In Polen sorgt die Danziger Ausstellung "Unsere Jungs" für große Aufregung, berichtet Stefan Locke in der FAZ. Hintergrund: "Nach Deutschlands Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden Danzig und das bisher zum polnischen Korridor gehörende Gebiet, das nun Westpreußen hieß, ins Deutsche Reich eingegliedert. Von den dort lebenden Menschen - rund 1,5 Millionen Polen und 850.000 Deutsche - sollten sich möglichst viele 'in die deutsche Volksgemeinschaft einreihen'." Wer sich als Pole bekannte, dem drohte Schlimmstes, vor allem, wenn er den Eliten angehörte. "Die Entscheidung, ob sie sich als 'deutsch' bekennen, schoben viele Bewohner hinaus. Doch die neuen Machthaber machten Druck. Sie luden die Menschen immer wieder vor und drohten mit Konsequenzen, sollten sie sich weiterhin weigern, sich zum Deutschtum zu bekennen. Das konnte Zwangsarbeit, Trennung von der Familie oder Einweisung ins Konzentrationslager bedeuten." Wer als junger Mann unter diesem Druck für die Staatsbürgerschaft war, dem drohte der Einzug in die Wehrmacht. Insgesamt sollen bis zu 450.000 polnische Staatsbürger in der Hitler-Armee gedient haben.
Florian Bayer erzählt in einer längeren Reportage für die taz, wie schwer sich die Österreicher immer noch mit ihrer Nazi-Vergangenheit tun. Zwar gibt es Geschichtsinitiativen, etwa in Braunau, wo Hitlers Geburtshaus steht, aber die FPÖ bremst, wo sie kann. "Offene Fragen gibt es auch in Wien. Nach jahrzehntelangen Debatten eröffnete 2018 das 'Haus der Geschichte Österreich' (Website) in einem Trakt der Wiener Hofburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, aber auch die Aufarbeitung im Nachkriegsösterreich. Das Museum ist sorgfältig kuratiert und deckt eine klaffende Lücke ab. Aufgrund fehlenden Platzes und Budgets ist es bis dato aber stark in seiner Arbeit eingeschränkt. Das Haus soll demnächst vom Heldenplatz ins nahegelegene Museumsquartier umziehen - eine Entscheidung, die unter Historikern umstritten ist... Nicht wenige fordern, ein solches Museum müsse am Heldenplatz bleiben - jenem Ort, an dem Hitler nach dem 'Anschluss' von Hunderttausenden euphorisch empfangen wurde."
Screenshot des Posts von "bundeskultur" bei Instagram,der Post wurde offenbar kommentarlos gelöscht. Via Bluesky.Klaus Hillenbrand weist ebenfalls in der taz auf eine ziemliche Peinlichkeit aus dem Hause Weimer hin. Der Kulturstaatsminister hat auf Instagram an den Warschauer Aufstand erinnert. Bebildert wurde der Post allerdings mit einem Foto aus dem Kontext des Aufstands im Warschauer Ghetto: "Weimers Behörde hat aber nicht nur zwei historisch höchst wichtige Ereignisse in der polnischen und jüdischen Geschichte vertauscht. Es hat auch Nazi-Propaganda verbreitet, ohne diese in einen Kontext zu setzen. Das Bild von den Zivilisten mit erhobenen Händen stammt nämlich nicht von einem unabhängigen Reporter. Die gab es damals gar nicht. Es ist vielmehr Teil des sogenannten Stroop-Reports, benannt nach dem Warschauer SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop. Der war für die Unterdrückung des Aufstands verantwortlich und stellte ein Album über dessen Niederschlagung mit den entsprechenden Fotos zusammen. Das bedeutet: Dieses Foto ist ein Bild aus der Täterperspektive. Es zeigt die Opfer so, wie es sich die deutsche NS-Propaganda wünscht."
Und Irina Scherbakowa von Memorial vergleicht in ihrer taz-Kolumne Putins Säuberungen mit denen Stalins: "Mit der Verschärfung der Repressionen und dem Ausbau des Sicherheitsapparates verschwand die Ambivalenz des Putin-Regimes. Es begann sich immer mehr als eine Art postmoderner Kopie des Stalinismus darzustellen. Die Debatte kam auf: Wo stehen wir, ist es noch 1934 oder bereits 1937?"
