9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2019 - Medien

In der NZZ rekapituliert Markus Ziener, wie Ungarn, Polen und Tschechien unabhängige Medien ausschalten. Ein wichtiges Mittel waren die staatlichen Anzeigen, mit deren Hilfe die Regierungen Gelder haben fließen lassen oder eben nicht. Ein anderes Instrument war die Vertreibung ausländischen Medienhäuser, um Zeitungen und Radiosender regierungstreuen Oligarchen zuzuschlagen. "Doch warum haben sich viele der ausländischen Medienhäuser aus den mittel- und osteuropäischen Märkten zurückgezogen? Zum einen, weil der politische Druck gestiegen ist. So wird den Medienhäusern regelmäßig vorgeworfen, sie 'kolonisierten' ihre Länder. Zum anderen, weil Investoren, die kritische Medien besitzen, direkte ökonomische Nachteile drohen. 'Dabei werden auch die Wettbewerbsbehörden als verlängerter Arm der Regierung eingesetzt', sagt Simon. So hatte etwa das ungarische Kartellamt den Häusern Ringier und Springer eine Kooperation nur unter der Auflage erlaubt, dass diese sich von einem Teil ihres Portfolios trennten. Das Kartellamt folgte dabei einer bindenden Empfehlung des neu geschaffenen Medienrates. In diesem Zuge wurde Népszabadság verkauft und de facto dem Untergang geweiht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2019 - Medien

(Via turi2) War der Fall Relotius nur das Extrem einer Praxis, die im deutschen Journalismus gang und gäbe ist? Der bekannte Medienjournalist Kai-Hinrich Renner hat sich für die Morgenpost eine Vorlesung des vielfach ausgezeichneten Spiegel-Reporters und Relotius-Förderers Ulrich Fichtner angehört, der glatt empfiehlt, bei Reportagen die Aussagen mehrerer Personen einer einzigen Person zuzuschreiben, um die Geschichte flüssiger zu machen. Fichtner hat auf Renners Fragen mit einer Mail reagiert, die Renner aber nicht zitieren darf. Die Technik des "Verschmelzens" scheint nicht ganz neu zu sein, erläutert Renner: "Es hilft auch wenig, dass der Medienwissenschaftler Michael Haller in seinem 1987 erschienenen Standardwerk 'Die Reportage' das Verschmelzen von mehreren Personen in eine Figur für legitim hält. Auf Hallers seltsame Lehrmeinung hat im Zusammenhang mit dem Skandal um Claas Relotius, der für den Spiegel 55 Texte fälschte, bereits im Januar der Medienjournalist Stefan Niggemeier hingewiesen. Haller habe ihm gesagt, schreibt Niggemeier, dass er eine entsprechende Passage in einer Neuauflage des Buches ändern werde."

In Japan wird die Presse gleichgeschaltet im Sinne einer beschönigenden Geschichtspolitik. Die im Ausland viel gelesene Japan Times hat sich im November von Begriffen wie "Zwangsarbeit" und "Trostfrauen" distanziert, um die japanische Kriegsverbrechen im Sinne heutiger Geschichtspolitik erneut zu verschleiern, berichtet Axel Weidemann in einem interessanten Hintergrundtext in der FAZ. "Im Ausland berichteten der Guardian und Reuters von dem Vorfall. Die New York Times, die seit 2013 eine Publikationskooperation mit der JT unterhält, hüllte sich in Schweigen. Auch die großen japanischen Zeitungen halten still. Die englischsprachige Ausgabe der konservativen Yomiuri Shinbun, The Japan News, hatte Ende November 2014 schon eine klägliche Stellungnahme veröffentlicht, in der man sich für den Gebrauch des Wortes 'Sex-Sklavinnen' und 'andere unpassende Ausdrücke' öffentlich entschuldigte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2019 - Medien

Paywalls funktionieren nicht, vor allem nicht bei der Lokalpresse, schreibt Ralf-Dieter Brunowsky, ehemals Chefredakteur bei Capital, mit blick auf die Krise bei den Dumont-Zeitungen bei Meedia. Aber das ist nicht alles: "Die Erhöhung der Vertriebspreise lässt sich auch nicht unendlich fortsetzen. Sie hat dazu geführt, dass jüngeren Lesern das Zeitunglesen zu teuer geworden ist. Es gibt online genug kostenlose Angebote. Die Verlage stecken in einer Falle, aus der ein Entkommen kaum möglich erscheint."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2019 - Medien

Der Fall des Journalisten und Henri-Nannen-Preisträgers Dirk Gieselmann ist zwar nicht so spektakulär und abgründig wie der Fall Claas Relotius. Aber Georg Altrogge nennt bei Meedia Gründe, warum er den bisher beschwiegenen Namen des Reporters nennt, den Spiegel, SZ und Zeit jetzt nicht mehr beschäftigen wollen. Unter anderem weil diese Fakten "ganz offensichtlich bewusst falsch präsentiert hat". Aber auch wie etwa die Redaktion der Zeit mit dem Fall umgeht, behagt ihm nicht: "Die Leser werden, wie in diesen Tagen durch die Zeit im Fall Gieselmann, merkwürdig ausschnitthaft informiert. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, um welche Fehler in welchen Artikeln es genau geht, ist auf verlorenem Posten. Die Chefredaktion von Zeit wie von Zeit Online nennt weder den Namen des Autors noch Links zu den betroffenen Texten."
Stichwörter: Relotius, Claas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2019 - Medien

