9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2019 - Medien

Meedia publiziert dankenswerter Weise ein sehr lesenswertes dpa-Interview mit Springer-Chef und Verlegerpräsident Mathias Döpfner, der recht klare Worte zur Relotius-Affäre findet ("Das Problem, dass einstweilen aus dem 'Sturmgeschütz der Demokratie' ein 'Luftgewehr der Fantasie' geworden ist, das muss der Spiegel lösen") und ein erstaunliches Statement zur Präsenz von Journalisten in sozialen Netzen abgibt: "Die eigene Präsenz von Journalisten in sozialen Medien erscheint mir zunehmend problematisch. Die Idee, dass der Vertreter einer Medienmarke rein privat twittern oder auf Facebook posten kann, ist absurd. Kein Mensch kann das unterscheiden. Ein Chefredakteur oder Redakteur ist dort keine private Person. Deshalb wird viel zu schnell geschrieben, was am Ende der Marke abträglich ist. Am Ende dienen diese Aktivitäten allenfalls der Person, sehr selten dem von ihr vertretenen Medium. Ich empfehle allergrößte Zurückhaltung, wenn nicht gar vollkommene Enthaltsamkeit."

Wie fremd die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen sind, wenn man an die Nutzeroberflächen von Netflix gewöhnt ist, hat taz-Autor Tilman Baumgärtel erfahren, als er die Folgen der gerade wiederholten "Holocaust"-Serie in den ARD-Mediatheken suchte: "Hier wird man von einer schematischen Ordnung und hölzernen Rubriken empfangen, durch die man sich selbst hindurch navigieren muss: Serien, Comedy, Dokumentarfilme, 'Tagesschau'. Wer eine bestimmte Sendung sucht, weiß besser Bescheid über die Struktur der öffentlich-rechtlichen Anstalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2019 - Medien

Am Dienstag zitierten wir eine Kolumne von von Götz Aly, der das Schweigen der Juroren all der vielen Journalistenpreise für Claas Relotius kritsierte (unser Resümee). Namen nannte Aly nicht. Auf Facebook zirkuliert die vollständige Version von Alys Artikel, bevor der folgende Absatz der kollegialen Rücksichtnahme durch die Chefredaktion der Berliner Zeitung zum Opfer fiel: "Diejenigen, die Relotius in den verschiedensten Jurys blindlings hochgejubelt haben, hüllen sich in Schweigen - so, als hätten sie mit dem Fall überhaupt nichts zu tun. Lügen funktionieren aber dann besonders gut, wenn der Lügner - gleich dem Hauptmann von Köpenick - genau das tut, was sein Publikum erwartet. In jenen Jurys, die Lügenwerke von Claas Relotius zigfach auszeichneten, saßen unter anderem, hier in alphabetischer Reihenfolge genannt: Gehard Fürst (Bischof, Diözese Rottenburg-Stuttgart), Tina Hassel (ARD), Brigitte Huber (Chefredakteurin, Brigitte), Claus Kleber (ZDF), Friedrich Küppersbusch (TV-Produzent), Markus Lanz (Moderator), Caren Miosga (ARD), Ines Pohl (Chefredakteurin, Deutsche Welle), Evelyn Roll (Journalistin, Autorin); Theo Sommer (vormals Chefredakteur der Zeit), Jörg Thadeusz (Moderator, WDR), Ulrich Wickert (Stifter). Die Liste ließe sich erheblich verlängern, zumal es im Fall des viermal an Relotius verliehenen Deutschen Reporterpreises noch üppig besetzte Kommissionen zur Vorprüfung der eingereichten Texte gab."

Auch das Reporter-Forum, das Relotius mehrfach ausgezeichnet, hat die Texte von seiner Website genommen, berichtete schon vor ein paar Tagen Kurt Sagaz im Tagesspiegel. Das gilt auch für "Texte in der Süddeutschen Zeitung, die an das Reporter-Forum die 'dringende Aufforderung' geschickt hat, die nominierten Beiträge von der Seite zu nehmen." Beim Reporter-Forum datiert die letzte Meldung vom 20. Dezember, mit dem Versprechen: "Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden."