Simone Veil war eine der legendärsten Politikerinnen Frankreichs nach dem Krieg. Als Ministerin unter Giscard d'Estaing war sie es, die eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze durchsetzte. Von 1979 bis 82 war sie Präsidentin des Europäischen Parlaments. Als Heranwachsende war sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Auschwitz deportiert worden. Ihr Sohn Aurélien Veil präsentiert auf Twitter einen Brief, den sie im Jahr 1952 in einem Ton vollendeter Höflichkeit an den damaligen Direktor von Siemens schrieb: Sie forderte ihr Gehalt als ehemalige Zwangsarbeiterin im Siemens-Werk bei Auschwitz zurück: "Ihnen wird nicht unbekannt sein, dass die Abgaben, die private Unternehmen für die von Deportierten geleistete Arbeit an die Sozialversicherungsbehörde entrichteten, deutlich unter den normalen Löhnen lagen, die an Arbeiter derselben Kategorie gezahlt wurden. Daher dachte ich, dass Ihnen die Beseitigung dieser Differenz ein Anliegen sein wird. Ich überlasse es Ihnen, den Betrag für zwei Personen zu berechnen, die sechs Monate lang täglich zehn Stunden gearbeitet haben, und mir diesen auf dem von Ihnen für am besten geeigneten Weg zukommen zu lassen." Ob sie eine Antwort erhalten hat, ist nicht überliefert.
Die KSZE-Schlussakte von 1975, die vor 50 Jahren verabschiedet wurde, gilt für viele immer noch als das Instrument, welches die Sowjetunion unter Druck setzt und es mitunter ermöglichte, dass die Opposition in den einzelnen Satelliten-Staaten erstmals wirksam sein konnte. Diesem Bild von der KSZE-Schlussakte widerspricht der Historiker Wolgang Mueller im NZZ-Interview mit Merkt Baumann. "Dissidentenbewegungen gab es schon zuvor, aber nach 1975 kamen neue dazu. Ihr Aktivitätsrahmen blieb aber sehr eng, und sie wurden vom KGB bald wieder zerschlagen. Man muss sich auch die Dimensionen vor Augen halten: Die Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion war im Vergleich zu derjenigen in Ostmitteleuropa sehr klein. (...) Bis in die achtziger Jahre wurden noch Menschen in den Gulag geschickt, ausgebürgert oder umgebracht. Die mit der Helsinki-Akte anerkannten Freiheiten galten nur auf dem Papier und brachten keine reale Verbesserung für die Menschen. Es waren Lippenbekenntnisse."
Armin Fuhrer (NZZ) erinnert an die bemerkenswerte Bekanntschaft des jüdischen Geschäftsmanns Hugo Rothenberg mit Hermann Göring, der seine Verbindung zum Reichsmarschall genutzt haben soll, um Jüdinnen und Juden aus Deutschland zu retten.
Der HistorikerVolker Reinhardt zeichnet in einem Essay in der NZZ nach, wie die Französische Revolution in der Diktatur unter Napoleon Bonaparte endete, um schließlich vier Schlüsse zu ziehen: "Erstens: Revolutionen brechen am vorhersagbarsten aus, wenn eine wirtschaftlich prosperierende Sekundärelite am Aufstieg zur Gleichberechtigung mit der älteren, regierenden Führungsschicht gehindert wird. Zweitens: Die Ablösung einer alten Ordnung durch eine revolutionäre neue ist immer ein Sprung ins Unbekannte, sie setzt Dynamiken frei, die niemand auf der Rechnung hatte. Drittens: Revolutionen, die den Menschen ein neues Bewusstsein einpflanzen wollen, gehen an sich selbst zugrunde. Viertens: Revolutionen, die die Menschen umerziehen wollen, münden in eine Militärdiktatur - am Ende der französischen Revolutionen stand der Alleinherrscher Napoleon Bonaparte, am Ende der russischen der Despot Stalin."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ schreibt der Psychiater Paul Hoff zum 150. Geburtstag von Carl Gustav Jung.