Privatwirtschaftlich organisierte Medien investieren lieber nicht in journalistische Start Ups, und öffentlich-rechtliche Medien ziehen sich auf das Argument zurück, dass sie Innovationen anstaltsintern erledigen - neuer Journalismus kann also in Deutschland bisher kaum entstehen, schreibt der Medienforscher Christopher Buschow bei Netzpolitik. Nur zwei Akteure hätten sich mit Förderungsinitiativen hervorgetan, Google und Facebook: "Sie, deren Dominanz im digitalen Medienmarkt gerade von Presseverlagen regelmäßig beklagt wird, zählen mittlerweile zu den größten Finanziers der journalistischen Gründerlandschaft in Deutschland. Welch eine Ironie."
Stichwörter: Medienwandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2019 - Medien

Nach dem Rauswurf des amerikanischen Star-Journalisten Jorge Ramos aus Venezuela blickt die Columbia Journalism Review auf den betrüblichen Zustand der Medien im Land. Der venezolanischen Journalistengewerkschaft SNTP zufolge wurden mindestens sechzig private Medien unter dem Chavismo geschlossen: "Wer nicht geschlossen oder von der Regierung zum Verkauf gezwungen wurden, den traf die wirtschaftliche Rezession."

Auf Uebermedien dröselt Stefan Niggemeier auseinander, mit was für fragwürdigem Datenmaterial der Unternehmer, Blogger und FAZ-Autor Volker Rieck beweisen wollte, dass die Kampagne #SaveTheInternet gegen das neue europäische Urheberrecht von amerikanischen Botfarmen aus gesteuert worden sei: "Die Daten, auf die sich Rieck stützt, sind falsch und damit auch die Schlüsse, die er aus ihnen zieht. Die Auswertungssoftware, die er benutzt, scheint englischsprachige Twitter-Accounts, die keine explizite Ortsangabe enthalten, pauschal in der amerikanischen Hauptstadt zu verorten. Auf diese Weise wurden selbst Tweets der deutschen Europa-Abgeordneten Julia Reda in die USA verlegt - und von Rieck als Indiz für transatlantische Einflussnahme gewertet." Netzpolitik gibt einen Überblick über alle anstehenden Demonstrationen gegen das Gesetz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2019 - Medien

Der ganze Zorn in der Debatte um das Framing-Papier der ARD hat sich auf die Linguistin Elisabeth Wehling konzentriert. Der Linguist Henning Lobin fragt sich in seinem Blog, ob dies ein geschicktes Framing der ARD war, denn die eigentliche Frage wäre für ihn, "warum die ARD eigentlich überhaupt der Meinung war, statt mit Sachlichkeit in einer Art moralischer Überwältigungsstrategie für sich werben und die privatwirtschaftliche Konkurrenz dabei verunglimpfen zu müssen. Wir brauchen nämlich nicht mehr, sondern weniger Framing in der öffentlichen Diskussion, und erst recht nicht von einem der größten öffentlich-rechtlichen Sender der Welt. Man sollte sich fragen, warum man dort nicht nach den ersten Vorgesprächen oder Workshops, um die es wohl ursprünglich ging, die Finger von der ganzen Sache gelassen hat..."

Michal Angele vom Freitag hat ein "HU-nahes Institute for Desensibilisation" gegründet. Es hilft mit Gutachten und Workshops gegen ungute Fixierungen, etwa die Fixierung der nicht-öffentlich-rechtlichen und darum eher prekär "gerahmten" Journalistenschaft auf das "Framing"-Papier der ARD, verspricht er: "Was hat man sich nicht darüber aufgeregt, konnte gar nicht aufhören! Wurde in seinem Hass auf die ARD sogar den rechten Wutbürgern ähnlich, obwohl man das ja nicht wollte!! Kein Problem für uns." Aber wahrscheinlich ist der Laden viel zu teuer!

Der Diesel-Skandal und die Panama-Papers wären nicht ohne Leaks aus Firmen publik geworden. Bundesjustizministerin Katarina Barley plant nun aber ein Gesetz, das den Schutz von Whistlebowern vermindern würde, fürchten Justus von Daniels und Jonathan Sachse bei correctiv.org. "Bisher gehört zur Pressefreiheit, dass Journalisten nicht dafür angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden, Firmeninterna offenzulegen. Behörden wie Polizei oder Staatsanwaltschaft ermitteln also nicht gegen sie. Wenn es zu unzulässigen oder unwahren Berichten kommt, können sich Unternehmen vor allem mit Unterlassungen und Schadensersatzforderungen gegen eine Redaktion wehren. Nach den Plänen des Justizministeriums könnten Unternehmen eine Strafermittlung gegen Journalisten auslösen, weil sie auf Grundlage von internen Papieren Skandale aufdecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2019 - Medien

Nachdem Elisabeth Wehling die Verfasserin des Framing-Papiers der ARD, ein Weilchen geschwiegen hat, äußert sie sich nun in Interviews, heute mit Laura Cwiertnia von Zeit online: "Bei dem Papier handelt es sich um ein internes Dokument, das aus dem Kontext gerissen wurde. Viele stören sich an dem Begriff Moral, der darin vorkommt. Ich verstehe, der kann negative Assoziationen wecken, da er ans Moralisieren erinnert, wenn man ihn als Forschungsbegriff nicht kennt. Aber das moral framing, auf das ich mich beziehe, ist ein anerkanntes wissenschaftliches Konzept."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2019 - Medien

Der DuMont-Konzern will angeblich seine Zeitungen verkaufen (unser Resümee). Und würde damit Medien abwickeln, die sich noch schlechter entwickelt haben als der Durchschnitt der Branche. Die Auflagen seiner Zeitungen sind im Schnitt seit zehn Jahren um 43,5 Prozent gesunken, schreibt Jens Schröder bei Meedia. In Meedia zitiert Marvin Schade auch ein Schreiben des Managements an seine Mitarbeiter, das auf die Gerüchte reagiert und, so Schade, "weder bestätigt noch dementiert".

Es wäre zu einfach, den Ausverkauf bei DuMont dem jetzigen Manager Christoph Bauer anzulasten, auch wenn er als wenig medienaffin gilt, meint Georg Altrogge, ebenfalls bei Meedia. Die Hauptschuld trägt für ihn der vor ein paar Jahren verstorbene Patriarch Alfred Neven DuMont selbst: "Da waren verlegerisch ambitionierte, aber gleichwohl als gigantische Fehlinvestments geltende Zukäufe (unter anderem in die längst abgewickelte Frankfurter Rundschau). Geld, das bei damals noch gesunden Titeln später für Zukunftsinvestitionen fehlte. Oder auch das wenig glückliche Händchen des Verlegers bei der Regelung seiner Nachfolge. Der Streit mit seinem Sohn Konstantin Neven DuMont und dessen Rauswurf markiert ein unrühmliches Kapitel kölscher Verlagsfolklore in seiner überlangen Regentschaft."

"Sich vorzustellen, wer das Zeitungskonstrukt von DuMont in Gänze schlucken soll, fällt schwer", kommentiert Jürn Kruse in der taz, denn die Funke-Gruppe hat gerade noch ein paar ehemalige Springer-Zeitungen zu verdauen, Madsack hat investiert, und Ippen hat die Frankfurter Rundschau übernommen. In einem ausnahmsweise online stehenden Artikel fragt auch das Handelsblatt, wie realistisch die Zerschlagung der DuMont-Gruppe ist.

Markus Brauck malt sich bei Spiegel online eine Welt ohne Lokalzeitungen aus: "Es wird Räume geben ohne Öffentlichkeit. Räume, die sich der Kontrolle entziehen, die Öffentlichkeit bedeutet. Räume ohne öffentliche Debatte, ohne öffentliche Politik. Eine WhatsApp-Gruppe macht noch keinen Journalismus."

Erstaunlich vage äußert sich die Linguistin Elisabeth Wehling im Interview mit SZ-Redakteur Detlef Esslinger über das "Framing"-Papier für die ARD, das so viel Aufsehen erregte: "Wenn man den Kontext nicht kennt, in dem damals in den Workshops mit Verantwortlichen der ARD diskutiert wurde, kann man auch einzelne Schlagwörter nicht einordnen. Zugleich kann ich jedoch nicht hier in der Öffentlichkeit interne Debatten mit Kunden wiedergeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2019 - Medien

Die DuMont-Gruppe plant angeblich, sich von sämtlichen ihrer Zeitungen zu trennen, meldet turi2 unter Bezug auf einen Artikel der Medienjournalistin Ulrike Simon bei horizont.net, der hinter der Paywall steht. Offenbar hatte Simon Einsicht in einen Verkaufsprospekt eines Unternehmensberaters. "Den Unterlagen zufolge plant DuMont, sich vom Kölner Stadt-Anzeiger, dem Express, der Berliner Zeitung, dem Berliner Kurier, der Mitteldeutschen Zeitung und der Hamburger Morgenpost sowie allen Druckereien und Anzeigenblättern zu trennen."

Fast ein halbes Jahr nach Ian Burumas Abgang bei der New York Review of Books hat Rea Hederman, der Verleger der Zeitschrift, zwei neue ChefredakteurInnen ernannt, meldet John Williams in der New York Times: Es handelt sich um die 32-jährige Emily Greenhouse und den 33-jährigen Gabriel Winslow-Yost. Der Autor Daniel Mendelsohn wird zum "Editor at large" ernannt, was auch immer das besagen mag.

Harald Martenstein hat für seine Tagesspiegel-Kolumne jetzt auch das Framing-Papier der ARD gelesen: "Für mich klingt das nach dem Gründungsdokument einer neuen Sekte. Man könnte es alle zwei Stunden im Programm bringen, langsam gesungen von einer schönen Altstimme und begleitet von Streichern, nein: Streichenden."