Dem Neuen Deutschland geht es nicht so gut. Das Überleben der Zeitung hängt von der Linkspartei ab. Und dann ist da noch die Frage, wem das höchst wertvolle Grundstück gehört, wo die Zeitung ihren Sitz hat. Anne Fromm berichtet für die taz: "Zu DDR-Zeiten, als das nd noch Propagandaorgan war, arbeiteten dort mehr als 500 Menschen, eine Million Exemplare wurden täglich verkauft, überregionale Konkurrenz gab es praktisch nicht. Heute sind es bei hundert Mitarbeitern noch gut 22.000 Exemplare, Tendenz sinkend. Alle Tageszeitungen kennen diese Entwicklung. Nur läuft sie beim nd schneller ab, weil die Leserschaft älter ist und stirbt. Der Großteil der nd-Leser sind alte Ostdeutsche. Manche in der Linkspartei sagen, dass die Zeitung vor allem in Ostberliner Altenheimen stark sei."

Der russische Propagandasender Russia Today hat ein Problem: Er sucht eine europäische Sendelizenz. Trotz des Engagements eines ehemaligen MDR-Chefredakteurs (unser Resümee) dürft RT deutsch wegen seiner staatlichen Finanzierung allerdings keine Chance auf eine Sendelizenz in Deutschland haben, schreibt Timo Niemeier bei dwdl.de: "Übrigens hat auch die Deutsche Welle, die aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, keine deutsche Rundfunklizenz. Die braucht sie aber auch nicht, weil sie ja ein Auslandssender ist. RT muss sich bald aber wohl ganz zwangsläufig um eine Lizenz in einem europäischen Land kümmern, will man auch nach dem Brexit europaweit empfangbar bleiben. Derzeit ist der Sender bei der britischen Ofcom lizenziert."

Außerdem: Meedia berichtet, dass die einst mit großem Trara gestartete deutsche Ausgabe der Huffington Post eingestellt wird. "Die Maßnahme kommt auch deshalb überraschend, weil Burda erst im vergangenen Oktober den Umzug der HuffPo in die Haupstadt angekündigt und zum Jahreswechsel auch weitgehend vollzogen hatte." Noch immer ist die Reichweite herkömmlicher Medien stärker als jene von alternativen Kanälen, schreibt Rainer Stadler in der NZZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2019 - Medien

Felix Stephan versucht für die SZ den Unterschied zwischen einer literarischen Reportage, die den Namen verdient, und jenem weltanschaulichen Gefühlsjournalismus, der Claas Relotius einen solchen Erfolg sei seinen Kollegen und Vorgesetzten brachte, herauszuarbeiten. Die einen "formulieren die eigene Voreingenommenheit, stellen erkenntnisstiftend ihre eigene Ratlosigkeit aus, ihr Staunen und, wenn nötig, Unverständnis. Bei Relotius hingegen passt immer alles zusammen, eins führt zum anderen, alles fügt sich zu einem Ganzen, als hätte es die vergangenen 150 Jahre Erzähl- und Erkenntnistheorie nicht gegeben."

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht die Kritik am Twitter-Ausstieg des Grünen-Politikers Robert Habeck als Symptom einer hysterisierten Öffentlichkeit, in der die Medien nicht unbedingt die Heldenrolle spielen. Die oft hämische Kritik an Habeck  sei "Ausdruck einer fatalen Neigung zur Sofort-Skandalisierung von Stilfehlern. Und es wird offenbar, dass Dauerkommunikation und Ad-hoc-Erreichbarkeit inzwischen als politische Kernkompetenzen gelten - frei nach dem Motto: 'Nur wer rund um die Uhr auf Sendung ist, erfüllt die Anforderungen der neuen Zeit. Aber wer mal daneben liegt, den machen wir so richtig fertig!'"

Das sind auch so Medienmeldungen. Der ehemalige MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich geht zum russischen Propagandasender RT Deutsch, berichtet turi2 unter Bezug auf eine nicht online stehende Bild-Meldung: "Bild-Chefreporter Peter Tiede zitiert aus einer Mail Kenntemichs: Demnach sei er im Auftrag einer Anwaltskanzlei dabei, einen Beirat für RT Deutsch zu bilden. Deutschen Verhandlungspartnern biete er an, Russland könne Repressalien gegen die Deutsche Welle lockern, falls die Sendelizenz erteilt wird. Kenntemich, der früher selbst für Bild schrieb, äußert sich nicht."

