9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2025 - Geschichte

Lucas Cranach de Ältere. Kopf eines Bauern.
Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Uffrur" im Kloster Schussenried, Oberschwaben, die große Landesausstellung in Bawü zum Thema Bauernkriege, und lernt, dass die Bauern keineswegs arme und unterdrückte, sondern aufstrebende und selbstbewusste Akteure waren. Der Kurator Marco Veronesi "strebt eine nüchterne Darstellung der Bauern an. Er hält eine Zeichnung von Lucas Cranach dem Jüngeren für eines der wenigen realistischen Bildzeugnisse eines Bauern des sechzehnten Jahrhunderts; Cranach zeichnet einen Bauern mit feinen Gesichtszügen und nachdenklichem Blick - ein Hinweis darauf, dass der Konflikt keinesfalls das Aufbegehren eines verrohten Standes war. Die Ausstellung stellt den Kampf um Würde und traditionelle Rechte in den Vordergrund, die Wahrung althergebrachter bäuerlicher Interessen: Die Lehnsherren wollten Wald, Wasser, Wiesen stärker reglementieren, was für die Bauern bei hoher Abgabenlast gravierende Ertragsminderungen bedeutete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2025 - Geschichte

Klaus Hillenbrand erzählt in der taz die Geschichte des Leo-Baeck-Instituts, das vor siebzig Jahren gegründet wurde - jüngst wurde im Jüdischen Museum Berlin gefeiert. Seine Gründer Hans Tramer, Robert Weltsch und Max Kreutzberger stammten aus der Reihe der deutschen Zionisten, so Hillenbrand. Eigentlich sind es drei Häuser, in New York, Jerusalem und London: "Ursprünglich war vorgesehen, dass das Jerusalemer Institut eine Leitfunktion erhalten sollte. Daraus ist nichts geworden, doch entwickelten die drei Institute ein bemerkenswertes Eigenleben. Größtes Renommee genießt heute zweifellos die New Yorker Einrichtung mit ihrem auf Kreutzbergers Initiative zurückgehenden Archiv, gefüllt mit Tausenden Schenkungen jüdisch-amerikanischer Familien ursprünglich deutscher Herkunft - für Forscher eine Schatzkammer zur deutsch-jüdischen Geschichte. London glänzt durch sein Jahrbuch mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Jerusalem durch Übersetzungen und Veröffentlichungen im Hebräischen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2025 - Geschichte

In der NZZ erinnert Lucien Scherrer daran, wie auch schon in den siebziger und achtziger Jahren Rechte wie Linke die Verklärung des iranischen Regimes im Ausland mit vorantrieben. Ayatollah Khomeiny, der sich selbst als friedvoller Guru präsentierte, wurde auch von bedeutenden Intellektuellen gestützt: "Nicht nur Medien, auch Philosophen wie Jean-Paul Sartre und Michel Foucault betätigen sich als nützliche Idioten des Star-Ayatollah. Sartre, der schon Stalin, Mao und Fidel Castro verfallen ist, engagiert sich in einem Unterstützungskomitee für Khomeiny. Foucault reist vor und während der Revolution mehrmals nach Persien. Beeindruckt von den Demonstranten, die 'Islam, Islam, Khomeiny, wir folgen dir' rufen, beschreibt er den Ayatollah in Zeitungsartikeln als Heiligen und 'mittellosen Exilanten', der dem Despoten mit bloßen Händen entgegentrete. Beeindruckt ist der Machtkritiker auch von der 'politischen Spiritualität', die er bei den Islamisten zu erkennen glaubt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2025 - Geschichte

Die FAZ druckt Doron Rabinovicis Rede zum siebzigsten Jubiläum des Leo-Baeck-Instituts, der "zentralen Institution jüdischer Geschichtsforschung". Die bittere Lehre, aus der es entstand, resümiert er so: "Was mit den Nürnberger Rassegesetzen ausgelöscht wurde, war nicht die Emanzipation, denn die war nie vollzogen worden, sondern alleinig die Hoffnung darauf. Aber nach Auschwitz ist der Glaube an die Mär von der Emanzipation keine schöne Vision mehr, sondern nur noch eine Beschönigung der Vergangenheit. Was einst eine Verheißung für die Juden war, ist nun zur Verhöhnung der Opfer geworden. Die Differenz im Nachhinein zu verleugnen, heißt zu negieren, was zur Vernichtung von Millionen führte."

