9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2020 - Medien

Auf ZeitOnline greift Daniel Bouhs den Appell digitaler Verleger auf (unser Resümee), mit dem mehrere Online-Medien, darunter Krautreporter, Correctiv und der Perlentaucher, gegen die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums protestieren, Verlage beim Aufbau von Apps und Werbeformaten finanziell zu unterstützen: "Das entscheidende Kriterium ist demnach die Auflage der gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften. Das stört nicht nur die verlagsunabhängigen Medienmacher, sondern auch Teile der Opposition. Am Donnerstag haben Grüne und Linke im Haushaltsausschuss des Bundestags beantragt, es mögen 'nicht die Verlage mit der höchsten Auflage die höchste Förderung erhalten'. Die Millionen sollten gesperrt werden, bis die Regierung ein Konzept vorlege, 'das die Förderhöhe nicht an der Auflagenhöhe der Verlage bemisst, das Prinzip der Staatsferne wahrt sowie die lokale und regionale Medienvielfalt in den Mittelpunkt stellt'." Interessant ist, dass sich der Zeitungsverlegerverband nicht äußern will. Zwar sei man überrascht von dem Geldsegen, aber nun wolle man "den 11. Dezember abwarten. Erst dann, wenn der Bundestag abschließend über den Haushalt abstimme, sei klar, ob es überhaupt eine Presseförderung geben werde." In der Medienkolumne "Altpapier" des MDR fasst Ralf Heimann den Streit zusammen und setzt einige interessante Links.
Stichwörter: Digitale Verleger

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2020 - Medien

Aktualisiert um 9.40 h: Die Bundesregierung will den Zeitungen 220 Millionen Euro geben. Gegen die einseitige Bevorzugung nur eines Akteurs auf dem Markt regt sich  nun Protest, den der "Arbeitskreis Digitale Publisher" ( zu dem auch der Perlentaucher gehört) in einem Aufruf artikuliert: "Der neu formierte "Arbeitskreis Digitale Publisher" ist in großer Sorge, dass diese Förderung zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung auf Kosten von Digitalen Publishern führt, die in den vergangenen Jahren mit erheblichen Risiken und meist ohne jede Förderung neue journalistische Angebote aufgebaut haben. Wir fordern, dass die Bundesregierung auf eine Förderung ausgewählter Medien verzichtet, oder uns neue digitale Akteure gleich behandelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2020 - Medien

Alice Bota und Julia Smirnova unterhalten sich in der Zeit mit dem Moskauer Journalisten Roman Badanin, der das investigative Medium Projekt betreibt und anschaulich  beschreibt, wie es ist, in Russland investigativ zu arbeiten: "Die meisten im Team haben Trainings gemacht, um sich vor körperlichen und Cyberangriffen zu schützen. Wir haben auch Notfallpläne - wie bleibt unsere Seite online im Fall von Angriffen? Wie bringen wir einen Journalisten an einen sicheren Ort? Aber es kann natürlich sein, dass all diese Vorbereitungen nicht helfen. Bis jetzt wurden Journalisten in Russland vor allem juristisch angegriffen. Jetzt werden die Machthaber schamloser. Nawalnys Vergiftung zeigt, dass nun die physischen Risiken höher werden."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2020 - Medien

Perlentaucher Thierry Chervel lehnt die von der Bundesregierung geplante Subvention von Zeitungen und Anzeigenblättern als "eine krasse Wettbewerbsverzerrung" ab: Die wenigen tatsächlichen Online-Medien wie der Perlentaucher oder die Krautreporter stehen "mit unseren überaus heiklen Geschäftsmodellen auch in Konkurrenz zu Zeitungen und zu den öffentlich-rechtlichen Sendern, die ebenfalls im Netz expandieren. Es geht um Aufmerksamkeit, teilweise um Werbeeinnahmen und natürlich um die Frage, wie das Publikum in digitalen Zeiten auf anspruchsvolle Weise informiert werden kann. Eine einseitige Subventionierung, um die Zeitungen im Wahlkampf bei Laune zu halten, wäre ein Skandal. Also lieber gar keine."

Google fördert die Presse ebenfalls - und setzt wie die Bundesregierung dabei vor allem auf die etablierten und einflussreichen Medien. Bisher gab es die Google News Initiative, die millionenschwere Subventionen für Medien wie Spiegel und FAZ bedeuteten. Nun kommt der "Google News Showcase" hinzu, eine Google-eigene News App, in die einige Medien - wieder unter anderem Spiegel und FAZ - gegen viel Geld Inhalte einspeisen, berichtet Jann-Luca Künßberg in der taz. Natürlich tut Google das, um die von der EU beschlossenen Leistungsschutzrechte zu umgehen, so Künßberg: "Um ein solches Gesetz streiten sich die Verlage und Google seit Jahren. Es soll Google verpflichten, Geld an die Verlage zu zahlen, wenn es deren Texte oder Textausschnitte bei Google News anzeigt. Das dürfte nun obsolet werden: Mit der Teilnahme der Verlage an Googles neuem Programm Showcase dürften die Lizenzansprüche abgegolten sein. Dass die Verlage kaum anders können, als Geld von Google zu nehmen, ist teils hausgemacht. Bis heute haben es viele Verlage nicht vermocht, funktionierende Finanzierungskonzepte für ihren digitalen Journalismus zu finden." Künßberg notiert übrigens auch, dass die mit Google kooperierenden Medien bisher nicht über das neue Modell berichtet haben, und kritische Berichte der Welt zu "Google News Showcase" seien über Google nicht zu finden.

Außerdem: In der FAZ berichtet Cai Tore Philippsen über das neue Crowdfunding der Krautreporter (und behauptet, bis 2014 seien alle Internetmedien ohne Paywall zugänglich gewesen).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 - Medien

Sebastian Esser, Mitbegründer der Krautreporter und der Membership-Plattform Steady (mit derauch der Perlentaucher zusammenarbeitet), kritisiert in der Berliner Zeitung die Subventionen für die Printpresse, die unter anderem der Zustellung der gedruckten Zeitungen dienen sollen, aber auch dem Aufbau von Online-Shops und Rubrikenportalen: "Die unabhängigen digitalen Medien haben sich aus eigener Kraft neue journalistische Geschäftsmodelle geschaffen. Sie hatten keine Rücklagen aus Zeiten, zu denen die Verlage noch Monopolisten waren und enorme Renditen erwirtschafteten. Sie konkurrieren aber mit den Verlagen um Reichweite, um Talente, um die Budgets der Bürger. Wenn jetzt die Regierung diese ohnehin übermächtige Konkurrenz mit enormen Summen ausstattet, verzerrt sie den Wettbewerb. Das schadet den Unternehmern, die früh den Sprung ins kalte Wasser gewagt haben. Sie belohnt die Zauderer und bestraft die Pioniere."

Während sich früher kein Journalist dabei hätte erwischen lassen wollen, wie er PR-Material von Lobbygruppen für seine Artikel verwendet, funktioniert die journalistische Zusammenarbeit mit - meist den Grünen nahestehenden - NGO ganz unkritisch, moniert Lucien Scherrer in der NZZ. Etwa bei den Armutsberichten der Caritas: "Problematisch ist, dass diese sehr ideologisch motivierten Verlautbarungen meist widerspruchslos zitiert werden, als ginge es um wissenschaftliche Befunde oder unbestrittene Tatsachen. So behauptet die Caritas via Blick, SRF und andere Medien regelmäßig, in der reichen Schweiz würden mehr als eine Million Menschen in Armut leben, um ihre Forderungen zu rechtfertigen. Diese Zahl basiert jedoch auf äußerst großzügigen Definitionen des Begriffs 'Armut'. Das Bundesamt für Statistik zum Beispiel geht von 660 000 Armen aus. Und auch diese Schätzung basiert auf letztlich willkürlichen Grenzwerten. Die Sonntags-Zeitung bezeichnete die Armutsberechnungen der Caritas denn auch einmal als 'Unfug', 'Angstmacherei' und 'Politpropaganda'. Doch solche Stimmen sind rar."

Hm, da scheint etwas schief gegangen zu sein in der Talkshow von Jörg Thadeusz. Dieser Ausschnitt des Gesprächs mit der Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel ("Unsere Welt neu denken") kursiert auf Twitter. Leider kann man nur eine emphatische Antwort von Göpel hören, aber nicht Thadeusz' Frage. Der Link zur ARD-Mediathek funktioniert nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 - Medien

Dem Wissenschaftsjournalisten Peter Spork ist in in Übermedien aufgefallen, dass die Medien sehr gern über Betroffene von Corona-Maßnahmen berichten, aber wesentlich weniger gern von Betroffenen der Krankheit selbst: "Sind wir alle zu bequem und tragen lieber das hirnbefreite Geschwätz von Querdenkern an die Öffentlichkeit als die O-Töne einer Corona-Patientin, die sich in der Rehaklinik vom zweimonatigen Koma erholt? Ist es uns wirklich wichtiger, zu erfahren, was verhinderte Restaurant-Gäste, Sportler, Nikoläuse denken, als der Mann, der auch noch sechs Monate nach einer eher milde verlaufenen Infektion mit SARS-CoV-2 unter Herzschwäche, Kurzatmigkeit und chronischer Müdigkeit leidet?" Sporknt und verlinkk in seinem Artikel allerdings auch einige positive Gegenbeispiele.
Stichwörter: Coronakrise, Querdenker

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Medien

Nicht viele thematisierten die konflktuelle Komplizenschaft zwischen Donald Trump und den amerikanischen Medien, die dank Trump prächtig profitierten. Jay Rosen kommt in seinem Blog PressThink auf den "berüchtigten Ausspruch"  von CBS-Chairman Les Moonves zurück: "Es ist vielleicht nicht gut für Amerika. Aber es ist verdammt gut für CBS." Und nun die bange Frage: "Die Industrie nennt es den 'Trump Bump'. Meine Sorge ist es nicht, was damit passiert, wenn er abtritt. Als Teil eines größeren Unternehmens (heute At&T) hat CNN in den letzten Jahren eine Milliarde Dollar Gewinn geschrieben. Falls die Profite schrumpfen, weil Joe Biden weniger aufregend ist als Donald Trump, werden die Analysten an der Wall Street schon ein Interpretationsmuster finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Medien

Der Medienkolumnist der New York Times Ben Smith hat einen der vielen Artikel in der englischsprachigen Presse geschrieben, die von oben herab die französische Position zu Meinungsfreiheit und Islamismus zurückweisen. Sein Artikel ist allerdings insofern besonders, als er suggeriert, Emmanuel Macron habe ihn spontan angerufen, um sich über die Berichterstattung der Times zu beschweren. Ganz so war es nicht, wie der Elysées-Palast über französische Medien steckte - denn Smith hatte wochenlang antichambriert. In der FAZ berichtet Michaela Wiegel über die Scharmützel zwischen amerikanischen Medien und Macron: "Macrons Ernüchterung über die Wahrnehmung Frankreichs in Teilen der englischsprachigen Presse ist nicht gespielt. Ihn verstört es zutiefst, dass die Terrorismusdebatte - in seiner Wahrnehmung - nicht im Namen der Opfer, sondern der Täter geführt wird. Wenn etliche Journalisten aus Ländern, 'die unsere Werte teilen, die Gewalt legitimieren und sagen, dass das Herz des Problems ist, dass Frankreich rassistisch und islamophob ist, dann sind grundsätzliche Prinzipien verlorengegangen', zitiert ihn Smith."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2020 - Medien

Vor fünf Jahren gründeten sich die Krautreporter als erstes deutsches von Lesern finanziertes Medium ganz ohne Werbung. Seitdem feiert das Online-Magazin mit weit über 10.000 Unterstützerinnen beträchtliche Erfolge - aber nicht ganz genug, wie der Geschäftsführer Leon Fryzer in einem bemerkenswert offenen Artikel schreibt: "2016, 2017, 2018, 2019 machte Krautreporter insgesamt mehr als 93.000 Euro Verlust. In jedem dieser Jahre verdienten wir mit Journalismus nicht genug, weil wir zu wenige Mitglieder hatten. Unsere Strategie: Durch Rücklagen aus dem Crowdfunding, dem Geld von unabhängigen Stiftungen, Sparmaßnahmen und Dank des Kredites unserer Genoss:innen überleben und Jahr für Jahr einem wirklich ausgeglichenen Budget entgegenwachsen." Das Ziel sind nun 15.000 Mitglieder.

Die bekannte Guardian-Kolumnistin Suzanne Moore hat die Zeitung verlassen (hier ihr Kündigungs-Tweet). Alex Massie bringt ihre Kündigung im Spectator in Zusammenhang mt einer Debatte im März, als Moore einige klassisch feministische Positionen gegenüber der Trans-Bewegung verfochten hatte. Daraufhin hatten über 300 Mitarbeiter des Guardian einen empörten offenen Brief an die Chefredaktion gesandt. Massie über das verschärfte Debattenklima unserer Tage: "'Ich lese etwas in einer Zeitung, mit dem ich nicht einverstanden bin' scheint heute als eine Art Anschlag auf die eigene Person wahrgenommen zu werden, statt als etwas, das man eigentlich erwarten sollte - und das erfreulich ist. Aber wenn das Persönliche politisch ist, und wenn Identität die Basis für Politik ist, dann ist es wenig überraschend, wenn eine bloße Meinungsverschiedenheit - oder vielleicht nur ein falscher Akzent - zu einem feindlichen Akt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2020 - Medien

Ingo Dachwitz und Alexander Fanta, die Autoren der Studie über den "Medienmäzen Google" (unsere Resümees), unterhalten sich bei Netzpolitik mit dem Medienforscher Christopher Buschow, der sicher ist, dass journalistische Innovation dazu führen könnte, Journalismus als Geschäftsmodell neu funktionsfähig zu machen - möglichst ohne Google. Auch das Staatsgeld für Verlage, das demnächst kommen soll - 220 Millionen Euro für notleidende Printprodukte - kritisiert er wegen der Bindung der Förderung an Auflagenhöhe: "Aus meiner Sicht muss man das Geld an Qualitätskriterien knüpfen - schließlich will man nicht die Unternehmen fördern, die Papier bedrucken, sondern den demokratiepolitisch relevanten Journalismus und seine gesellschaftliche Funktion. Da hätte man sich an internationalen Beispielen orientieren können. Zum Beispiel an Dänemark, den Niederlanden oder Österreich, die seit Jahrzehnten Erfahrung haben, wissen, was funktioniert und auch, was nicht funktioniert."