Nachdem die Branche bei Claas Relotius nicht so genau hinsah und ihn lieber mit Preisen überhäufte, fragt sie beim Schriftsteller Robert Menasse um so dringender nach. Kann es sein, dass er noch irgendwo ungenau zitiert hat? Martin Reeh hat für die taz nun recherchiert , dass ein Jean-Monnet-Zitat Menasses nicht aufzufinden ist.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2019 - Medien

Die Gefahr des Terrorismus scheint abgeflaut, aber der religiöse Extremismus breitet sich aus, sagt Riss, Chefredakteur von Charlie Hebdo im Interview mit dem Figaro am Jahrestag des Attentats: "Vier Jahre nach der Tragödie vom 7. Januar haben wir fast vergessen, was sie für uns bedeutet. Einige Franzosen meinen, dass Charlie 'übertreibe' und sagen uns: 'Vielleicht sollten wir zu anderen Themen übergehen'. Sie sehen nicht, wie fragil die Demokratie geworden ist."

In der Berliner Zeitung wünschte sich Götz Aly etwas mehr Selbstkritik von jener Creme des deutschen Journalismus, die einen Claas Relotius immer wieder mit höchsten Preisen ausgezeichnet hat: "Die Tatsache, dass die Namen der Laudatoren, die Jury-Begründungen und die Lobreden auf den Preisträger Relotius aus dem Internet getilgt sind, finde ich antiaufklärerisch. Nur wer diese Texte kompakt veröffentlicht und die Namen der jeweils Beteiligten nennt, zeigt ein ernsthaftes Interesse, aus diesem, den deutschen Journalismus schwer belastenden Betrugsfall zu lernen."

Marcel Weiß gratuliert in seinem Blog neunetz.com dem Perlentaucher, der über den Dienst Steady eine substanzielle Unterstützung seiner Leserschaft bekommen hat. Zwar reichen diese Summen nicht aus, so Weiß, aber "es lohnt sich ein Blick auf die Startseite von Steady, um zu sehen welche anderen Projekte sich auf diese Art in Deutschland komplett oder zum Teil refinanzieren. Das Bildblog etwa bekommt etwas über 4.000 Euro brutto über Steady. Es sind Dienstleister wie Steady und Patreon, die künftig eine integrale Komponente nicht nur für Medien sondern auch für Kunst und Kultur sein werden. Wie immer lohnt sich ein Gedankenspiel, wo solch ein Ansatz in fünf, in zehn Jahren stehen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2019 - Medien

Das Nieman Lab bereitet die journalistische Branche auf ein weiteres miserables Jahr vor: "Für die meisten Medien wird 2019 weniger Geld und mehr Kürzungen bringen, schreibt Rasmus Kleis Nielsen. Einfach nur Paywalls zu errichten, wird es nicht bringen, meint er und fordert mehr und besseren Journalismus, für den die Leute auch zu zahlen bereit seien: "Viele der heute online veröffentlichten Berichte sind es einfach nicht wert, dafür zu zahlen. Einiges davon ist nicht mal unsere flüchtige Aufmerksamkeit wert."

Xiao Mina wirft - ebenfalls im Niemann Lab - in die Debatte, dass wir vielleicht gar nicht das Ende der Wahrheit erleben, sondern nur das Ende des großen Konsens: "Die Welt insgesamt, aber besonders der Westen entfernen sich von einem Konsens, der vom Fernsehen getragen war, hin zu etwas, was Penny Andrews den digitalen Dissens nennt: 'Wir hatten den Nachkriegskonsens, dann den neoliberalen Konsens und jetzt haben wir etwas ganz anderes, den digitalen Dissens, in Echokammern fragmentiert und immer schnell empört. Die Leute wählen nicht unbedingt nach ihrer Klasse, ihrer Anstellung oder anderen traditionellen Faktoren. Viele Leute wählen überhaupt nicht."
Stichwörter: Digitaler Dissens

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2019 - Medien

Die Relotius-Affäre wäre ohne den Antiameriakanismus in der Spiegel-Redaktion, den Claas Relotius nur bediente, gar nicht möglich gewesen, schreibt James Kirchick in Atlantic: "In einer makabren Geschichte erzählt er von einer Frau, die durch die USA reist, um als Zeugin bei Hinrichtungen dabei zu sein. In einer anderen erzählt er das tragische Schicksal eines Manns aus Jemen, der unschuldig über 14 Jahre in der Guantanamo Bay gefangen war, wo er in Einzelhaft gehalten und gefoltert worden sei. (Der Song, mit dem er in voller Lautstärke beschallt wurde? Bruce Sptingsteens 'Born in den USA'). Beide Geschichten waren komplett fabriziert."

