9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2020 - Medien

Die Bundesregierung hat in einem Nachtragshaushalt einfach mal so beschlossen, die Presse mit künftig 220 Millionen Euro über mehrere Jahre zu subventionieren (unser Resümee). Damit soll die Digitalisierung gefördert werden, wie es wolkig heißt. Die Medienjournnalistin Ulrike Simon findet dieses Spiel in ihrer Kolumne für Horizont (frei lesbar nach Registrierung) höchst gefährlich: "Die Förderrichtlinien sind allerdings unbekannt und damit insbesondere, wie sichergestellt werden soll, dass von gewährtem Geld nichts in Redaktionen oder redaktionsnahe Strukturen fließt. Der Verdacht von Staatsnähe wäre Gift. Es verwundert nicht, dass die AfD die Gelegenheit sofort erkannte. Eines ihrer Vorstandsmitglieder schrieb in einer umgehend verschickten Pressemitteilung von Hofberichterstattung und stellte die rhetorische Frage, wer Print- und Online-Redaktionen von Verlagen, die Steuermillionen der Regierung annehmen, zukünftig noch glauben solle, dass sie frei und unabhängig berichteten."

Eigentlich hätten die Zeitungen ja gern Zustellförderung bekommen, um ihre verbleibenden Abonnenten in Stadt und Land zu versorgen. Auch bringen Anzeigen im Print mehr als digital - und zwar wesentlich mehr als die ursprünglich in Aussicht gestellten 40 Millionen Euro, notiert Daniel Bouhs auf der Website der NDR-Mediensendung "Zapp": "Tatsächlich haben Umfragen ergeben, dass ein größerer Teil des Stammpublikums gar nicht digital lesen will. 'Drei Viertel (75 Prozent) können sich nicht vorstellen, ihren abonnierten Printtitel nur noch als E-Paper zu lesen', hieß es Anfang 2020 in einer Umfrage der Zeitungsbranche. Man sei deshalb 'nach wie vor unbedingt daran interessiert, dass unsere gedruckten Ausgaben in ganz Deutschland ausgetragen werden', heißt es auch jetzt. Damit sollten auch all diejenigen erreicht werden, die nicht am Netz hingen - 'schon auch im Sinne einer Demokratieförderung'."

Den Medienseiten der SZ und der FAZ sind die 220 Millionen Euro bisher übrigens nur dürre Tickermeldungen wert.
Stichwörter: Pressesubventionen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Medien

Google will Zeitungskonzerne peppeln und ruhigstellen, indem es Inhalte lizenziert, auf die es bisher ohnehin und kostenlos verlinkt (unser Resümee). Das ist neu, schreibt Steffen Grimberg in der taz und wirft als erster auch mal so etwas wie eine Zahl in die Debatte: "Und genau so neu ist, dass in der Branche von Beträgen in fünf- bis sechsstelliger Höhe geredet wird, die Google offenbar monatlich auszugeben bereit ist." Pro Zeitung? Und der Verdacht, dass sich gegenüber der bisherigen Praxis außer der noch größeren Abhängigkeit der Zeitungen von Google nichts ändert, bestätigt sich durch diese Information: "Obwohl bei dem Projekt die gesamten Inhalte der Beiträge Google zur Indizierung in der Suchmaschine vorliegen, ist laut Verlagskreisen bei Google selber zunächst lediglich ein opulenteres Anteasern geplant, das dann wiederum auf die Webseiten der Redaktionen verlinkt."

Eine neue Millionenförderung erhalten die Zeitungen außerdem durch die Bundesregierung, meldet die Meedia-Redaktion: Schon heute soll der Bundestag darüber abstimmen. Es geht darum, die Zustellförderung für Zeitungen nochmal kräftig auszubauen und zu institutionalisieren: "Ziel sei es, die Ganze die Medienvielfalt und -verbreitung in Deutschland zu erhalten, wie die CDU mitteilte. Für dieses Jahr sieht der Entwurf 20 Millionen Euro vor und in den Folgejahren insgesamt 200 Millionen Euro. Eine genaue Verteilung und nähere Details blieben unklar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2020 - Medien

