Vorworte

Und plötzlich hebt er ab

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
27.02.2026. Insbesondere mit seinen Romanen hat sich Ben Lerner im deutschen Sprachraum einen Namen gemacht. Teils autobiografisch grundiert, legen sie Perspektiven auf Gegenwartsthemen und auf die amerikanische Lebenswelt des Autors an und vermitteln sein Verständnis von Literatur, Kunst und Dichtung. Auch als Lyriker hat Lerner ein herausforderndes Œuvre vorgelegt - und es ist, als hätte dieser Geist auf neue Art Eingang in seinen jüngsten, überraschenden Roman gefunden.
Ben Lerner. Foto © Tim Knox/Bransch
Wer ist der Mann an meiner Seite? Die Frage gilt nicht einem allfälligen Lebensgefährten, sie stellt sich beim Gang durch Ben Lerners Romane. Da sind, wie bei einer Schnitzeljagd, immer mal wieder autobiografische Marker gestreut, selbstreferenzielle literarische Reflexe scheinen auf; zugleich wird keine halbwegs gewiefte Leserin solche Köder unbedacht schlucken. Es geht hier nicht um die Akzidentien von Lerners Leben oder den Stoff, aus dem sich der Promi-Klatsch speist; wie immer ist der Weg das Ziel - der literarische Werdegang des profilierten amerikanischen Lyrikers und Schriftstellers.

Starten wir also - nicht in Topeka, wo Ben Lerner 1979 geboren wurde, sondern vom Madrider Bahnhof Atocha aus, der seinem 2011 erschienenen Debütroman "Leaving the Atocha Station" (dt. "Abschied von Atocha") den Titel gibt. Dieser geht über die reine Ortsangabe - der Roman spielt in Spanien - hinaus. Einerseits verweist er auf das gleichnamige Gedicht des von Lerner verehrten Lyrikers John Ashbery, andererseits war Atocha im März 2004 Schauplatz eines der grausamsten Terroranschläge der al-Qaida in Europa: Die in vier Zügen platzierten Bomben forderten 193 Menschenleben und über 2000 Verletzte. Das Attentat markiert den Zeitenbruch, der den Schlussteil der 2003/2004 angesiedelten Erzählhandlung eröffnet; und wie sein Protagonist, der junge Dichter Adam Gordon, war auch Ben Lerner in jener Zeit als Stipendiat in Madrid zu Gast.

Mit gebotener Vorsicht könnte man sagen, dass Ashberys disruptives, radikal modernistisches Gedicht und der unfassbare Zerstörungakt zwei gegensätzliche, am Rand oder außerhalb des Sozialen liegende Pole markieren, zwischen denen sich - natürlich in wesentlich minderem Maß - auch Adam Gordon bewegt. Er begegnet uns als wenig sympathischer Außenseiter, zugleich arrogant und im Innersten orientierungslos. Auch Adams während des Stipendienaufenthalts eingegangene Frauenbeziehungen sind mit hartem Griffel gezeichnet. Teresa, seine kundige und engagierte Übersetzerin, nimmt er gleich noch als potenzielle Geldquelle für einen längeren Verbleib in Spanien ins Visier; und als Isabella, mit der er angebandelt hat, ihm angelegentlich signalisiert, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gibt, schießt ihm eine wüste Gewaltphantasie durch den Kopf. Wenn hier die dunkle, (selbst)destruktive Dimension der Figur angelegt ist - dann findet sich das Überraschende und nicht zuletzt im Blick auf Lerners eigenes Schaffen Erhellende in Adams Reflexionen über Sprache und Dichtung.

Er kommt in weitgehender Unkenntnis des Spanischen in Madrid an, entdeckt aber, dass ihm der fremde Sprachraum eine Inspirationsquelle für sein eigenes Schaffen erschließt. Zum einen entwickelt er ein Projekt, bei dem er aus der englischen Übersetzung von Lorcas Gedichten durch einen abenteuerlichen, zwischen Spanisch und Englisch hin und her springenden Prozess von Assoziationen und Permutationen neue lyrische Texte formt. Zum anderen registriert er, wie er im Gespräch mit Einheimischen aus dem kaum oder halb Verstandenen "mehrere Geschichten" bildet, "und zwar unmittelbar, sodass ich nicht so sehr nichts verstand als vielmehr in Akkorden verstand, in einer Pluralität von Welten". Diese Erfahrung einer Fähigkeit, sich "zwischen möglichen Denotaten zu bewegen" wiederum ist nicht nur für Adam bedeutsam; sie verweist auch auf das dichterische Werk seines Schöpfers.

