Vorworte

Diese Königin will keine Untertanen

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
18.05.2026. Dichter und Philosophen haben mit der Idee gerungen. Nun soll uns ausgerechnet ein Dienstmädchen vorleben, was Freiheit ist? Vorsicht, geschätzte Leserschaft: Catherine Guérards "Renata Wasweißich" tut das auf ungewohnte, zugleich bescheidene und ziemlich radikale Art - und zeigt nicht zuletzt auf, wie sich einem das eigene Denken dabei in den Weg stellen kann.
Freiheit? Freedom's just another word for nothin' left to lose… Die Worte, obwohl sie nur ein schmales Streiflicht auf den durch jahrhundertelange Denktradition gesättigten Begriff werfen, schießen mir wie ein Pawlow'scher Reflex durch den Kopf, wenn ich "Freiheit" denke. Vielleicht ist das eine Frage der Generation - und mit Sicherheit liegt die Überzeugungskraft nicht in der Gleichung selbst, sondern in der Stimme, die sie vorträgt. Der mal brüchig-zarten, dann wieder direkt ins Herz schneidenden Stimme, mit der Janis Joplin "Me and Bobby McGee" gesungen hat.

Freiheit: Nichts zu verlieren haben?

"Ich erhielt das Geschenk einer fürchterlichen Freiheit", schrieb eine, der es an Gütern und Gaben weiß Gott nicht mangelte. In eine reiche Schweizer Industriellenfamilie geboren, war Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) vielseitig talentiert: Nach einer von ihrer ausgeprägten Musikalität dominierten Kindheit studierte sie Geschichte, wandte sich anschließend der Schriftstellerei und Fotografie zu, fand Eintritt in den Kreis um Klaus und Erika Mann. Und allein ihre herbe Schönheit hätte genügt, um Menschen in ihren Bann zu ziehen. Dennoch war Annemarie Schwarzenbach eine Gejagte, Gequälte, immer wieder von Enttäuschungen und Ängsten eingeholt, die sie mit Morphium zu betäuben suchte. Die zitierte Einsicht kam ihr 1935 in dem persischen Hochtal, wo ihr bekanntester, stark autobiografisch geprägter Roman situiert ist. "Das glückliche Tal" heißt er; und wie zweischneidig dieser Titel ist, offenbart derjenige, den sie über die Erstfassung des Manuskripts setzte: "Tod in Persien".

Fürchterliche Freiheit.

"Du weißt nicht, was du sagst", würde eine Frau rund fünfzig Jahre später - und auf Persisch - der Schweizer Schriftstellerin vielleicht entgegnen. Ihr Name: Monireh Baradaran. Ihre Stimme: dumpf hinter den Mauern eines der wechselnden iranischen Gefängnisse, in denen die politische Aktivistin nach ihrer Verhaftung 1981 neun Jahre verbrachte. Orte, an denen man die Skalen der Demütigung und Schmerzzufügung rauf und runter lernte, vom allgegenwärtigen Schmutz über das Vegetieren in überfüllten, luft- und lichtlosen Zellen bis zur brutalen Folter, die mit dem islamisch korrekten Euphemismus "Züchtigung" bemäntelt wurde. Freiheit, hier? Doch, es gab sie, gab die erfinderisch geschaffenen Nischen, wo die Gefangenen ihr Selbst bewahrten. Wer Bildung genossen hatte, reichte sie in heimlich abgehaltenen Unterrichtsstunden oder Vorträgen weiter, sogar handschriftlich kopierte Bücher kursierten. Beim Hofgang sammelte man Blüten und stellte daraus Wasserfarbe her. Nähnadeln wurden wie Schätze gehortet, alte Kleidungsstücke damit in neue umgewandelt oder, in Fäden aufgedröselt, zu Stickereien oder gar kleinen Teppichen verarbeitet. Auf Festtage hin sparte man sich Brot vom Mund ab, das, getrocknet und gerieben, mit Butter und zerstoßenen Zuckerwürfeln zu einer Art Kuchen geknetet wurde. So dürftig und zugleich so wunderbar kann Freiheit sein.

Blütenblätter. Fäden. Altes Brot. Ist Freiheit so bescheiden?

Renata kennt den Kerker nicht, und nicht die Folter. Sie kann die Augen höher heben als Baradaran und deren Leidensgefährtinnen, will aber gar nicht so viel mehr. Für sie bedeutet Freiheit, "sich auf eine Bank setzen und die Vögel singen hören".