Morgen wäre Frantz Fanon 100 Jahre alt geworden. In der tazplädiert der Hamburger Kurator Gabriel Schimmeroth für einen differenzierten Blick auf den "Denker der Dekolonisierung". "Wenn man ihn pauschal als Apologeten der Gewalt diffamiert, geht verloren, dass er universalistische Werte zu einem Zeitpunkt verteidigte, an dem er das nicht hätte tun müssen." Hat Fanon den Einfluss des Islam auf die FLN in Algerien, die er unterstützte, unterschätzt? "Fanon war Atheist. Sein Verhältnis zum Islam ist aber interessant. Er hat Französisch gesprochen, die Sprache der Kolonialmacht, kaum Arabisch und galt durch seine Hautfarbe als Außenseiter. Vielleicht hat er unterschätzt, welche identitären religiösen Triebkräfte es in der algerischen Revolution gegeben hat. Fanon passt nicht in die binäre Reduktion, mit der er heute oft in Beschlag genommen wird."
Beim Massaker von Jedwabne ermordeten 1941 polnische Einwohner bis zu 1000 Juden, während deutsche Soldaten zuguckten. Viele Polen leugnen jedoch eine Mitverantwortung, wovon in diesem Jahr große Plakattafeln zeugten, berichtet Stefan Locke in der FAZ, auf denen beispielsweise zu lesen stand: "Beweise und Zeugenaussagen widerlegen die Behauptungen über eine polnische Täterschaft am Mord an den Juden in Jedwabne". Das ist nicht richtig, wie u.a. der polnische Historiker Jan T. Gross dokumentiert hat. "Am Gedenktag selbst marschierte jedoch der polnische Antisemit Grzegorz Braun, der seit 2024 Abgeordneter im Europaparlament ist und bei der Präsidentenwahl mehr als eine Million Stimmen erhalten hatte, mit einem Häuflein Anhänger, die polnische Fahnen und Transparente mit Aufschriften wie 'Lüge' und 'Wir wollen die Wahrheit' trugen, zur Gedenkfeier. Von dort aus ließ er sich zum Interview mit einem polnischen Radiosender verbinden und erklärte, dass in Jedwabne 'ein weiteres Spektakel vorbereitet' werde, nämlich 'ein Akt antipolnischer, jüdischer Propaganda mit einer staatlichen Feier und Polizeischutz', während es viele Polen gebe, die die Wahrheit forderten." Nachdem er noch den Holocaust geleugnet hatte, versuchte er, "Polens Oberrabiner Michael Schudrich zu verhaften. Es war in Anwesenheit auch von Vertretern des Staates und der katholischen Kirche ein unwürdiges Spektakel. Polnische Medien nennen es einen Skandal."
Mausoleum Qin Shihuangdis. Foto: Richard Chambers / Wikipedia unter CC BY-SA 3.0-Lizenz
In der FRerinnert Arno Widmann daran, dass heute vor fünfzig Jahren der Fund der Grabstätte vonQin Shihuangdi, des ersten Kaisers von China, und seiner Terrakotta-Armee offiziell bekannt gegeben wurde. Der damals bereits schwerkranke Mao muss höchst zufrieden gewesen sein, glaubt Widmann: "Qin Shihuangdi (259-210 v.u.Z.), der erste Kaiser Chinas, war von Mao immer wieder gelobt worden. Er war Maos großes Vorbild. Qin Shihuangdi hatte die konfuzianistischen Bücher verbrennen und die konfuzianistischen Gelehrten umbringen lassen. Er hatte unentwegt Kriege geführt, um die Kriege zu beenden, die die sieben streitenden Reiche gegeneinander geführt hatten. Als er endlich die sechs anderen Herrscher besiegt, ermordet oder versklavt hatte, führte er weiter Krieg nicht nur gegen 'barbarische' Nachbarn, sondern auch gegen jeden auch noch so leisen Protest, der sich gegen sein rabiates System zu Worte meldete. Qin Shihuangdi vereinheitlichte nicht nur die Schrift und die Maßsysteme, sondern auch die Verwaltung und die Riten. Er baute weiter an der chinesischen Mauer, errichtete ein Straßensystem und erbaute Bewässerungsanlagen. Er schuf China. Auf Bergen von Leichen."
Foto links: Bücherei des Schocken Verlags, Berlin: Schocken Verlag, 1933-1939; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März. Foto rechts: Kleid aus dem Modehaus "Kersten & Tuteur", Berlin, ca. 1928, Seide; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März
Paul Jandl erzählt in der NZZ die Geschichte des Berliner KaufhauskönigsSalman Schocken, über dessen Schicksal man sich derzeit auch in der Ausstellung "Inventuren. Salman Schockens Vermächtnis" des Jüdischen Museums Berlin informieren kann. Schocken floh 1933 nach Palästina, sein ungeheuer modernes Kaufhausimperium wurde enteignet. Die vom Autor Joshua Cohen kuratierte Ausstellung ist ein "Gesamtkunstwerk", lobt Jandl, Schockens Unternehmergeist bewundernd. Denn der war nicht nur Kaufmann, sondern auch ein Schönheist, der in New York den Verlag Schocken Books gründete: "Der neu gegründete Verlag wird zum Leitgestirn des geistigen Exils. S-förmig ist die Vitrine des Jüdischen Museums, in der die bunten Bände von Schocken Books liegen. Joshua Cohen extrahiert aus ihnen Passagen, um sie wiederum mit den gezeigten Produkten der Warenhauswelt in Verbindung zu bringen. Ein Gedicht der Schocken-Freundin Else Lasker-Schüler, in dem es um Hände geht, kommt so in Verbindung mit den Velourshandschuhen, und ein Abschnitt aus Hannah Arendts "Vita activa oder Vom tätigen Leben" steht neben dem Seidenkleid."
Das Chaos im Nahen Osten führt der ehemalige FAZ-Korrespondent Rainer Hermann in der NZZ auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück und erweist sich als eine Art k.u.k.-Romantiker des Osmanentums. Damals zeigten sich die Eliten des Reichs nicht reformwillig und ließen Jungtürken, unter ihnen der spätere Atatürk, und die Europäer an Einfluss gewinnen. "Neben der Endzeit des Osmanischen Reichs haben auch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs entscheidenden Anteil daran, dass der Nahe Osten nicht zur Ruhe kommt. Länger als zwanzig Generationen hatten osmanische Sultane den Nahen Osten regiert. Dann zogen Großbritannien und Frankreich in einen Krieg, um die Beute des Osmanischen Reichs unter sich aufzuteilen. Sie legten 1916 in dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen Grenzen nach eigenem Gutdünken fest; London versprach ein und dasselbe Land, das noch zum Osmanischen Reich gehörte, 1915 in der Hussein-McMahon-Korrespondenz den Arabern und 1917 mit der Balfour-Deklaration den Juden."
In der FAZ berichtet Reinhard Veser, dass die russischen Kommunisten, die in der Duma immerhin die zweitgrößte Fraktion stellen, unermüdlich weiter an der Rehabilitation Stalins arbeiten. Nun verabschiedeten sie eine Resolution "mit der die Abrechnung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow mit Stalin auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 für 'falsch und politisch voreingenommen' erklärt wurde." Putin schickte Grüße zum Parteitag.
Kerstin Holm berichtet in der FAZ von der interdisziplinären Konferenz "Memento Stalingrad", die in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz stattgefunden hat. Dort wurde der Einfluss der Schlacht von Stalingrad auf die Geschichte des Sowjetimperiums und dem heutigen Russland nachgezeichnet. "Nach dem Sieg von Stalingrad wurde das Sowjetsystem keineswegs weniger repressiv, wie die in Heidelberg forschende russische Historikerin Liudmila Novikova festgestellt hat. Zwar wurden Überlebenspraktiken wie Schwarzmarkt, Gemüsegärten, Jagd- und Sammelaktivitäten geduldet, zugleich verfolgte die selbstbewusstere Staatsmacht im Norden, wo Lend-Lease-Konvois der Alliierten ankamen, verstärkt Frauen, die mit Soldaten kapitalistischer Länder in Kontakt kamen." Der Literaturwissenschaftler und Leiter der Konferenz Eugen Wenzel, "der den Heldenkult der Kriegsparteien analysiert hat, betonte, dass sowjetische Heroen, die infolge ihres Einsatzes die Gliedmaßen verloren, dafür nicht geehrt, sondern vor der Öffentlichkeit weggesperrt wurden."
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