Denn wie sein Protagonist war Ben Lerner zur Zeit seines Aufenthalts in Madrid noch nicht als Romanautor hervorgetreten; das Stipendium hatte er für seine ambitionierten lyrischen Entwürfe erhalten, die sich dann zwischen 2004 und 2010 in "The Lichtenberg Figures", "Angle of Yaw" und "Mean Free Path" niederschlugen. Was Adam im Roman über sich selbst sagt, erfährt auch, wer sich diesem bei Suhrkamp unter dem Titel "No Art" zweisprachig erschienenen Frühwerk anzunähern versucht: "Gedichte wiesen meine Aufmerksamkeit aktiv zurück, sie waren undurchlässig und dinglich (…); man konnte in die Räume zwischen Wörtern fallen, während man versuchte, sie miteinander zu verbinden." Aber gerade dadurch "verhieß das Gedicht die Möglichkeit einer höheren Form des Gefesseltseins, deren ich unwürdig war, eine tiefgehende Erfahrung, die aus dem Inneren des beschädigten Lebens nicht verfügbar war, und deshalb wurde das Gedicht zu einer Figur für dessen Außen." Auch ohne das Gefühl, aus einem "beschädigten Leben" heraus zu lesen, spürt man bei der Auseinandersetzung mit Lerners Lyrik gelegentlich die Mischung aus Faszination und Exklusion, die hier angesprochen wird. Und muss sich dabei doch nicht inferior fühlen - denn Lerner legt Adam auch eine Hommage an John Ashbery in den Mund, die auf ein ähnliches Verhältnis zwischen ihm und seinem großen Vorbild hindeutet. Ashberys Gedichte erlaubten einem, so heisst es, "auf die eigene Aufmerksamkeit aufzumerken, die eigene Erfahrung zu erfahren, und ermöglichen dadurch eine seltsame Art von Gegenwart. Aber es ist eine Gegenwart, die die virtuellen Möglichkeiten intakt lässt, weil das eigentliche Gedicht einem unerreichbar bleibt, auf der anderen Seite des Spiegels steht."

2014 legt Lerner mit "10:04" (deutsch unter demselben Titel erschienen) seinen zweiten Roman vor. Der Ich-Erzähler tritt nun nicht nur als Lyriker, sondern auch als Romancier auf; und wo der Erstling nur mittelbar auf andere Werke des Verfassers verwies, greift das neue Buch direkt auf eines davon zu, indem Lerner seine 2012 im New Yorker publizierte Kurzgeschichte "The Golden Vanity" integral in "10:04" einspeist. Dort fungiert die Story als Skizze für ein größeres Buchprojekt, für das der Protagonist zu Beginn des Romans gerade einen lukrativen Vertrag eingefahren hat. Später wird er, genau wie sein Schöpfer, einen Stipendienaufenthalt im südtexanischen Marfa verbringen und sich dort in eine gedankliche und lyrische Auseinandersetzung mit Walt Whitman vertiefen; Passagen aus diesem Teil von "10:04" sind dann wiederum in Lerners 2022 erschienenen Gedichtband "The Lights" eingegangen. Zu dieser Osmose zwischen den verschiedenen Genres, in denen er tätig ist - auch Essays oder gemeinsam mit bildenden Künstlern entwickelte Projekte zählen dazu - sagte Lerner anlässlich einer Lesung in der Yale University: "Für mich ist das alles ganz klar ein Werk. Mein Ansatz beim Schreiben besteht darin, mir eine werkübergreifende Syntax vorzustellen und die Art, wie ein Buch gegen das andere stößt. Wenn man über die Genregrenzen hinweg schreibt, schafft das eine Art Labor, in dem man eine Idee nehmen und sie in einem Gedicht, dann in einem Essay und schließlich in einem Roman platzieren kann, und jedes Mal zeigt sie eine andere Facette."