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Aber erst einmal: Wer ist sie, diese Renata, die eigentlich gar nicht Renata heißt und wahrscheinlich auch nicht weiß, dass der Name, nach dem sie spontan gegriffen hat, "die Wiedergeborene" bedeutet? Sie ist - oder war - Hausangestellte bei einem Pariser Ehepaar, dem sie von einem Tag auf den andern den Bettel hinwirft. Ob sie auf eine andere Stelle wechseln wolle, fragen Monsieur und Madame perplex. "Nein, ich will eine Freie sein, herumlaufen, schauen", kommt es knapp und klar zurück. Renatas richtigen Namen erfahren wir ebenso wenig wie ihr Alter; einmal wird ein verärgerter Mann sie mit "Mutti" anranzen, um die fünfzig könnte sie also sein. Woher sie kommt? Unbekannt. Die Liebesbeziehung mit einem Mann namens Paul, dessen Briefe sie hortet und hütet, ist der einzige Stern, der hie und da aus dem Dunkel ihrer Vergangenheit aufscheint. Wohin sie geht? Nach der Kündigung packt sie ihre Habe - zuvörderst natürlich die Briefe - schlecht und recht in vier Kartons und marschiert los, auf der Suche nach der Bank, den Vögeln. Paris scheint sie kaum zu kennen, sie tut sich schwer mit der Orientierung in der Metro, ein Selbstbedienungsrestaurant ist Fremdland. Doch ihre Wissensdefizite nimmt sie nicht als solche wahr, sondern legt sie umgehend anderen zu Lasten; sogar Menschen, die ihr behilflich sein wollen, bleiben in solchen Fällen nicht von ihrem Unmut verschont.

Denn mit Renata ist zu rechnen - und das gilt für die Figuren, die im Lauf der Handlung ihren Weg kreuzen, ebenso sehr wie für die Leserinnen und Leser des hier vorzustellenden Romans. "Renata Wasweißich" (im Original "Renata n'importe quoi") heißt er, und seine Geschichte wie auch diejenige Catherine Guérards, seiner Verfasserin, ist kaum weniger eigenartig als diejenige, die er erzählt. Aber davon später.

"Ich will eine Freie sein, herumlaufen, schauen"

So lapidar hört man das Bekenntnis zur Freiheit selten. Und uns, die wir in Arbeits- und Beziehungskontexten gebunden, von materiellen Gütern umstellt sind, lockt Renata mit ihrem bockigen, ungeformten, aber beharrlichen Geist auf eine Denkspur, die zu verfolgen sich lohnt. Was ist Freiheit für diese Frau, wo stößt Renata - in ihrem Umfeld, aber auch in sich selbst - an Grenzen?

Begrenzt und entgrenzt zugleich ist schon die Form, die Catherine Guérard für ihr 1967 veröffentlichtes Buch wählte, das nun erstmals auf Deutsch erscheint. Im Original rund 160 Seiten lang, besteht es aus einem einzigen Satz, der Handlung und Gespräche, Erinnerung und Reflexion im inneren Monolog der Protagonistin übergreift, in diesen Wechseln aber eine lebendige, zugleich überschaubare Struktur annimmt. Der Bewusstseinsstrom passt ebenso gut zu Renatas stetem Unterwegssein wie zur fast absoluten Gegenwartsgebundenheit der Erzählung - und Olga Radetzkajas deutsche Übersetzung holt diese unangestrengte Sprachbewegung, die den Lesenden volle Konzentration auf den Text ermöglicht, tongenau und geschmeidig ein.

Was Renata sich unter Freiheit vorstellt, ist schon angedeutet. Herumlaufen, schauen; sich auf eine Bank setzen und die Vögel singen hören. Ähnliche, scheinbar schlichte Konkretisierungen folgen im Lauf des Geschehens: So genießt sie es, sich ohne festes Ziel von Metro oder Bus irgendwohin tragen zu lassen oder um vier Uhr Mittag zu essen, statt punkt zwölf mit der Horde zu futtern. "Freiheit heißt auch, dass es still ist" - schon etwas schwieriger im Großstadtgetümmel. Und manchmal tönt die Definition von Freiheit knallhart: "Freiheit ist wenn man keinen Ort zum Zurückkommen hat."