Google will einigen Presseverlagen (Spiegel, FAZ, Zeit) Geld dafür zahlen, dass es Inhalte auf seiner News-Seite anzeigt. (Unser Resümee) Doch nur auf den ersten Blick sieht das dem Leistungsschutzrecht ähnlich, gegen das sich Google seit Jahren wehrt, berichten Elisa Britzelmeister und Max Muth in der SZ, die eine solche Vereinbarung nicht getroffen hat: "Ein Unterschied zwischen Leistungsschutzrecht und der neuen Vereinbarung von Google: Der Konzern kann detailliert mitbestimmen, wie die Zusammenarbeit mit Verlagen konkret aussieht. Es ist nicht abwegig, dass der Konzern durch den Deal mit einigen Verlagen den politischen und juristischen Druck abzumildern versucht. Ob Google pro Artikel zahlen wird und wie viel Geld genau fließt, dazu äußern sich auf SZ-Anfrage weder Google noch die Verlage. Aus einem großen deutschen Medienhaus heißt es laut Reuters, der Betrag sei angemessen: 'Nicht zu viel, aber auch nicht Peanuts.'"

In Nieman' Lab meldet unterdessen Ken Doctor, dass sich die New York Times aus Apple News zurückzieht: "'Es ist an der Zeit, unsere Beziehungen zu allen großen Plattformen auf den Prüfstand zu stellen', sagt NYT-COO Meredith Levien: 'Wir überprüfen sie anhand dreier Grundfragen, die miteinander verbunden sind, aber im Verhältnis zu den einzelnen Player unterschiedlich gestaltet.' Leviens drei Fragen sind: 'Welche Rolle spielt der Konzern dabei, der Times Publikum zu bringen? Welche Rolle spielt der Konzern dabei, uns in unserem Hauptziel weiterzubringen, das heißt einen direkten Bezug zu den Menschen zu erreichen, so dass sie sich an die Zeitung binden und bezahlen? Wer zieht welchen Nutzen aus der Verbindung: Wie erkennen die Konzerne den Wert an, den unsere Investition in echten Journalismus für sie bedeutet?"

Mit drei Frauen in der Chefredaktion stand die taz bisher vorbildlich dar - bis zur Affäre um die Polizei-Kolumne der Autorin Hengameh Yaghoobifarah. Jetzt besteht die Chefetage aus weißen Frauen, bemerkt Harry Nutt, der selbst auch so seine Erfahrungen gemacht, mit leichter Verzweiflung in der Berliner Zeitung: "Selbst in der debattenerprobten Tageszeitung taz scheint derzeit kaum jemand zu wissen, wie man auf die sichere Seite kommt. Nach Seehofers Intervention nämlich setzte eine hermeneutische Gegenoffensive ein, die Yaghoobifarahs Kolumne als legitime Reaktion vielfacher Diskriminierungserfahrung deuteten und ihr somit eine ganz andere Wahrheit attestierten."

Ein Streit um Worte ist immer auch ein Streit um Absichten und Ziele, schaltet sich die Dichterin Ulla Hahn in der FAZ in die Diskussion um Hengameh Yaghoobifarahs Polizei-Kolumne ein. Hahn plädiert für Achtsamkeit im Umgang mit der Sprache, wird aber bestimmt auf Yaghoobifarahs Zustimmung stoßen: "'Kannst du denn ein Wort so benutzen, wie du es willst?', fragt Alice aus Lewis Carrolls 'Alice im Wunderland' den verrückten Hutmacher. Und der antwortet: 'Die Frage ist nicht, was ein Wort wirklich bedeutet. Die Frage ist, wer Herr ist und wer nicht.' Diktatoren waren und sind sich der Macht der Sprache stets bewusst. Lenin, der sich viel mit Sprachfragen beschäftigt hat, kam zu dem Schluss: 'Die wesentliche Voraussetzung für die Zerstörung bestehender Ordnungen ist die Zerstörung der Sprache.'"

Weiteres: Die NZZ veröffentlicht eine Rede, die der Psychologie Steven Pinker bei der Jahreskonferenz der Heterodox Academy hielt und in der er erläutert, weshalb es kein "postfaktisches Zeitalter" gibt: "Politiker haben immer gelogen. Im Krieg, heißt es, sterbe die Wahrheit zuerst, und das kann genauso für die Politik gelten."
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2020 - Medien

In Rezos Video "Die Zerstörung der Presse" rangiert die Berliner Zeitung hinter FAZ und Bild, angeblich weil sie "gehäuft Unwahrheiten" über ihn verbreitet hätte. Im Interview befragt Kai-Hinrich Renner in der Berliner Zeitung Rezo dazu, der gar nicht einsieht, warum er hinter einer Bezahlschranke oder im Archiv hätte recherchieren oder gar bei einer Zeitung um die inkriminierten Artikel hätte bitten sollen: "Ach, come on. Die Erwartungshaltung, dass ich mir zusätzlich zu den Hunderten Stunden, die ich über Monate unbezahlt in meiner Freizeit in dieses Projekt gesteckt habe, ja noch immer mehr Aufwand hätte machen können, wäre ja noch irgendwie okay. Aber das rein auf der Basis von spekulativen Szenarien zu machen, bei denen die Möglichkeit bestünde, ein Problem von euch gelöst zu haben, aber eben auch, völlig neue weitere Probleme zu erzeugen, ist nicht konstruktiv. "
Stichwörter: Rezo

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2020 - Medien

In der NZZ stellt Marc Neuman den Podcaster Joe Rogan vor, der mit einem "populär-maskulinen Kontrariertum" in den USA den Medienmarkt auf den Kopf stellt. Ein Libertärer vom Schlage Jordan Peterson interviewt er gern auch Bernie Sanders, Edward Snowden oder Elon Musk: "Heute zählt sein Youtube-Account 8,73 Millionen Follower, pro Monat erzielen seine Podcasts 190 Millionen Downloads. Selbst die Website der New York Times wird jeden Monat 'nur' doppelt so häufig aufgerufen, bei der Times arbeiten allerdings rund 4300 Angestellte. Bei Rogan sind es drei. In dieser Liga fahren Podcasts satte Profite ein. Laut Midroll, einem Netzwerk für Podcast-Werbung, blättern Werber zwischen 18 und 50 Dollar pro 1000 erreichte Hörer hin. Zum Vergleich: Youtube zahlt Leuten, die einfach ihre Inhalte auf die Plattform stellen, für 1.000 Zuschauer einige wenige Dollar."

"Ein plumper Text wird nicht dadurch raffiniert, dass man ihn als 'Satire' bezeichnet", ermahnt Heribert Prantl in der SZ die Kollegen von der taz und spart auch sonst nicht an strengen Worten zu Hengameh Yaghoobifarahs Polizei-Kolumne, die er nicht nur unbeholfen nennt, sondern auch "gehässig": "Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind wie gewaltige Ströme - nicht alles, was darin treibt, ist kostbar; nicht alles, was da schwimmt, ist sauber. Dreck bleibt Dreck, auch wenn er schwimmt."

Und in der Welt ergänzt Deniz Yücel, dass selbst Tucholsky einem Satiriker nicht alles durchgehen ließ: Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.' Ein Satiriker, der ausblendet, dass er als Angehöriger des kulturellen Establishments, der er für gewöhnlich ist, Teil jener Verhältnisse ist, gegen die er anrennt, ist ein 'gewissenloser Hanswurst'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 - Medien

Google gibt seit Jahren Millionen von Dollars aus, um Medien- und Pressekonzerne in ihrer Kritik zu besänftigen - das nennt sich "News Initiative". Nun - vielleicht nicht von ungefähr im Vorfeld der Umsetzung neuer europäischer Leistungsschutzgesetze - verkündet Google in einem Blogbeitrag, großen Medienkonzerne Inhalte abzukaufen, um sie etwa in den Google News zu präsentieren. Leicht verklemmt klingt der Artikel in Zeit online dazu, einem der Medien, die neben der FAZ und dem Spiegel kooperieren und sich hier tatsächlich im wesentlichen auf einen dpa-Ticker stützt: "Bislang hatte sich Google hartnäckig geweigert, Inhalte bei Zeitungsverlagen und anderen Medien einzukaufen, und sich bei manchen Medienhäusern wie Axel Springer großen Ärger eingehandelt. Wie viel Geld die Verlage für die Darstellung der Inhalte auf Google News und Google Discover bekommen werden, teilte Google nicht mit. Das Programm sei aber 'breit und langfristig angelegt' und soll auf noch mehr Verlage - darunter auch kleinere Lokalzeitungen - sowie Radiostationen und TV-Sender ausgeweitet werden." Äh, die Zeit weiß nicht, wieviel Geld sie von Google bekommt?

Geichzeitig berichtet Kai-Hinrich Renner in der Berliner Zeitung, dass die Funke-Mediengruppe die VG Media verlässt, die Leistungsschutzrechte gegenüber Google durchsetzen soll. "Funkes Abgang trifft die VG Media schwer. Ihr gehören mit Axel Springer SE (Bild, Welt) und der Madsack-Gruppe (Hannoversche Allgemeine, Leipziger Volkszeitung) nun nur noch zwei Großverlage an. Die übrigen von ihr vertretenen Presse-Unternehmen sind klein bis mittelgroß." Spiegel, Zeit, FAZ und andere mit Google kooperierende Medienhäuser (was natürlich in nicht in Zusammenhang stehen muss!) waren nie Mitglied der Gesellschaft.

Sehr sarkastisch liest sich Joshua Bentons Nieman-Lab-Kommentar zu Googles jüngstem Beschluss, einige Qualitätsmedien zu subventionieren - die Presse hat seit dem Internet ein grundsätzliches Problem mit ihrem Geschäftsmodell, Google setzt wie auch Facebook einige Millionen für eine PR-Aktion ein, um News in Google News zu verlinken, die es auch so schon in Google News verlinkt, so Benton. News bringen Google übrigens nur wenig Geld. Und wo ist die Grenze? "Sie mögen glauben, dass Google der New York Times Geld schuldet, weil es all diese Nachrichten in seine Surche integriert. Ok. Schuldet es auch mir Geld für mein altes Blog aus den Nuller Jahren? Das steht auch in Googles Suchindex.Und wie steht's um Breitbart? Oder den Daily Stormer und Stormfront? Was ist mit Ihren Tweets? All dies ist digitaler Inhalt, der zum Wert von Google als Produkt beiträgt. Vielleicht glauben Sie, hier oder dort eine Linie ziehen zu können, aber wie soll man sie auf Millionen von Websites anwenden?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2020 - Medien

Der Fiat-Erbe John Elkann hat die Zeitung La Repubblica übernommen und in sein bereits beträchtliches Medienkonglomerat eingereiht. In Italien macht man sich Sorgen um die redaktionelle Identität des Blattes, berichtet Ulrich Ladurner in der Zeit: "La Repubblica ist so etwas wie die geistige Heimat für italienische Linke und Sozialdemokraten. Sie profilierte sich vor allem während der langen Regentschaft Silvio Berlusconis als Anti-Berlusconi-Blatt und verkaufte zu ihren besten Zeiten Mitte der Neunzigerjahre 650.000 Exemplare täglich. Möglich, dass die linke Tradition der Zeitung durch die Übernahme durch Exor bedroht ist. Doch die wahre Gefahr für La Repubblica ist der massive Leserschwund. Heute liegt ihre Auflage bei geschätzten 100.000 Exemplaren."

In England macht sich der Guardian ganz besonders stark für die Abrechnung mit dem Kolonialismus. Zahllose Artikel und Kommentare erinnerten an die Herkunft großer Vermögen und den Aufbau von Firmen, die mit dem Sklavenhandel gemacht wurden. Nur vor dem eigenen Haus möchte man nicht kehren, kritisiert Gina Thomas in der FAZ. Wurde der Guardian doch "einst selbst mit Erträgen aus dem Sklavenhandel finanziert ... Die im Jahr 1821 gegründete Zeitung hat ihren Ursprung in Manchester, dem Zentrum der Baumwollindustrie, die ihr von Sklaven geerntetes Rohmaterial von amerikanischen Plantagen bezog. Auf eben diesem Fundament ruhte das Vermögen von John Edward Taylor, der mit anderen Mitgliedern eines Kreises von Liberalen den Manchester Guardian aus der Taufe hob. Das Blatt ging aus den Nachwehen der als Peterloo-Massaker in die Geschichte eingegangenen Niederschlagung der großen Demonstration für die parlamentarische Reform und gegen Getreidezölle im August des Jahres 1819 hervor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2020 - Medien

Horst Seehofer hat angekündigt Strafanzeige gegen die taz-Koluministin Hengameh Yaghoobifarah wegen ihrer Polizei-Kolumne zu stellen (Unsere Resümees). Die Empörung ist in den Medien groß, bei der taz selbst ("Angriff auf die Pressefreiheit") oder bei der SZ ("Nicht hinnehmbar"). taz-Anwalt Jony Eisenberg fragt: "Wieso soll das verboten sein?" ZeitOnline erkennt auf taktisches Dummstellen bei allen Seiten. In der Welt schreibt Denis Yücel, der auch so seine Geschichte hat. Die Anzeige hält er für so fragwürdig wie die Kolumne: "Für diesen Kreis von antirassistischen und queerfeministischen Autorinnen und Autoren gehört es zur Geschäftsgrundlage, zu ignorieren, wie sehr sich diese Gesellschaft - zumindest ihr westdeutscher Teil - seit den Achtziger- und Neunzigerjahren gewandelt hat. Stattdessen überhöht man das rassistische Ressentiment, das nicht neu ist, aber inzwischen offener auftritt, in Gestalt der AfD in organisierter Form im Bundestag sitzt und zuletzt in mörderisches Treiben umgeschlagen ist, zum großen Ganzen. Vor diesem Hintergrund funktioniert der eigentliche Trick: mit einer superradikalen Malcolm-X-Attitude auftreten, wo man sich auf die Anerkennung des linksliberalen Kulturestablishments verlassen kann. Ein Kolumnenplatz, ein Buchvertrag, ein paar Fördergelder, irgendwas wird dabei schon rausspringen." In der FAZ weiß Helene Bubrowski, dass Berlin daran arbeitet, Seehofer gesichtswahrend von dieser Schnapsidee abzubringen.

In der taz annonciert Lars Fleischmann das endgültige Aus des Pop-Zeitschrift Spex.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2020 - Medien

In der taz wird weiter über die Müll-Kolumne gestritten (hier unser Resümee, hier ein Bericht in der SZ). Heute stellt sich die zuständige Redakteurin Saskia Hödl hinter ihre Autorin und attackiert jenen Teil der Redakteurin, der BPoC die Solidarität verweigere: "Es ist erstaunlich, dass diese Kolleg:innen annehmen, sie selbst seien objektiv und identitätslos. Als wären sie nicht geboren in eine Familie mit einer Geschichte, mit Erfahrungen, mit Geld oder ohne, vielleicht im Osten oder im Westen. Als würden sie die Welt nicht aus einer weißen Perspektive betrachten - als Frau, als Mann, als Person. Als könnte man sie nicht genauso einzeln auffächern in die jeweilige Sprecherposition, die für alles, was sie sagen, maßgeblich ist. Es ist eben das Private politisch, und im Grunde ist alles Identitätspolitik. Manchen erscheint es dennoch ganz hilfreich, BPoC immer wieder eine Opferhaltung zu attestieren, während sie selbst auf ihrem über die Jahre sorgfältig gemäuerten Podestchen die "neutralen" Beobachter:innen mimen." Unter anderen ZeitOnline meldet, dass jetzt Innenminister Horst Seehofer sogar Strafanzeige gegen die Kolumnistin erstatten möchte.

Klaus Helge Donath verabschiedet in der taz die russische Tageszeitung Wedomosti, die kaum noch unabhängigen Journalismus betreibt, seit der neue Chefredakteur Andrei Schmarow im März eingesetzt wurde: "Fünf stellvertretende Chefredakteure verließen daraufhin das Blatt nach langjähriger Mitarbeit. Bereits im März hatten zehn Journalisten die Arbeit bei dem Blatt quittiert. Mit einer Auflage von rund 75.000 zählte die Tageszeitung nicht zu den größten Zeitungen in Russland. Doch Wedomosti hatte Einfluss. Auf den zwei täglichen Meinungsseiten versammelte es eine Vielstimmigkeit, deren nachdenkliche Analysen mehr waren als bloße Regimekritik. Auch Philosophen, Historiker und Vertreter aus der Wissenschaft nutzten das Medium."

Immer häufiger setzen Regierungen Spionagesoftware, die angeblich der Verfolgung von Terrorismus dienen gegen Bürgerrechtler und Journalisten ein. Etwa gegen Omar Radi, einen Kritiker des marokkanischen Königshauses, wie Kai Biermann auf ZeitOnline berichtet: "Nach Recherchen von Amnesty International wurde Radi zeitweilig rund um die Uhr überwacht, jede seiner Äußerungen, jede seiner Bewegungen ausspioniert. Ein heute von Amnesty veröffentlichter Bericht zeigt, dass Radis Mobiltelefon mindestens zwischen Januar 2019 und Januar 2020 mehrfach mit einer Spionagesoftware namens Pegasus angegriffen wurde, die die israelische Firma NSO weltweit an Polizeien und Geheimdienste verkauft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2020 - Medien

Hengameh Yaghoobifarahs mittlerweile berüchtigte taz-Kolumne, in der sich die Autorin die Polizei auf den Müll wünschte, schlägt im Haus immer höhere Wellen. Chefredakteurin Barbara Junge rudert ein wenig zurück und findet nur das, dass "Satire fast alles darf". Stefan Reinecke will die Ausflucht in Satire-Floskeln eh nicht gelten lassen und nimmt die extreme Identitätspolitik mit ihrem Wir-Die-Raster in die Pflicht: "Die Hybris, diskursive Regeln ignorieren zu dürfen, gedeiht offenbar auf dem Humus des Bewusstseins, Betroffene zu repräsentieren, recht gut. Aber dieses Recht hat niemand in der taz. Kein Opferstatus rechtfertigt Kollektivherabwürdigungen. Polemik? Gerne. Menschenfeindliche Metaphorik? Nein...Das linksalternative Bild, dass eine taz-Autorin mit Migrationshintergrund, die 'nach oben' (Polizei) tritt, alles darf, weil sie angeblich aus einer Position der strukturellen Unterlegenheit schreibt, ist allzu gemütlich. Den Text durchzieht eine Geste sozialer Verachtung, die in der Müll-Metapher mündet. Die Polizisten, die unbrauchbar für alles sind - das ist der Blick von den Anhöhen diskursiver Bildungs- und Sprachmacht nach unten."

Auch Bettina Gaus will der Autorin nicht beistehen: "Die Achtung der Menschenwürde ist nicht verhandelbar, egal, wer sie verletzt. Deshalb werde ich die Kolumne, um die es hier geht, auch nicht brav nach außen hin verteidigen und nur intern kritisieren. Das wäre falsch verstandene Solidarität. Den Korpsgeist, der andere Organisationen auszeichnet, halte ich im Hinblick auf die taz nicht für erstrebenswert."

Auf Twitter nimmt Patrick Bahners in einem Thread Yaghoobifarah allerdings in Schutz. Ihr Text sei ein "dystopisches Gedankenspiel", mit dem sie Polizisten zeige, "wie das ist, wenn man einem Verdacht ausgesetzt ist, gegen den man sich nicht verteidigen" könne: "Eine maßlose Pointe, die es auf die Herstellung moralischer Gerechtigkeit abgesehen hat."

Und traurig,traurig: Nach 43 Jahren Berlin-Programm und Comics verabschiedet sich das Stadtmagazin Zitty, das aber unter dem Dach des Tips Zuflucht findet.