In der FR erinnert Claus Leggewie an den Putsch in Algerien vor sechzig Jahren, mit dem Houari Boumedienne sein Militärregime errichtete - vor der laufenden Kamera Gillo Pontecorvos, der die Ereignisse in seinem preisgekrönten Film "La Battaglia di Algeri" dokumentierte: "Die Bevölkerung soll es als Filmkulisse wahrgenommen haben, dass während der Dreharbeiten Armee-Panzer in Algier Stellung bezogen; dabei sicherten diese den Putsch des damaligen Verteidigungsministers Oberst Houari Boumedienne gegen den Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella. Gewissermaßen vor laufender Kamera entmachteten ihn Offiziere, die bis 1962 an Tunesiens Außengrenze der Kolonie eher wenig in den Befreiungskampf involviert waren, womit auch sozialistische Experimente der Arbeiterselbstverwaltung ein Ende fanden. Boumedienne nutzte den FLN-Mythos für panafrikanische und tiersmondistische Propaganda (etwa beim Panaf-Festival 1969), während sich das Land in eine von Militärs und Sicherheitskräften beherrschte Autokratie verwandelte; wie Algerien vollzogen fast alle Befreiungsbewegungen der 'Dritten Welt' ihre Verwandlung in Unterdrücker von Freiheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2025 - Geschichte

In Berlin erinnert künftig ein Findling in der Nähe des Reichstagsgebäudes an die Verbrechen der Deutschen gegen die Polen: Drei Millionen jüdische und drei Millionen nicht jüdische Polen habe die Deutschen auf dem Gewissen. Der Stein geht auf eine Initiative des deutschen Polen-Instituts zurück und ist erstmal für fünf Jahre aufgestellt, berichtet Anastasia Zejneli in der taz. Später soll ein deutsch-polnisches Haus hinzukommen. Achtzig Jahre danach also erstmal ein Provisorium? "Bereits 2013 forderte der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, selbst Häftling im Konzentrationslager Auschwitz und Widerstandskämpfer, einen Gedenkort. 2017 entstand dann eine bürgerliche Initiative. Der Plan, das Denkmal mit einer Begegnungsstätte zu verbinden, ist richtig; sind in Deutschland doch das Interesse an den und das Wissen über die Verbrechen der Nationalsozialisten in Polen kaum vorhanden. Ein Ort, der den Blick in die Vergangenheit schärft und die Lehren für die Zukunft bewahrt, ist daher notwendig. Doch der Traum vom Haus bleibt weiterhin eben nur eine Skizze in einer netten Broschüre zum Projekt - nicht mal der Standort ist beschlossene Sache."

In Polen hat unterdessen der rechtspopulistische Karol Nawrocki bekanntlich die Präsidentschaftswahlen gewonnen - und profitierte dabei natürlich wieder vom notorischen Desinteresse deutscher Politik an Polen und am Thema der deutschen Verbrechen gegenüber diesem Land, notiert der Historiker Christhardt Henschel auf geschichtedergegenwart.ch. Und dabei scheint es zu bleiben: "Nach dem Regierungswechsel in Polen 2023 schien man im politischen Berlin zunächst der Auffassung, historische Konfliktthemen wären nun recht leicht wegzumoderieren. Zusammen mit der uninspirierten Jahrestagsroutine zeigte sich hier ein ziemliches Maß gedanklicher Bequemlichkeit. Die Hoffnung auf ein Aussitzen historischer Differenzen kann sich bald als Bumerang erweisen: Der zukünftige polnische Staatspräsident wird aufgrund seiner Vita geschichtliche Deutungskämpfe viel konsequenter führen als sein Vorgänger."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2025 - Geschichte

Heute vor 500 Jahren heiratete Martin Luther im Schwarzen Kloster in Wittenberg seine Katharina von Bora, erinnert Arno Widmann in der FR: "Am 13. Juni 1525 wurde das evangelische Pfarrhaus geboren. Das war ein kompletter Bruch mit der katholischen Vergangenheit. Das Wort Gottes wurde nicht mehr von einem Männerbund gepredigt. Die Predigt entstand in einer Familie. Mit oder gegen sie, aber immer in ihr. Der Pfarrer war ein Mann wie alle anderen. Er war auch, das gehört zu dieser Geschichte dazu, ein Untertan wie alle anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2025 - Geschichte

Für die NZZ nimmt uns Andrei Kolesnikow mit auf einen Rundgang durch den Kreml und zeichnet dabei dessen Geschichte als symbolisches und tatsächliches Zentrum der russischen Macht nach: "Einst, zu liberalen Zeiten, am Ende der Präsidentschaft von Dmitri Medwedew, kamen Vorschläge auf, Teile der Regierung an Moskaus Peripherie zu verlegen. Manche Planer schlugen sogar vor, den Kreml vollständig in ein Museum umzuwandeln. Ziel war es, Russlands Demokratisierung auch auf struktureller und baulicher Ebene Geltung zu verschaffen. Auch gab es eine Debatte darüber, den im Tode ewig bloßgestellten Lenin aus dem Mausoleum zu entfernen und ihn neben seiner Mutter zu beerdigen. Diese Pläne wurden niemals verwirklicht. Im Jahr 2012 kehrte Putin nach einem vierjährigen Interregnum in den Kreml zurück. Seitdem ist der Kreml erneut zum Symbol undurchschaubarer byzantinischer Macht geworden, umrahmt von italienischen mittelalterlichen Türmen und an seinen Mauern umringt von den Gräbern toter Tyrannen. Und so lastet, wie einst Marx schrieb, 'die Tradition aller toten Geschlechter wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden'. Was für das Russland von heute heißt: Der Blick auf die Zukunft ist verstellt, und Geschichte wird gerne rückgängig macht."
Stichwörter: Putin, Wladimir, Kreml