"10:04" spielt in New York, und hier, an seinem Lebensort, erkundet der Schriftsteller Dimensionen, die im Debütroman bewusst verschlossen blieben: Beziehungen, Verantwortlichkeit, das Funktionieren in unterschiedlichen sozialen Kontexten. Erneut steht der Protagonist zwischen zwei Frauen, Alena und Alex, deren Namensverwandtschaft nahelegt, dass sie komplementär gedacht sind. Gewichtiger, zugleich ungewöhnlicher, ist dabei seine langjährige und rein platonische Freundschaft mit Alex, die nun, mit siebenunddreißig, ihren langgehegten Kinderwunsch erfüllen möchte und den Gefährten um eine Samenspende bittet. Der komplizierte Pas-de-deux bietet komische Momente, ermöglicht dem Autor jedoch in erster Linie, die Beziehung zwischen Mann und Frau auf einem bisher wohl kaum je betretenen Terrain zu erkunden.

Das Verhältnis mit der Künstlerin Alena ist von gängigerem Treibstoff befeuert, ihr gilt das sexuelle Begehren des Protagonisten. Überraschend ist dagegen der Blick auf die bildende Kunst - für Lerner ein Herzensthema -, den ihm ihr Projekt verschafft. Es geht um beschädigte oder auf andere Weise entwertete Kunstwerke; diese darf die für den Verlust aufkommende Versicherung einbehalten, wobei sie allerdings als Nullwert deklariert werden müssen. Alena und ein Künstlerkollege können sich eine kleine Kollektion dieser kulturellen "Totalschäden" aneignen, und damit lässt sich die Frage nach Kunst und ihrem Wert unter ungewohnten Prämissen reflektieren. Die Seh- und Denkschärfe, mit der Lerner diesen Stoff angeht, steht nicht hinter der sinnlichen Beschreibungskunst zurück, mit der er anderweitig Gemälde oder Skulpturen direkt in den Blick nimmt.

Um die beiden Frauenbeziehungen legen sich weitere gesellschaftliche Rahmen. Die Literaturszene - das lässt schon der Titel "The Golden Vanity" ahnen - bekommt ihr Fett weg, wobei Lerner hier nicht nur der Jahrmarkt der Eitelkeiten und des Neides unter den Autoren apostrophiert, sondern auch das Mahlwerk der Marktwirtschaft, über deren Zwänge der Ich-Erzähler von seiner Agentin so höflich wie unmissverständlich aufgeklärt wird. Die eigenen Hände kann der Protagonist ebenfalls nicht in Unschuld waschen, denn sein Romanprojekt erweist sich als durch und durch parasitär: Personen, Schicksale und Informationen aus seinem Bekanntenkreis gedenkt er darin ungeniert und kaum bemäntelt zu verquirlen.

Kritischer geht er die gutsituierte Brooklyn-Intelligenzia an, zu der er selbst gehört. In der (real existierenden) Park Slope Food Coop trifft man sich zum Freiwilligendienst, um organisches Trockenobst einzutüten und Bioprodukte zu etikettieren - mit scheelem Seitenblick auf diejenigen, die dem "Verdauungstrakt ihrer Kinder frittiertes, mechanisch verarbeitetes Hähnchen" zumuten. Und die halt "zufällig überwiegend Schwarze und Latinos sind". Hier versucht der Romanheld einen Gegenpol zu setzen, indem er sich des achtjährigen Roberto Ortiz annimmt, Kind einer papierlosen Flüchtlingsfamilie aus El Salvador. Angst wurde dem sensiblen Buben damit sozusagen in die Wiege gelegt; sie nährt sich weiter aus oft nur halb verstandenen Nachrichten von Kriegen, Krisen und Umweltkatastrophen und schlägt sich in Robertos psychischer Instabilität und grellen Angstträumen nieder.

Nicht umsonst setzen in "10:04" die Hurrikane "Irene" und "Sandy" die Klammer um das in den Jahren 2011/12 situierte Geschehen. Überraschend ist jedoch, dass gerade in diesen Krisenmomenten die heterogene Großstadt "zu einem einzigen Organismus" zusammenwächst: einer Schicksalsgemeinschaft, in der plötzlich jeder mit jedem spricht, weil man nicht nur ein gemeinsames Thema hat, sondern auch Angst und Sorge teilt.

