9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2022 - Medien

In der SZ wärmt Christoph Schwennicke, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Corint Media, unverdrossen das Märchen von den Verlagen auf, die ihre "Inhalte" kostenlos an Google und Co abgäben. Tun sie natürlich nicht, aber das weiß Schwennicke vielleicht nicht, sonst würde er die Verlage nicht mit Bob Dylan, Bruce Springsteen oder Sting vergleichen, die ihre Verwertungsrechte für Milliarden Dollar an den Vermögensverwalter Blackrock verkauft haben: "Sie alle haben begriffen, wie viel Geld sich mit den Rechten an ihren Schöpfungen verdienen lässt." Sicher, nur wollen die Zeitungen nicht wie die Musiker ihre Verwertungsrechte verkaufen, sondern Geld dafür bekommen, dass ihre hinter einer Bezahlschranke versteckten Artikel in den Suchergebnissen von Google gelistet werden. Schwennicke ficht das nicht an, er hofft auf das neue Presseleistungsschutzrecht: "Es sollte die Digitalmonopolisten zwingen, für die Presseinhalte pauschal zu bezahlen, mit denen sie bislang gratis ihr Geschäftsmodell zum eigenen Vorteil betrieben. Dieses Recht ist das schärfste Schwert, das die Presse bislang im Überlebenskampf gegen die Digitalkonzerne von der Politik an die Hand bekommen hat." Vorausgesetzt, die Verlage vereinigten sich gegen Google und Co, so Schwennicke.

Der Börne-Preis, einst eine renommierte Institution, ging an den Chefredakteur der NZZ, Eric Gujer, der das Blatt kräftig nach rechts gerückt hat. Leon de Winter spricht in seiner natürlich in der NZZ abgedruckten Laudatio viel über das angeblich grassierende Klima der Hysterie und ein wenig über Eric Gujer, dessen Artikel eine "tragisch-heroische" Qualität auszeichne. Der Börne-Preis wurde übrigens von dem Frankfurter Unternehmer Michael Gotthelf gestiftet, dem wir auch den Schirrmacher-Preis verdanken - und der ging im letzten Jahr an den Trump-Fan Peter Thiel.
Stichwörter: Börne-Preis, NZZ

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2022 - Medien

Dass Stern-Gründer Henri Nannen in den ersten Jahren ein emsiger Nazi-Propagandist war, ist schon länger bekannt und nun durch eine Recherche bei Funk (unser Resümee) noch eindeutiger belegt worden. Er habe zwar trotz allem auch Verdienste für den Journalismus, meint Christian Mayer in der SZ. "Doch als Namensgeber für einen bedeutenden Journalistenpreis und einer Hamburger Journalistenschule von Rang ist er jetzt für viele nicht mehr tragbar. Die Verantwortlichen täten gut daran, eine qualvolle Debatte zu vermeiden und souverän zu entscheiden."
Stichwörter: Nannen, Henri

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2022 - Medien

"Wer in Russland wissen will, was in der Ukraine geschieht, der kann es wissen", schreibt Sonja Zekri in ihrem SZ-Porträt des Berliner Privatsenders Ost West TV, des letzten unabhängigen russischsprachigen Nachrichtensenders Europas: "Für die Kreml-Hörigen unter ihren Zuschauern sind bereits die Fakten eine Provokation. In den ersten zwei Wochen des Krieges sei der Hass in den Social-Auftritten des Senders so schlimm gewesen, dass sie die Kommentarfunktion abschalteten. Dennoch versucht der Sender, jene zu erreichen, die noch nicht ganz verloren sind, bemüht sich um eine betont nüchterne Sprache und meidet herabsetzende Wendungen, wie sie viele Ukrainer und selbst einige ukrainische Medien für russische Soldaten oder Russen allgemein gebrauchen - 'Orks' zum Beispiel, nach den Finsterlingen in 'Herr der Ringe'."