Dass Renata für die Freiheit einiges auf sich nimmt, zeigt auch ihr Stoizismus, als das Wetter umschlägt. "Nur die Freien bleiben im Regen sitzen", postuliert sie, und hält es durch, obwohl sie nicht einmal einen Schirm hat. "Heute gibt es Haarewaschen und Dusche und Mantelreinigung in einem bei mir, und alles fällt gratis vom Himmel", kalkuliert sie keck und erhebt sich gar zur "Regenkönigin auf ihrem Regenthron (…) ich bin die Königin des Regens, die Königin von allem". Souveränität, die sich aus Bedürfnislosigkeit speist: In einem anderen royalen Moment sitzt sie auf einem Mauervorsprung, verzehrt ein hartes Ei zum Abendbrot und fühlt sich dabei "wie die Königin der Nacht auf ihrem Thron, auf ihrem Thron aus Stein". Souveränität, die aber auch den plötzlichen Stimmungswechseln ausgesetzt ist, die der absolute Freiheitsanspruch mit sich bringt: "Ich bin die Königin von meinem Kopf, und mein Kopf sagt ich will an der Sonne sein und Leute vorbeigehen sehen und Vögel singen hören, aber da war ich auf einmal ärgerlich, ich dachte Ja, aber wo Leute sind, sind keine Vögel, und wo Vögel sind, sind keine Leute, aber dann ist der Ärger wieder verflogen und ich habe mir gesagt Es gibt doch Orte wo gleichzeitig Leute und Vögel sind, man muss sie nur finden."

Solche Kippmomente finden sich häufig, und nicht immer sind sie so schnell und mühelos zu bewältigen. So hat diese Königin etwa ihren ganz eigenen Rosenkrieg auszufechten - mit einer Baccara, die Renata sich selbst geschenkt hat, um den Aufbruch in die Freiheit zu feiern. Sie hängt an der Blume, ihrer Schönheit und ihres Symbolwerts wegen, und gerade das lässt die Rose zur Last werden. Wie sie am Leben erhalten beim steten Unterwegssein, wie sie langfristig bewahren, als sie zu welken beginnt? Eine kleine Friktion genügt, und schon kommt das Gefühl hoch, "dass nicht ich das Kommando habe in meinem Leben, sondern eine Blume, und da hat mich ein gewaltiger Zorn gepackt, dass meine Freiheit so verpfuscht wird". Die wechselvolle Beziehung zur Rose zieht sich durch einen Großteil des Romans, witzig und zu Herzen gehend, aber sie ist zugleich Teil von Renatas insistenter Reflexion über die Macht der Materie und des Besitzes - über die Frage, ob "eigentlich das ganze Leben ein Kampf darum" sei, "wer kommandiert, wir oder die Dinge". Davon können sich heutige, im Überangebot der Konsumgüter schwimmende, im digitalen Netz strampelnde Leserinnen und Leser eine größere Scheibe abschneiden, als Catherine Guérard geahnt haben mag.

Der Kampf mit den Dingen, so bedeutsam er im Roman als Thema ist, hat eine komische Note, weil es oft um betont Unbedeutendes - Socken etwa oder ein Stück Schnur - geht. Wo Renata hingegen mit anderen Menschen kollidiert, kann es auch laut und bitter werden. Als sie sich nach der Kündigung von einigen Bekannten im Quartier verabschiedet, warten diese reflexartig mit Tipps für die Suche nach einer neuen Stelle auf. In Renatas Augen freilich sind das "Ratschläge zwecks Verpfuschung meiner Freiheit", und sie kontert entsprechend: "Dafür kommen wir also auf die Welt, für die Galeere, ja, für die Galeere, schreie ich". Auch im Lauf ihrer Quest ist sie schnell bei der Hand mit Feindseligkeiten. Dass sie den Frust über eigene Fehler gern am Gegenüber auslässt, wurde bereits erwähnt; ihre Toleranzschwelle im Blick auf andere jedoch tendiert gegen Null. Das illustriert etwa eine Zufallsbegegnung, die sie gruß- und kommentarlos abbricht, als sie erfährt, dass die andere Frau bei einer Rechnungsstelle arbeitet. Solche Leute dürfte es Renatas Ansicht nach "gar nicht geben", denn ohne Rechnungsstellen und Geld wäre alles "viel besser, alle wären frei und könnten leben wie sie wollen".