Der amerikanische Journalismusprofessor Jay Rosen, der vor kurzem noch ein sehr positives Bild vom Journalismus in Deutschland verbreitete (unser Resümee), sieht das Problem im Gespräch mit Alan Cassidy in der SZ eher in einem nach Unterhaltsamkeit strebenden Journalismus: "Es gibt viele Dinge, die im Journalismus wichtiger sind als eine gute Story: die Achtung vor der Wahrheit, die Herstellung einer Faktenbasis für die öffentliche Debatte, die Machtkontrolle. Die Genauigkeit. Wenn Storytelling zum zentralen Element wird, kann es dazu kommen, dass die Erfordernisse einer guten Geschichte wichtiger werden als die Pflicht zu sagen, was ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2019 - Medien

Derek Thompson wirft in Atlantic Monthly einen Blick auf die Lage der amerikanischen Medien. Sie ist nicht besser geworden: "Es gab Entlassungen in Vox Media, Vice und Buzzfeed (und Gerede über eine Fusion aus Not). Mic., das einst mit 100 Millionen Dollar bewerte Start Up, hat den größten Teil seiner Mannschaft entlassen und wurde für 5 Millionen Dollar verkauft. Verizon hat fünf Milliarden Dollar auf seine Digital-Media-Unit abgeschrieben, zu der AOL und Yahoo gehören. Reuters  kündigte 3.000 Stellenstreichungen für die nächsten zwei Jahre an. Die Krankheit scheint weit verbreitet zu sein, betrifft Risikokapital-Lieblinge und alte Marken, sorgt für die Ausdünnung lokaler Nachrichten und internationaler Dienste. Niemand ist sicher und fast jeder steht zum Verkauf." Was laut Thompson folgt, ist eine neue Ära der Presse in der Hand reicher Patrone und eine politisch getriebene "Parteipresse". Wie das im einzelnen funktioniert, kann man in dieser GQ-Reportage nachlesen, in der Zach Baron beschreibt, wie Politiker mittels bezahlter Anzeigen das kalifornische Lokalblatt Fresno Bee attackieren.

Kann es sein, dass der Spiegel-Autor Claas Relotius, der seine Reportagen so frisierte, dass sie den Erwartungen entsprachen, nur ein Symptom für einen zynischen Journalismus ist, der am Ende den Populismus bestärkt fragt der Psychiater und Autor Joachim Bauer in der Welt: "Eine als Geschichte ständigen Versagens erzählte Tagespolitik, als Abfolge von lächerlichen oder unfähigen Charakteren, erzeugt ein Gefühl, das Martin Seligman als 'gelernte Hilflosigkeit' beschrieben hat. Frustration kann Wut und Aggression zur Folge haben. Ständig erneuerte Untergangsnarrative sind der ausgebreitete rote Teppich, den Populisten beschreiten, um unsere demokratische Gesellschaftsordnung insgesamt als Wegwerfmodell darzustellen. Das Fehlverhalten des Claas Relotius sollte Anlass sein, über unseren Journalismus grundsätzlich nachzudenken." Bauer verweist auf eine Initiative der amerikanischen Kollegen Tina Rosenberg  und David Bornstein für einen konstruktiven Journalismus (mehr hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2018 - Medien

Erst gestern hatte der ZDF-Intendant Thomas Bellut mehr Geld gefordert (unser Resümee). Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm droht nun gar den Gang zum Bundesverfassungsgericht an, falls sich die Länder nicht fügen und die Gebühren erhöhen, berichtet dpa (hier im Handelsblatt): "Falls nicht alle Landtage zustimmen sollten, 'bliebe als Ultima Ratio die Klärung beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe', sagte... Wilhelm in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in München. 'Dies würde freilich eine jahrelange Hängepartie bedeuten. In dieser Zeit könnte nicht ordnungsgemäß gearbeitet werden.'" Eine Koppelung der Gebührenerhöhung an die Inflationsrate erscheint Wilhelm zwar als "gangbarer Weg", er gibt nur zu bedenken, dass die Inflation für die Sender höher sei als in anderen Gebieten. Mehr auch in der FR.

"Die Senderchefs strotzen vor Selbstbewusstsein", kommentiert Kurt Sagatz im Tagesspiegel. "Zunächst hatte das Bundesverfassungsgericht die Umstellung des Rundfunkbeitrages auf die Haushaltsabgabe im Wesentlichen bestätigt, später urteilte der Europäische Gerichtshof im Sinne der Sender und ihrer Unterstützer. Mit der Karlsruhe-Drohung hat Wilhelm nun den Spieß sogar umgedreht."

In der NZZ stellt Marc Neumann das über Crowd-Funding entstandene, neue journalistische Projekt The Correspondent in den USA vor: "Anders als in den sozialen Netzwerken werden keine Daten zu Werbe- oder Marketingzwecken erhoben. Geld verdienen die Neojournalisten nicht mehr mit Journalismus als Produkt oder Dienstleistung. Stattdessen werden Mitgliederbeiträge für die Teilnahme an einer journalistischen Mission entrichtet, quasi als Vereinsidentität. Auf Vertrauensgrundlage verschmelzen Journalisten und Mitglieder zum wissens- und informationsschürfenden Biotop."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2018 - Medien

Zeit Online hat vier seiner festangestellten und freien Reporter zum Fall Claas Relotius befragt. (Unsere Resümees) Konstantin Richter, der in den USA Journalismus studierte, singt ein Loblied auf den US-amerikanischen Journalismus: "Die New York Times ist berühmt für das, was manche deutschen Journalisten abfällig als 'Sachkack' bezeichnen. Schon der erste Satz der typischen New-York-Times-Geschichte ist unspektakulär, es geht um Relevanz und Information, nicht darum, den Leser in den Text hineinzuziehen." Wolfgang Bauer fordert mehr Factchecking und mehr Auslandsberichterstattung: "Nur wenige Häuser leisten sich eine kontinuierliche Berichterstattung im Ausland. Fast alle Investitionen, die von unseren Zeitungshäusern getätigt werden, finden in ihren Zentralen im Inland statt, so gut wie nie im Ausland. Will man einen Betrug, wie ihn Relotius begangen hat, in Zukunft verhindern, sollten Redaktionen ein Netz aus Stringern und lokalen Mitarbeitern unterhalten." Alexandra Rojkov erzählt von den Schwierigkeiten einer gut recherchierten Reportage.

ZDF-Intendant Thomas Bellut fordert im Interview der Deutschen Presse-Agentur eine "moderate Erhöhung des Rundfunkbeitrags", meldet Zeit Online mit dpa: "'Weil wir aktuell die Rücklage einsetzen dürfen, die nach der Umstellung auf den Rundfunkbeitrag entstanden war, beträgt der Beitrag nach unserer Berechnung real bereits 18,35 Euro', sagte Bellut und warnte vor Qualitätseinbußen, sollte dieser 'wirkliche Basiswert' unterschritten werden: 'Alles darunter wäre eine klare Kürzung, die nur durch große Einsparungen im Programm erbracht werden könnte.'"

Und warum spricht Bellut von einem Betrag von über 18 Euro? "Weil verschiedene Landesregierungen durchblicken lassen, dass sie eine Erhöhung jenseits von achtzehn Euro für nicht durchsetzbar halten", antwortet Michael Hanfeld in der FAZ. "Und weil das von einigen Ländern befürwortete Index-Modell, dem zufolge der Rundfunkbeitrag künftig automatisch steigen würde, mit einem Basiswert begönne, den viele Medienpolitiker bei 17,20 Euro sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2018 - Medien

Auch über die Feiertage lässt der Fall Claas Relotius (unsere Resümees) den Zeitungen keine Ruhe. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Markus Ehrenberg zieht der Moderator Jörg Thadeusz, der selbst in verschiedenen Jurys saß, Journalistenpreise in Zweifel und fragt: "Warum war es so erfolgreich, die Welt journalistisch genau so zu bestätigen, wie sie eine Vorsitzende der Grünen ohnehin sieht?"

Dass Reporter jüngst immer stärker versuchen, in ihren Texten "Atmosphäre" zu erzeugen, nimmt Thomas Assheuer in der Zeit noch hin. Aber: "Relotius hat diese Technik pervertiert. Er unternahm erst gar nicht den Versuch, sich einer unbekannten Wirklichkeit zu nähern; stattdessen erzeugte er atmosphärische Räume und Erlebnis-Höhlen, die perfekt ins gefühlte Beuteschema der liberalen Öffentlichkeit passten. Gemessen an ihrem Erfolg, erfüllten die Geschichten, die Relotius narrativ eingespeichelt hatte, die Erwartungen von Redaktion, Lesern und Juroren vollkommen. Sie sorgten für Schaudern und Entzücken, denn sie enthielten genau die Klischees, genau die Stereotype, Fantasmen und Deutschmythen, die alle beim Publikum vermuteten."

Ebenfalls in der Zeit resümiert Holger Stark die Hintergründe der Relotius-Affäre und meint: "Die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Lesern vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erfühlen und erzählen zu können, und die mit der Figur des allwissend-autoritativen Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht - diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein."
Stichwörter: Relotius, Claas