Aus den Metropolen kehrt Lerner in seinem dritten Roman, "Die Topeka-Schule" ("The Topeka School", 2019), ins überschaubare Umfeld seiner Geburtsstadt im Bundesstaat Kansas zurück. Erneut, aber wesentlich jünger begegnet uns seine Kunstfigur Adam Gordon, die autobiografischen Marksteine sind noch prominenter gesetzt als zuvor. Adams Eltern arbeiten bei der "Foundation" - einer psychiatrischen Klinik, die klar nach der renommierten Menninger Foundation in Topeka modelliert ist, wo Vater und Mutter des Schriftstellers tätig waren. Wie Harriet Lerner publiziert Adams Mutter Jane ein feministisches Buch, das zum Bestseller wird. Und wenn Adam 1997 beim National Speech and Debate Tournament eine Trophäe nach Hause trägt, dann steht deren reales Pendant vielleicht noch heute in Ben Lerners Bücherregal.

Steif, formal und leicht langweilig tönt der Name dieser Veranstaltung in unseren Ohren; das Gegenteil ist der Fall, wie Lerners buchstäblich atemberaubende Schilderung klarmacht. Denn zu den Debattierwettbewerben, bei denen zwei gegnerische Teams das Pro und Kontra eines vorgegebenen Themas vertreten müssen, gehört etwa die Strategie, im Schnellfeuertempo so viele Argumente vorzubringen, dass die Gegenpartei weder den Überblick noch die Zeit hat, um alle zu kontern; und jedes Argument, das unbeantwortet bleibt, bedeutet einen Punktgewinn. Schon die schiere Sprechgeschwindigkeit eines solchen Manövers - ein Topstar bringt es auf 350 Wörter pro Minute - fordert den zwölf- bis achtzehnjährigen Teilnehmern konsequentes Training ab; das nötige, breite Sachwissen über die in manchen Disziplinen erst kurzfristig mitgeteilten Themen muss permanent aus Zeitungen und Büchern zusammengelesen, dokumentiert, geordnet und in Mappen abgelegt werden, welche die Jugendlichen damals in kleinen Karren zum Turnier mitführten.

Lerner dehnt seine schneidende Analyse dieser Debattenkultur bis in die Domäne von Politik und Wirtschaft aus - und nicht zuletzt wird das zuvor geschilderte, ins weiße Rauschen absackende Sprachgehaspel durch andere Motive im Roman flankiert. So führt Adams Vater Jonathan zu Beginn seiner Berufslaufbahn ein Experiment durch, bei dem die Versuchsperson einen Sprechtext unmittelbar nach dem Hören wiederholen muss, wobei die Abspielgeschwindigkeit des Tondokuments fast unmerklich, aber stetig erhöht wird. Da erweist sich, dass die Probanden "ab einer bestimmten Schwelle zu faseln begannen, dabei aber die ganze Zeit glaubten, sie gäben die aufgenommene Passage klar und deutlich wieder". Jane wiederum, die Mutter des Protagonisten, erlebt den Sprachzerfall als Moment der Erlösung: Als Sima, ihre Therapeutin und Freundin in der Foundation, sie endlich an eine jahrzehntelang verdrängte Missbrauchserfahrung herangeführt hat, bricht Jane in Schluchzen aus, spürt zugleich ein "unglaubliche(s) Gefühl der Erleichterung, als ich losließ: Diese Sprache hat in reinem Geräusch geendet."

Es war der eigene Vater, der sich damals an der Sechsjährigen vergriffen hatte; und auf so perfide wie schlüssige Weise trifft das Wort "inzestuös" zumindest metaphorisch auch auf das Beziehungsgeflecht in der Foundation zu. Dort ist es Usus, "dass sich Mitarbeiter Analysen bei ihren höhergestellten Kollegen unterzogen und so dafür sorgten, dass sich Grenzen stets verwischten, dass unweigerlich Übertragungsvorgänge stattfanden (…), dass es in einer Besprechung niemals nur um ein vordergründiges Thema (…) gehen konnte, sondern zwangsläufig auch um unterdrückte Triebe und Aggressionen". Diesen Mechanismen entgehen auch die Romanfiguren nicht: Was man in der vermeintlichen Vertraulichkeit einer therapeutischen Sitzung äußert, kann zu gären beginnen oder wird unter der Hand weitergereicht - und wo der Kreis der Beteiligten durch familiäre und freundschaftliche Bande so eng gezurrt ist wie bei Jane, Sima und Jonathan wird derartiger Stoff zum eigentlichen Spaltpilz.