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2025 - Geschichte

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Der Historiker Pierre Nora - ein Mandarin des französischen Geisteslebens und selbstverständlich Mitglied der Académie française - ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Er war auch als Lektor und Herausgeber historischer Reihen im Gallimard-Verlag äußerst einflussreich. Auch war er Gründer der wichtigen politisch-zeithistorischen Zeitschrift Le Débat. Ruhm erlangte er durch seine monumentalen "Lieux de Memoire", eine siebenbändige historische Selbstvergewisserung zur Frage, was Frankreich ist, schreibt Antoine Flandrin in seinem Nachruf für Le Monde. Auch in Deutschland kam durch dieses Werk der Begriff der "Gedenkorte" oder "Erinnerungsorte" in Umlauf. "Der Ruf der 'Lieux de mémoire' war schnell begründet. René Rémond lobte sie in den höchsten Tönen. 'Das ist unsere 'Légende des siècles'. Eine Kathedrale der Erinnerung, eine Pyramide, die der Geschichte errichtet wurde.' Die Historikerin Mona Ozouf bezeichnete Nora einmal als 'Wünschelrutengänger der französischen Identität'. Neben einer amerikanischen Übersetzung, 'Rethinking France', erschienen Adaptionen in Spanien, Deutschland und Italien."
Stichwörter: Nora, Pierre

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2025 - Geschichte

Die Tschechen gedenken seit einigen Jahren - und besonders in den letzten Tagen achtzigster Jahrstag - des "Brünner Todesmarschs", der zur "wilden Vertreibung" der Sudetendeutschen unmittelbar nach dem Krieg gehörte. 2.000 Menschen kamen dabei entkräftet ums Leben. Das Verhältnis hat sich erst sehr spät entspannt, schreibt Niklas Zimmermann in der FAZ: "In den Neunziger- und frühen Nullerjahren verhakten sich die Landsmannschaft und die Regierung in Prag im Streit über die Benesch-Dekrete, mit denen 1946 die systematische Enteignung und Vertreibung der Deutschen verfügt wurde. 2002 bezeichnete der damalige tschechische Ministerpräsident Miloš Zeman die Sudetendeutschen als 'fünfte Kolonne Hitlers'. Und ebenso nicht zur Beruhigung trug bei, dass 2003 die CSU-Europaabgeordneten wegen der Benesch-Dekrete gegen den tschechischen EU-Beitritt stimmten." Auch auf der Seite der Vertriebenen sind die Lernprozesse abgeschlossen. Von "Wiedergewinnung" redet heute keiner mehr, so Zimmermann: "Was die Vertriebenen und ihre Nachfahren heute weit mehr bewegt, ist der Wunsch, in der alten Heimat anerkannt und willkommen zu sein."
Stichwörter: Sudetendeutsche, Vertreibung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2025 - Geschichte

Der britische Historiker Richard J. Evans erklärt im Zeit-Gespräch mit Samuel Rieth und Frank Werner die Vor- und Nachteile von kontrafaktischer Geschichtsschreibung: "Nützlich ist kontrafaktisches Denken nur dann, wenn es zeigen kann, welche unmittelbaren Alternativen es gegeben hätte, ohne in die ferne Zukunft zu schweifen. Wir können zum Beispiel fragen: Was wäre in Deutschland 1933 geschehen, wenn Hitler nicht an die Macht gekommen wäre? Höchstwahrscheinlich hätte es eine Militärdiktatur gegeben. Dagegen führt die Vorstellung, die Weimarer Republik hätte noch gerettet werden können, in die Irre. Die Demokratie war zu diesem Zeitpunkt bereits zusammengebrochen; der Reichstag war schon ausgeschaltet, er hatte seit März 1930 immer seltener getagt. Die einzige Partei in der Weimarer Republik, die fast durchgehend bis zum November 1932 Stimmen gewann, war die KPD. Aber ich glaube nicht, dass für die Kommunisten eine Chance bestand, an die Macht zu kommen. Die Entscheidungsgewalt war längst auf den Reichspräsidenten, auf Paul von Hindenburg und seine Entourage, übergegangen. Deshalb gab es nicht viele echte Alternativen zu Hitler. Gerade das ins Bewusstsein zu bringen, kann kontrafaktische Geschichte leisten."