meiner Mutter angeschrien zu werden? Und als sie dann flüsterte, sie habe Angst vor dem, was die Leute mit ihr machen würden, wurde meine Mutter leiser. Ihre Stimmungslage wechselte. Ihre Vorgesetzten hätten ihr und den übrigen Mitarbeitern heute keinerlei Sicherheitspersonal zur Seite gestellt, sagte Miss Zainab und meine Mutter begann, sie zu bemitleiden, verfluchte die Bankbosse und alle Politiker. Schon Augenblicke später war sie auf der anderen Seite des Tisches und tröstete die schluchzende Miss Zainab. Sie werde es nicht erlauben, dass ihr irgendetwas zustoße, und dafür sorgen, dass sich all die Männer draußen anständig benähmen, nichts Ungehöriges werde der Sekretärin geschehen, aber gebe es noch Bargeld in der Bank, etwas, das meine Mutter abheben könne, denn wir bräuchten das Geld, vielleicht lägen ja irgendwo noch Hunderttausend herum, die nicht benötigt würden? Nein, natürlich gebe es nichts in der Art, und wenn, könnten wir nichts davon abheben, und sie, Miss Zainab, könne nicht viel tun, aber sie rufe jetzt ihren für Abhebungen zuständigen Freund an, um zu sehen, ob da nicht doch noch etwas liege und er etwas tun könne. Sie machte den Anruf, während meine Mutter sie noch umarmte und sich wie eine Stola um ihre Schultern schmiegte. Wie sich herausstellte, konnten wir etwas abheben, mussten aber diskret sein und durften niemandem etwas davon sagen. Wir sollten nach hinten ins dritte Büro gehen und unser Scheckbuch erst hervorholen, wenn wir die Tür hinter uns geschlossen hätten. Ihr Freund würde uns etwas geben, aber bitte, wir dürften wirklich niemandem etwas davon sagen, sonst verlöre sie ihren Job, und die Männer draußen würden das Gleiche wollen, und sie halte das alles nicht aus. Meine Mutter fragte noch nach der Handynummer ihres Chefs, die Miss Zainab ihr zunächst nicht geben wollte. Aber meine Mutter brauchte die Nummer, um sicherzustellen, dass es Miss Zainab, ihre neue beste Freundin, den Rest des Tages über leichter haben würde. Als wir das gläserne Büro verließen, schimpfte sie die wartenden Männer aus, weil sie so ungehobelt herumschrien. Sie erklärte ihnen, die Sekretärin sei nur eine Sekretärin, sei eine von uns, und sie sollten sie in Ruhe lassen und stattdessen ihren Chef anrufen. Wollten sie seine Nummer?
Wir verließen die Bank mit 4.350 Dollar in bar. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir eine bedeutende Summe von unseren Ersparnissen abheben konnten. Miss Zainab beantwortete alle Anrufe meiner Mutter und half, wo sie konnte. Ihr Chef musste seine Telefonnummer ändern.
Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlags