9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2018 - Medien

Weshalb aktuelle Debatten, etwa über Migration, Rechtspopulismus oder Tagespolitik zu medialer Empörung führen, große Zukunftsthemen wie Klimawandel oder Ressourcenknappheit hingegen kaum beachtet werden, erklärt im SZ-Gespräch der Publizist und Gründer des Wiener "Zukunftsinstituts" Matthias Horx: "Wir leben in einer Zeit der Hypermedialität, in der das Mediensystem wie eine gigantische Echokammer wirkt. In dieser Kammer werden alle Hässlichkeiten und Provokationen immer weiter verstärkt. Das wirkt wie eine Entzündung in der Gesellschaft, eine Hysterisierung der öffentlichen Meinung. Der Rechtspopulismus nutzt diesen Echo-Effekt, um die Aufmerksamkeiten zu verschieben. Und so werden die wirklichen Zukunftsthemen an den Rand gedrängt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2018 - Medien

Die taz wird ja vierzig. Isabell Hülsen und Alexander Kühn vom Spiegel haben darum neulich die taz besucht und eine dieser launigen Reportagen für den Medienteil geschrieben. Die taz hat was zu mäkeln: "Vier Menschen haben die Ehre, im Text mit Namen vorgestellt und direkt zitiert zu werden. Darunter: vier Männer, null Frauen", schreibt Dinah Riese in der taz. Dabei sei Hülsen sogar Mitbegründerin der Initiative "Diverse Media": "taz-Chefredakteur Georg Löwisch habe den 'Makel des falschen Geschlechts' wettgemacht, indem er zwei Frauen als Stellvertreterinnen in die Chefredaktion geholt habe, schreiben sie. Wie sie heißen - Barbara Junge und Katrin Gottschalk - war nicht der Erwähnung wert."
Stichwörter: TAZ, Der Spiegel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2018 - Medien

In vielen Kommunen gibt es nur dürftige Berichterstattung, weil es meist nur eine Lokalzeitung gibt, die vor allem darauf achtet, dass niemand ihr Konkurrenz macht. So etwa im baden-württembergischen Crailsheim, wo die Südwest Presse gegen die Stadt klagte, weil diese eine Wochenzeitung herausbringt. Der Prozess ging schon durch mehrere Instanzen, berichtet Christian Rath in der taz. Und die Zeitung wird gewinnen: "Der Bundesgerichtshof gab zu erkennen, dass er wohl eher der Südwest Presse folgen wird - wie schon die Vorinstanzen Landgericht Ellwangen und Oberlandesgericht Stuttgart. Der Vorsitzende BGH-Richter Thomas Koch betonte, dass Kommunen Teil des Staates seien und deshalb keine Grundrechte hätten. Es gehe deshalb nicht um einen Interessenausgleich zwischen Kommunen und Presse."

Dazu passt, dass die Uni Trier gerade eine Studie zum Zustand des Lokaljournalismus vorstellte, wie das Stiftungsblog vor-ort.nrw berichtet. Aspekte sollen sich zwar verbessert haben, die prinzipielle Kritik am Genre aber bleibt: Lokaljournalismus "sei immer noch dadurch charakterisiert, dass eher unkritisch über lokales Geschehen berichtet werde, wenig Hintergründe vorkommen, die Vielfalt an Darstellungsformen eher gering ausfalle und die Möglichkeiten der Leser-Partizipation selten ausgeschöpft werden."

Der taz-Geschäftsführer Kalle Ruch ist der einzige in der deutschen Verlegerszene, der ernst macht und die Printzeitung abschaffen will, berichtet Jens Twiehaus bei turi2. Ruch stellte gestern das neue taz-Haus in Berlin und seine Pläne für die Zeitung vor: Ohne Printausgabe "würde die taz rund 1,8 Millionen Euro Druckkosten, 3,5 Millionen Euro für Vertrieb und 1,1 Millionen Euro Speditionskosten sparen. Die fehlenden fast 16 Millionen Euro aus Print-Abos und 1,1 Millionen Euro aus Print-Einzelverkauf müssten aber von steigenden digitalen Umsätzen ausgeglichen werden."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2018 - Medien

In der taz berichtet Silke Burmester von der eher ein wenig deprimierenden Geburtstagsfeier des Stern, der siebzig Jahre alt wird. Und Michael Hanfeld kritisiert in der FAZ Medien der Mitte, die sich beim Thema Chemnitz von extrem rechts und ganz links treiben lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2018 - Medien

"Clickbait" - das sind Artikelanreißer wie "Nach jahrelanges [sic!] High-Heels-Tragen: So sehen Heidi Klums Füße aus" und "Herzogin Meghan: Damit wird sie von ihrer Familie blamiert! Gehen sie damit zu weit?", die jeder überall im Netz und ganz besonders auf bestimmten Facebook-Seiten sehen kann. Sie setzen auf besonders niedrige Instinkte und enttäuschen die Leser dann meist auch noch. Karsten Schmehl weist nun auf Buzzfeed nach, dass die Pseudo-Artikel im Auftrag von Medienkonzernen wie Gruner und Jahr und Springer bei Facebook laufen, damit die Leser draufklicken und bei den Medienkonzernen höhere Klickzahlen und damit bessere Statisken und Werbeeinnahmen erzeugen. Es sind also die Medien selbst, die per Facebook das Vertrauen in sie zerstören! Fabriziert werden diese Anreißer vom Ströer-Konzern: "Bei der Analyse aller 62 von BuzzFeed News gefundenen Ströer-Seiten zeigt sich, dass auf den allermeisten dieser Seiten regelmäßig Clickbait eingesetzt wird. Auf vielen dieser Seiten werden auch für die Zielgruppe passende Bilder mit Sprüchen verbreitet, allerdings deutlich seltener als die zahlreichen Clickbait-Inhalte. Ströer hat sich zum Einsatz von Clickbait auf mehrfache Nachfrage nicht geäußert."

Die oppositionelle türkische Zeitung Cumhuriyet wird von einer Gruppe von Journalisten um den jetzigen Chef Alev Coskun übernommen, die in den Prozessen gegen die Kollegen aussagten und nun einen streng an Atatürk orientierten Kurs fahren wollen. Viele Journalisten haben das Blatt darum inzwischen verlassen, berichtet Ali Celikkan in der taz: "'Diese Zeitung ist die Zeitung Atatürks. Hier gibt es Prinzipien, hier ist man Atatürk und der Republik verbunden. Das ist nicht der Ort, an dem man eine Terrororganisation auf den Ehrenplatz setzt', hatte Alev Coskun im September 2017 im Terrorprozess ausgesagt." Beim Deutschlandfunk berichtet Christian Buttkereit über die Gleichschaltung der Zeitung.
Stichwörter: Clickbait, Cumhuriyet

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2018 - Medien

Friedhelm Greis sieht sich in einer ziemlich aufwändigen Recherche für golem.de mal die Klickverhältnisse der Medien an, die in der VG Media gemeldet sind und eigentlich gerne Leistungsschutzrecht-Zahlungen on Google und Co. hätten. Dabei stellt sich heraus, dass Medien des Springer Verlags bei weitem überrepräsentiert wären, während zum Beispiel Lokalzeitungen so gut wie nichts bekämen: "Nennenswerte Beträge würden für die großen Verlagsgruppen erst dann herausspringen, wenn Google beispielsweise 100 Millionen Euro im Jahr zahlen würde. Selbst dann müsste ein Verlag wie Madsack die eingenommenen 2,5 Millionen Euro auf 15 Tageszeitungstitel verteilen. Das ergibt eine zusätzliche Einnahme von 166.000 Euro pro Titel. Axel Springer könnte hingegen für seine vier gemeldeten Produkte zusätzliche 62 Millionen Euro verbuchen. Kein Wunder, dass Verlagschef Mathias Döpfner selbst mit ausgemachten Unwahrheiten für das Leistungsschutzrecht trommelt."

In der NZZ betont Franziska Scheven, dass der laxe Umgang mit anynomen Quellen, der in deutschen Medien gepflegt wird, in den USA undenkbar wäre: "In den New-York-Times-Richtlinien, wie auch in den Journalistenschulen des Landes, wird am Prinzip festgehalten, dass in der Redaktion immer mindestens der Autor und ein Redaktor die Identität der Person kennen und deren Glaubhaftigkeit bestätigen müssen. Je nach Wichtigkeit der Geschichte wird die Identität auch einem hochrangigen Mitglied der Redaktion mitgeteilt, bis hin zum Chefredaktor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2018 - Medien

In Deutschlandfunk Kultur beklagt René Aguigah eine übervorsichtige Haltung vieler Redaktionen zu Chemnitz: "Chemnitz erlebt massive Ausschreitungen von rechts, ein paar Tage später ein friedliches Konzert eben nicht nur mit Publikum von links, sondern mit 65.000 äußerst gemischten Menschen - und dann, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von gestern Abend, wird diskutiert, als beobachte man eine Symmetrie von Rechts- und Linksextremismus." Aguigah fordert ein klares journalistisches Bekenntnis gegen Rassismus und macht sich einen Satz des FAZ-Redakeurs Patrick Bahners zu eigen: "Wir sind zu wenig radikal."

Cordt Schnibben fordert dagegen in Spiegel online auch ein selbstkritisches Innehalten von Journalisten: "Ich muss mir eingestehen, dass ich viele Probleme nicht sehen wollte: die Wucht, mit der Kriminelle unter den Flüchtlingen das Zusammenleben tatsächlich oder gefühlt verändert haben; das Aufblühen von Antisemitismus; das Einsickern von Terroristen, als Schutzsuchende getarnt; die Folgen für die gesellschaftliche und politische Stabilität..."

Eine Revolution? Der in seiner Auflage arg gefledderte Print-Spiegel öffnet seine Mitarbeiter KG, die Mitbestimmung und Gewinnbeteiligung erlaubt, nach über zwanzig Jahren auch für ausgewählte Mitarbeiter von Spiegel online, berichtet unter anderem Gregory Lipinski in Meedia. Wie ausgewählt wird, ist aber noch unklar: "Sollte nach der Betriebszugehörigkeit verfahren werden, dürften aber auch langjährige SpOn-Mitarbeiter nicht gleich in Jubel ausbrechen. Wie satzungsgemäß üblich, werden sie erst dann Mitglied im Kreis der stillen Gesellschafter, wenn sie drei Jahre ausgeharrt haben. Erst dann sind sie gewinn- und wahlberechtigt."

Außerdem: Die Chefredakteure von ARD-aktuell, Kai Gniffke, und ZDF, Peter Frey, wollen im Oktober an einer Podiumsdiskussion der AfD in Dresden teilnehmen, meldet Meedia mit dpa: "Gniffke sei der Überzeugung, dass es wichtig sei, den Beitragszahlern die eigene Arbeit zu erläutern und den Dialog mit dem Publikum zu führen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2018 - Medien

Die taz-Autorinnen Patricia Hecht und Anne Fromm werfen der Emma mal wieder vor, dass sie "rechts" sei. Anlass ist diesmal eine Reportage von Annika Ross, in der Chemnitzer Frauen - die sich eher zur SPD als zur AfD bekennen - über ihre Angst vor herumhängenden jungen Flüchtlingen sprechen, die mit Drogen handeln und Mädchen anbaggern. Das lassen die taz-Autorinnen nicht zu: "Sie hätte recherchieren können, dass die Zahl der Straftaten in Chemnitz rückläufig ist, genauso wie die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen. Sie hätte einordnen können, dass die Zahl der angezeigten sexuellen Übergriffe in Chemnitz zwar gestiegen ist. Dass das aber laut Polizei darauf zurückzuführen ist, dass neue Tatbestände in das Strafgesetzbuch aufgenommen wurden."

In der NZZ kann Claudia Schwartz nur den Kopf schütteln über eine deutsche Empörungskultur, die sie vor allem nach Erscheinen des neuen Sarrazin-Buches (unsere Resümees) bestätigt sieht. Eine Leseempfehlung will sie nicht aussprechen, aber "als Grundlage für den Streit über Integration liefert es viel denkwürdigen Gesprächsstoff. Hätte man sich in den vier Jahren seit 'Deutschland schafft sich ab' etwas weniger echauffiert und manches, was dort steht, bedacht, wäre Deutschland vermutlich schon weiter. Womit auch gleich gesagt sei, dass die Vermeidung der Debatte zum Thema die gesellschaftspolitische Mitte immer weiter erodieren lässt - zugunsten der politischen Ränder."

Eine zunehmende Hysterie der Debatte, ganz gleich ob über Migration, Gender oder Populismus, bescheinigt auch die Autorin und Regisseurin Susanne Heinrich im 10nach8-Blog der Zeit dem Journalismus. Sie plädiert für "gewaltfreie Kommunikation" (GFK): "Dabei geht es um die Frage, wie Äußerungen - egal wie unlogisch, übergriffig, verkorkst oder brutal sie uns vorkommen mögen - sich so hören lassen, dass Mensch mit den dahinter liegenden Bedürfnissen des anderen in Kontakt kommt. Marshall B. Rosenbergs großes Stichwort ist Empathie. Für den Psychologen und Begründer der GFK ist letztlich auch eine Schlägerei nur eine (hilflose) Äußerung eines Bedürfnisses. Wie wir diese Situation einordnen, verarbeiten und beantworten, liegt in unserer Verantwortung. Um Gewalt nicht zu reproduzieren, empfiehlt Rosenberg, auf 'lebensentfremdende' Kommunikation zu verzichten: keine moralischen Urteile, keine Vergleiche, kein Übertragen von Verantwortung auf andere."

Die SZ hat sich mit der türkischen Investigativ-Journalistin Pelin Ünker (Cumhuriyet) getroffen, die zunächst für ihre Berichterstattung zu den Panama-Papers und aktuell für ihre Berichterstattung über die Paradise-Papers von Premierminister-Sohn Erkam Yıldırım und von Berat Albayrak, Finanzminister und Schatzmeister der Türkei, außerdem Schwiegersohn des Präsidenten, verklagt wird. Schon ohne die Prozesse kämpft Cumhuriyet unter der Repression um ihre Existenz: "Die Auflage der Zeitung ist von mehr als 150 000 Mitte der Neunziger auf etwa 38 000 Exemplare gesunken, das Anzeigengeschäft liegt brach. Kaum ein Unternehmen wagt es noch, in regierungskritischen Medien zu inserieren. Ein strukturelles Problem der türkischen Medienlandschaft ist, dass die meisten Medien mit relevanter Reichweite in der Hand großer Mischkonzerne sind. Diese wiederum sind oft auch in der Bau- oder Energiebranche tätig, buhlen also um staatliche Aufträge; regierungskritische Berichterstattung beschädigt das Geschäft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2018 - Medien

Volker Rieck, Geschäftsführer eines "Content-Protection-Dienstleisters", der also selbst im Namen einer Lobby agiert, regt sich in der FAZ auf, dass auch die Gegenseite eine Lobby hat - und versucht damit, die FAZ-hörigen Politiker zu instruieren, am 12. September für das europäische Leistungsschutzrecht zu stimmen: "Die Initiative C4C bündelt die Interessen diverser Verbände - von Industrieverbänden bis zu Verbraucherschutzvereinen. Sie erweckt allein schon durch den wohlklingenden Namen den Anschein einer Graswurzelbewegung zur Rettung von Urheberrechten und Kreativität. Dabei geht es ihr um das Gegenteil. Kreative oder Kreativ-Verbände sind nicht Mitglieder dieser Initiative." Mit "Kreativen" meint Rieck die Zeitungen und mit den "Kreativverbänden" Zeitungsverlegerverbände.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2018 - Medien

Medien nennen gern die Größe ihrer Leserschaft (eine Million!) um ihre Vitalität zu unterstreichen. Aber was zählt ist der Absatz, und der geht laut Peter Turi, der Peter Nolte, den Chef des Bundesverbandes Presse-Grosso zitiert, zurück: "Die Zahlen seien eine 'mittelschwere Katastrophe'. Um 10,1 Prozent sank der Presseabsatz im 1. Halbjahr 2018 laut Nolte, der Umsatz ging um 7,2 Prozent zurück. Auch die Fußball-WM und die Panini-Sammelbilder sorgten nicht für einen Lichtblick, sagt Nolte in einem Interview des Branchenblatts Der Neue Vertrieb vor der Jahrestagung der Pressegroßhändler in Baden-Baden."

Hm, hat Barbara Villiger-Heilig ihren Lehrerjob, den sie nach dem Weggang aus dem NZZ-Feuilleton angenommen hatte (unser Resümee), hingeschmissen? Jedenfalls gibt die ehemalige Theaterkritikerin der NZZ nun in dem beneidenswerten Schweizer Onlinemedium republik.ch die Gründung eines Feuilletons bekannt. Und zwar eines richtigen, mit Kritik: Denn "es ist unübersehbar. Die Kulturressorts zahlreicher Medien betreiben eine neumodische Variante von Feigenblatt-Strategie. Anstelle der Buchrezension bringt man ein Interview mit der Autorin. Den Filmessay ersetzt der Besuch beim Regisseur daheim im Kreise seiner Katzen. Statt eine Theaterpremiere zu besprechen, publiziert man das Porträt der - wahlweise - ältesten oder jüngsten Schauspielerin im Ensemble."

Außerdem: In Myanmar sind zwei Reuters-Journalisten wegen ihrer Recherchen zur Verfolgung der Rohingya zu bis zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden, berichtet unter anderem Le Monde.