Die Rückkehr auf den Heimatboden, das autobiografische Moment, der Fokus auf einen Familienkreis, die Tatsache, dass Schriftstellerei, Dichtung und Kunst im Themenregister der "Topeka-Schule" nur am Rand aufscheinen - wer das als Wegweiser für Ben Lerners weitere Entwicklung nahm, hat sich getäuscht. Hiesige Leserinnen und Leser haben nun das Privileg, noch vor dem englischsprachigen Publikum den neuen Raum zu betreten, den Lerners jüngstes Werk erschließt. "Transkription" blendet zurück ins Jahr 2024, als in den USA die Covid-Fallzahlen wieder anstiegen. Neben der Pandemie rücken andere Gegenwartsthemen - Digitalisierung, Essstörungen bei Kindern - in den Blick, im Zentrum aber steht eine Figur, welche die realen Verhältnisse wie auch den Zeitgeist sprengt. Oder letzteren doch nur abbildet? Wer ist Thomas, dieser prekär zwischen Agilität und Fragilität gezeichnete Neunzigjährige, der die ganze Klaviatur von Kultur und Geisteswissenschaften zu beherrschen scheint und den der Ich-Erzähler des Romans nun aufsucht, um ein Interview - wohl das letzte - mit ihm zu führen?

Schon der Blick in Thomas' Wohnzimmer spricht buchstäblich Bände. Ums Sofa häuft sich, was er an Büchern jüngst bestellt und noch nicht in die Regale eingeordnet hat: Alexander Kluge im deutschen Original, Werke des Japaners Osamu Dazai, eine Neuausgabe der Briefe von Emily Dickinson, dazu "mehrere aktuelle Lyriktitel aus einem Kleinverlag namens The Song Cave". Aber noch dies ist schwere Materie, bloßer Brennstoff für Thomas' so suggestiven wie ungreifbaren Diskurs, dessen gedankliches Tempo nicht einmal die jugendlichen Schnellredner der "Topeka-Schule" einholen könnten. Hören wir rein: "Das Nature Theater of Omaha. Aber auch die in Sternen gebildeten Elemente deines Körpers. Und ein bisschen Lithium vom Urknall. Wie das Lithium in deinem Telefon. Es ist von allen Metallen das leichteste."

Ob solche Rede Substanz ist, hermetischer Ego-Trip oder lediglich Taschenspielerei, bleibt immer ein wenig in der Schwebe: Skeptiker können darin eine Parodie auf die Hermetik real existierender intellektueller Diskurse vermuten, oder - pikant bei einer Figur, die zu Hause noch ein Festnetztelefon hat und das iPad in den Händen der Enkelin scheel betrachtet - eine Art Paraphrase der assoziativen Rösselsprünge, zu denen das Internet verleitet; nicht zuletzt in solcher Ambivalenz liegt die Qualität von Lerners literarischem Projekt. Andererseits lassen sich manche Begriffe im Kontext des Romangeschehens verankern und laden sich so mit Bedeutung auf. Das Lithium etwa verweist zum einen auf tiefen, im Text wiederholt angedeuteten Schmerz: Thomas' Frau Virginie benötigte den bei gewissen psychischen Störungen medikamentös eingesetzten Stoff, verweigerte ihn dann, nahm sich schließlich das Leben. Im Zusammenhang mit dem Mobiltelefon hingegen evoziert es das tragikomische Dilemma des Erzählers: Vor dem Besuch bei Thomas fällt ihm das Handy ins volle Waschbecken, Wasser dringt durchs gesprungene Glas und setzt das Gerät, mit dem er das Interview aufzeichnen wollte, ausser Gefecht. Er schämt sich, das Malheur einzugestehen, spiegelt dem Gastgeber vor, die Aufnahme laufe; das lange, anspruchsvolle Gespräch wird er dann lediglich aus der Erinnerung aufzeichnen und es ohne entsprechenden Hinweis publizieren. Das gesteht er nach Thomas' Tod dessen engsten Freundinnen und Weggefährten, die den Text als eine Art Vermächtnis ihres Mentors gelesen hatten. Es gibt bittere Worte - und eine der Tragikomödie angemessene letzte Volte. Sie glaube, sagt eine der Anwesenden, Thomas "wäre begeistert gewesen. Begeistert von der Vorstellung, dass seine letzte veröffentlichte Äußerung - unverlässlich ist."