Das ist lediglich weltfremd und naiv; die Tat jedoch, mit der Renata in der letzten Sequenz des Romans einer Gruppe wenig privilegierter, aber durchaus gut aufgehobener Frauen zur vermeintlichen Freiheit verhelfen will, ist von erschreckend anderer Art. So steht das großartige Schlussbild der Protagonistin vor nachtschwarzem Hintergrund - auch dadurch dürfte Catherine Guérards Romanheldin unvergesslich bleiben.

Doch wenn dem so ist: Wie konnte es geschehen, dass dieses Buch - sogar in Frankreich - über Jahrzehnte vergessen ging? Ein Buch obendrein, das 1967 immerhin zu den Spitzenkandidaten für den Prix Goncourt und den Prix Renaudot zählte? Renaud Buénerd und François Grosso, die Gründer des Kleinverlags Editions du Chemin de fer, entdeckten "Renata n'importe quoi" 2021 durch schieren Zufall in einem Antiquariat und beschlossen umgehend, den Roman neu aufzulegen. Aber wer war diese Catherine Guérard überhaupt, und wo lagen die Publikationsrechte für ihr Buch? Eine erste Recherche über die Autorin ergab, dass sie 1955 mit "Ces princes" ihr literarisches Debüt gegeben hatte; sonst so gut wie nichts. So fragten die Verleger bei Gallimard an, wo "Renata n'importe quoi" seinerzeit erschienen war. Der Verlag gab das Buch umstandslos zum Nachdruck frei, wies aber darauf hin, dass man nicht wisse, ob Catherine Guérard oder allfällige sonstige Rechteinhaber noch am Leben seien. So nahmen Buénerd und Grosso ihre Nachforschungen wieder auf, über die sie dann in einem 2022 in der Zeitschrift "Sigila" veröffentlichten Essay berichteten*.

Die Schriftstellerin, so erwies sich, war ihrer Protagonistin wesensverwandt, indem sie zumindest den Nachnamen selbst gewählt hatte. Geboren wurde sie 1929 als Catherine Dreyfus in der nahe Paris gelegenen Gemeinde Le Vesinet; ihr Großvater Eugène Dreyfus war Präsident des Pariser Berufungsgerichts gewesen, der Großvater mütterlicherseits Diamantenhändler, eine Tante war mit dem Molekularbiologen und Nobelpreisträger Jacques Monod verheiratet. Ein stattlicher Rahmen also, aus dem die junge Frau mit ihrer Namensänderung ausgebrochen war.

Catherine Guérard lebte nicht mehr, als Buénerd und Grosso ihr Buch entdeckten, aber die beiden hatten das Glück, eine Freundin und Weggefährtin kurz vor deren Tod aufzuspüren: die Journalistin und Schriftstellerin Yvonne Baby (1931-2022), langjährige Mitarbeiterin von Le Monde, wo sie unter anderem mit dem Aufbau und der Leitung des Service Culturel betraut war. Die Frauen hatten sich 1967 kennengelernt, als Baby mit ihrem Debütroman "Oui l'espoir" den Prix Interallié holte, während sich Guérards Hoffnungen auf den wesentlich prestigereicheren Goncourt oder Renaudot zerschlugen. Eines der kurzen Kapitel in Yvonne Babys Erinnerungsband "A l'encre bleu nuit" ist Catherine Guérard gewidmet, weitere Informationen erhielten die Verleger im Gespräch mit ihr. So erfährt man etwa, dass Guérard - selbst eine leidenschaftliche Musikerin, die Klavier, Cembalo und Orgel spielte - über längere Zeit für das Magazin Elle eine Musikkolumne geschrieben und sich einmal mit einem kritischen Beitrag über Héctor Berlioz derart exponiert hatte, dass die Redaktion zugunsten der Autorin intervenieren musste. Oder dass sie und Baby sich zu Beginn ihrer Freundschaft "mit jenem mokanten Wagemut der Ängstlichen", die sich der möglichen Vergänglichkeit ihres Ruhms stets bewusst sind, unter den "Jungwölfen und den gestandenen Löwen" der Pariser Literaturszene bewegt hätten. Man lernt Catherine als zarte, zerbrechliche Frau kennen, stets zur Hand mit einem Lachen, "das augenblicklich die Mittelmäßigkeiten, den Verrat ringsum wegspülte, das mit jenem Humor imprägniert war, der aus tiefer Melancholie erwächst". Und zugleich als Kämpferin, die moderne Frauen in ihr Recht setzen wollte. So unterstützte sie Claude Dalla Torre, die langjährige Pressechefin des Verlags Grasset, bei deren Bemühungen, mit dem Prix d'Honneur ein modernes Gegenstück zum Prix Fémina zu schaffen: Wie beim letzteren sollten ausschließlich Frauen in der Jury sitzen - aber solche, deren Urteil nicht, wie im Falle des "Fémina", durch "akademische Betulichkeit" gelähmt war.

Einen Seitenblick widmet Baby auch dem für jugendliche Leserinnen bestimmten und nicht mehr greifbaren Buch, das Catherine Guérard - unter wieder anderem, diesmal doppeltem Pseudonym - 1971 als Auftragsarbeit für die bei den Éditions Filipacchi publizierte Reihe "Mlle Âge tendre" verfasst hatte. "Love, love, love" heißt es, und als Autorinnen figurieren Marion und Sonia Carvel: Die Tagebücher der (fiktiven) 17-jährigen Zwillingsschwestern bilden den Inhalt des Romans. Zu dem wohl eher leichtgewichtigen Werk schreibt Yvonne Baby: "Den Geist der Adoleszenz dürfte Catherine, ernsthaft und unverschämt wie sie war, mit ihrem zugleich amüsierten und romantischen Blick sofort erfasst haben."

Die Prosa von "Renata n'importe quoi" hingegen vergleicht sie in "A l'encre bleu nuit" mit derjenigen Thomas Bernhards, auch in der Affinität zur Musik sieht sie eine Parallele zwischen dem Österreicher und ihrer Freundin. Vor allem aber enthüllt Baby, mit eher pro forma zaudernder Geste, den Widmungsträger des Romans: Hinter dem kargen "pour François" verbirgt sich kein Geringerer als der spätere französische Präsident François Mitterand, mit dem Catherine eine so leidenschaftliche wie leidvolle Liebesbeziehung verband. Für den verheirateten und ab 1962 mit einer zweiten Frau fest liierten Staatsmann war es ein Seitensprung unter vielen; für Catherine ein Seelendrama, das sie nie ganz verwand. So hegt Yvonne Baby denn auch keinen Zweifel, dass die Briefe in "Renata n'importe quoi" - das Einzige, was die Protagonistin bis zum Ende mit sich trägt - für diejenigen stehen, die ihre Freundin von Mitterand erhalten hat, obwohl ihnen im Roman ein anderer Name aufgeprägt ist: Paul. Das wiederum war der Vorname des zweiten Mannes, den Catherine Guérard über längere Zeit und unter ähnlich unglücklichen Umständen geliebt hatte. Paul Guimard, Journalist, Schriftsteller und kurzzeitig Berater Mitterands, war ebenfalls verheiratet und dachte nicht daran, seine Ehe einer anderen Beziehung zu opfern. Buénerd und Grosso gingen auch dieser Spur nach und erhielten Einblick in Guérards Briefe an Paul Guimard: Sie zeigten, liest man in "Sigila", auf bewegende Weise "das Bild einer Frau, zerrissen zwischen zwei Liebesbeziehungen und sich zugleich vollkommen bewusst, dass ihre Gefühle, ob sie nun François Mitterand oder Paul Guimard galten, einseitig und unerwidert waren".

Von Mitterand - der auch für seine royalen Attitüden bekannt wurde - schlägt Yvonne Baby den Bogen wieder zu Catherine Guérards Romanen. Während Renata sich zwar selbst zur Königin erhebt, aber im Schatten eines diffusen "Wasweißich" antritt, kündigt der Erstling mit Fanfare "Ces princes" an. Das dem Text vorangestellte Motto liefert eine schlichte lexikalische Definition des Titelbegriffs: "PRINCE: Celui qui possède une souveraineté" - derjenige, der eine Hoheitsgewalt besitzt. Natürlich schwingt in "souveraineté" auch der größere Assoziationsraum des Wortes "Souveränität" mit, der dem Romanszenario insgesamt besser entspricht, von diesem aber zugleich unterlaufen wird.

Ein Maß an Hoheitsgewalt kann man zumindest dem einen Protagonisten zuschreiben: Er ist General, homosexuell, steht wohl in mittleren Jahren, seinen Namen erfahren wir nicht. Der andere, Antoine, ist um die zwanzig und praktiziert Souveränität im Rahmen eines reichlich eigenwilligen Lebensentwurfs. Er ist ein Faulpelz, der zugleich Anspruch auf "das absoluteste Glück" erhebt und entsprechend bemüht ist, sich alles Unangenehme vom Hals zu halten. So wählt er statt des Literaturstudiums, das ihn zwar interessieren, aber gerade deshalb auch fordern würde, das Polytechnikum, wirft jedoch auch dort schon bald das Handtuch. Und siehe, das Schicksal legt ihm seinen Traumjob zu Füßen, eine Anstellung bei einem Buchverlag. Aufgrund seines nüchternen Blicks auf die eigene Zukunft und seines misstrauischen, vorsichtigen Wesens wird Antoine eine "beunruhigende Reife" zugeschrieben, die dann aber an der Begegnung mit dem General zu Bruch geht.

Denn die Souveränität, welche die beiden beanspruchen, ist von zutiefst ambivalenter Art: Sie gehen eine Beziehung ein, die zu jener Zeit nicht sein darf - und nehmen sich damit eine Freiheit, die zur tödlichen Verstrickung wird. Eine fürchterliche Freiheit. Der Bezug zu Annemarie Schwarzenbach ist gerechtfertigt, denn im "Glücklichen Tal" verarbeitet die Schriftstellerin auch ihre Leidenschaft für die schöne Perserin Jalé; in eine lyrische Klage verwoben und in einen wesentlich weiteren Kontext gesetzt, wird der Versuch einer gleichgeschlechtlichen Liebe dort jedoch nur angedeutet. Catherine Guérard geht in "Ces princes" um einiges weiter, umso mehr, als sie auf männliche Homosexualität fokussiert: ein Thema, das Mitte der 1950er Jahre generell, und erst recht für eine weibliche Autorin, ein heißes Eisen gewesen sein muss.

Der Geist jener Zeit wird spürbar, wenn Antoine mit der Vorstellung ringt, sich einer "derart beschämenden Liebe" hinzugeben, wenn seine Gewissensnot sich gar als "äußerst gewaltsamer Kampf zwischen Gut und Böse" darstellt. Ganz anders tönt das mit einer Art nüchterner Melancholie hinterlegte Hohelied, welches der General der Liebe unter Männern widmet. Diejenige zwischen Mann und Frau sei stets auch von Interessen diktiert, erklärt er, ob sie nun im Rahmen von Ehe und Familie oder als heimliche Liaison gelebt werde. "Wir dagegen, wir haben, wenn wir einander lieben, keine Hoffnung auf eine Belohnung, kein Gefühl der Tugend. Es ist eine Liebe ohne Eigennutz. Man weiß, dass man dabei nichts verliert und nichts zu gewinnen hat. Es ist Liebe um der Liebe willen. Keinem Gesetz und keiner Regel unterworfen. (…) Darum ist die schönste Liebe, die edelste Liebe diejenige, die - zum Beispiel - einen General und jemanden verbindet, der zuvor ein kleiner X war."

Gern wüsste man mehr über die Genese dieses Debütwerks. War es Interesse, war es eine spezifische Erfahrung, die Catherine Guérard nach dem Thema greifen ließ? Fände man auf diesem Weg auch die Erklärung für das letztlich nicht befriedigende Resultat ihres Efforts?

Am interessantesten ist der erste Teil des Romans, in dem der General als erfahrener Stratege den jungen Mann umgarnt und Antoine sich zunehmend auf das Katz-und-Maus-Spiel einlässt. Nachdem sich sein entrüsteter Widerstand in Eifersucht und dann in sehrendes Verlangen verwandelt hat, gönnt Guérard den beiden eine kurze Zeit ungemischten, berauschenden Liebesglücks, bevor der Krieg dreinfährt - und das Geschehen zunehmend ins Melodrama und schließlich den zweifachen Suizid abstürzt. So mutig "Ces princes" als Pionierleistung war: Im Gegensatz zu "Renata n'importe quoi" gibt es gute Gründe, warum dieser Erstling in Vergessenheit versunken ist.

* Renaud Buénerd et François Grosso: "Les silences de Catherine Guérard", Sigila, vol. 2, Nr. 50, 2022, S. 155-164

Catherine Guérard: Renata Wasweißich
Roman
Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026, 224 Seiten, gebunden, 25 Euro.

Erscheint am 27. Mai 2026

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