Was immer nun gilt: Auf die Rechnung kommt man allemal mit diesem von Nikolaus Stingl so leichthändig wie stilsicher übersetzten intellektuellen Wagestück, das vom Boden des nationalsozialistischen Deutschland, wo Thomas aufwuchs, bald in den Äther abhebt. Dessen Zustand benennt der eigensinnige Denker als die Frage, "die ich in allen meinen Schriften, Filmen, Stücken aufgreife. (…) Die Frage ist, wie man die historischen Veränderungen in der Atmosphäre darstellt". Wobei die Reflexion weit über irdische Dinge wie Funkwellen hinausgeht, denn "keiner von uns weiß wirklich, was in der Luft ist; das ist eine von wenigen Universalien. Eine negative Universalie. Die Luft wimmelt von Botschaften. Von Boten und Engeln." Da kippt die Wissenschaft ins Esoterische, und dasselbe Legerdemain demonstriert Thomas auch im Umgang mit Menschen in seinem Umfeld. Als der Erzähler einen Angsttraum erwähnt, der ihn während der Bahnfahrt zu Thomas' Wohnort plagte, usurpiert sein Gegenüber den Traum ungeniert: Es sei seiner gewesen, behauptet Thomas, möglicherweise auch einer seines Sohnes Max. Max ist fast gleichaltrig wie der Erzähler und die beiden sind seit der Schulzeit befreundet; nun wird Thomas ein ähnliches Spiel mit ihnen treiben wie mit dem Traum, wird vom einen reden, wenn er den andern meint, oder die gravierende Essstörung von Max' Tochter Emmie auf Eva, das Kind des Erzählers, projizieren.

Max kommt im letzten Teil des Romans zu Wort, und dabei nimmt Thomas' Gesicht andere Züge an. Fremd und kalt sei der Vater ihm begegnet, erzählt Max, in dessen Haus habe er sich gefühlt wie "irgendetwas zwischen einem Gast und einem Geist (…) Ich war auf der falschen Seite eines Spiegels". Und obwohl der alte Mann in Emmie vernarrt ist, gern und stundenlang am Telefon mit der Enkelin plaudert, würde der Sohn ihm nie ein Wort über die quälende Sorge, den im Roman ausführlich geschilderten, jahrelangen Kampf der Eltern um das elfenzarte, starrsinnige Kind anvertrauen - im Wissen, dass nichts zurückkäme als eine "schräge Allegorie" oder eine von Thomas' luftigen Assoziationsgirlanden. Doch trotz alledem ist Max derjenige, der Thomas' Profil am knappsten und schönsten fasst - in den Worten, dass er "zugleich der Zukunft und der Vergangenheit zu entstammen schien, ein Gentleman-Zeitreisender, dass er die Luft um uns herum wieder verzauberte, andere Welten möglich erscheinen ließ."

Ein Illusionskünstler also? Nicht nur. Denn etwas von dem Zauber, den Max meint, hat ausgerechnet der linkisch auftretende Erzähler ganz unabhängig von Thomas und real erlebt. Im Harvard Museum of Natural History gibt es eine Kollektion exquisiter, aus Glas geschaffener Modelle von Pflanzen und Blumen, und die zarten, fast unheimlich lebensecht wirkenden Gebilde schenkten ihm "das Erblühen einer neuen Wahrnehmung", die seinen Blick auf die Welt veränderte. Die zwischen Natur und Kultur oszillierenden Gewächse kamen ihm vor wie "Aufzeichnungsinstrumente von exquisiter Empfindlichkeit", in denen jede Bewegung, jedes Geräusch, jeder Atem nachzitterte, denen sie seit ihrer Entstehung ausgesetzt waren.

Dieses im Roman allein dem Erzähler zugeordnete Motiv wird Thomas ganz am Schluss, während eines langen, letzten Gesprächs mit seinem Sohn, auf diesen übertragen - in einem Moment, der zugleich Verwechslung und Versöhnung ist. Er erwähnt die Blumen, fasst dann Max' Hände und sagt: "Aus Angst vor Vibrationen in ihrer Umgebung leise reden. Hast du mir nicht diese schöne Regel beigebracht?" In solchen Momenten hat man das Gefühl, die Dichtung, Lerners erste Liebe, sei nun durch eine neue Tür in seine Romanwelt eingetreten.

Ben Lerner: Transkription
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 160 Seiten, kartoniert, 24 Euro.

Erscheint am 11. März 2026

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