Gereiztes Klima in der Schweizer Öffentlichkeit, notiert Jürg Altwegg in der FAZ, wo die Bürger geplante großzügige Mediensubventionen per Abstimmung cancelten: "Den Verlegern werden die üppigen Gewinne vorgeworfen, die sie nicht in ihre Medien investieren. In der Pandemie kassierten sie Gelder vom Staat und zahlten hohe Dividenden. Die Verleger sind für das schwindende Vertrauen in Medien mitverantwortlich." Außerdem erlaubten neue Pressegesetze Betroffenen von Berichterstattung - etwa russischen Oligarchen - schnelle juristische Schritte gegen Medien. Aber Sanktionen gegen Russland sind ohnehin unbeliebt, "der Rechtsaußen-Politiker Christoph Blocher von der Schweizer Volkspartei meint, dadurch beteilige sich die Schweiz am Krieg".
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Stichwörter: Ost West TV

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2022 - Medien

Selbstkritisch gehen Anna Lea Jakobs und Heinrich Wefing für die Zeit die Berichterstattung einiger Leitmedien in Deutschland zu Putin in den Jahren seit 2014 durch. Es gab durchaus hellsichtige Warnungen, aber auch Schwachstellen - Angela Merkel kritisierte man, so lange sie im Amt war, eher wenig. Die großkopferten Kommentatoren lagen öfter falsch als die Journalisten vor Ort: "Liest man die Texte von damals, fällt auf, dass gerade die Korrespondentinnen und Korrespondenten in ihrer Einschätzung Putins richtig lagen." Die Zeit selbst drapierte wie üblich beide Standpunkte zum Thema adrett in "Pro & Contras". Auch die aller-allergroßkopferten schrieben in der Zeit. Helmut Schmidt, den sich das Institut zum Herausgeber gemacht hatte, bezweifelte, dass die Ukraine existiert und bezeichnete lieber Russland als Nachbar (unser Resümee). Nicht erwähnt wird Zeit-Herausgeber Theo Sommer, der noch im Juli 2021 vehement Nord Stream 2 verteidigte: "Zur Wahrheit gehört schließlich auch, dass die Zeit im Juni 2021 einen Namensbeitrag von Wladimir Putin veröffentlicht hat. Eine Entscheidung, die schon damals in der Redaktion heftig umstritten war und sich jetzt in der Rückschau als absolutes No-Go erweist." Hier das Resümee der Perlentaucher zu Putins Äußerungen in der Zeit.

Die Feuilletons haben sich die Zeit-Autoren nicht angesehen. In jener Nummer der Zeit im Jahr 2014, in der Helmut Schmidt die Ukraine zum russischen Anhängsel erklärte, schrieb Jens Jessen: "Weder die Ukraine noch Weißrussland, noch irgendeine der neu geschaffenen Entitäten waren jemals als souveräne Staaten gedacht worden. Dass sie heute als solche auftreten und akzeptiert werden, ist vor allem eines: ein Missverständnis der ehemaligen sowjetischen Nationalitätenpolitik." Steht alles in unserem Resümee.

Ein anderer Herausgeber der Zeit, Josef Joffe (wieviele haben die eigentlich?) steht wegen eines anderen Themas in der Kritik. Der Spiegel-Autor Oliver Schröm hat einen persönlichen Brief Joffes an seinen Freund Max Warburg von der Warburg Bank veröffentlicht um zu beweisen, dass Joffe die Bank vor Recherchen der Zeit zur Verwicklung der Bank in den Cum Ex-Skandal warnte. Gernot Knödler berichtet heute in der taz.

Außerdem: In der NZZ wirft Lucien Scherrer ARD und ZDF vor, über Jahre hinweg russische Propaganda "nachgeplappert" zu haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2022 - Medien

Der Streit zwischen Harald Welzer und dem ukrainischen Botschafter Andryj Melnyk bei Anne Will hat gestern einen derartigen Sturm ausgelöst, dass wir das Video doch noch einbetten:



In einem Welzer gewidmeten Youtube-Kanal, kann man die Passage im Kontext der gesamten Talkshow sehen, die Zustimmung für Welzer ist groß. Viele finden seine Belehrung Melnyks allerdings auch unerträglich arrogant. Etwa die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies (wir haben gerade ihr Buch empfohlen) auf Twitter.



Nele Pollatschek findet Welzers Auftritt bei Will im Prinzip gut, weil bisher in Talkshows fast ausschließlich Bellzisten zu Wort gekommen seien: "Schließlich ist laut einer in der Sendung zitierten Umfrage fast die Hälfte der Deutschen gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine. Und es ist nie gut, wenn in den öffentlichen Medien einer Demokratie die Meinung einer Hälfte der Bevölkerung nicht sichtbar wird." Kritik hat sie im Detail: "Das Problem ist nur, dass Welzer für die Aufgabe, diese Haltung zu repräsentieren, denkbar ungeeignet ist." Und Lukas Wallraff meint in der taz: "Zum ersten Mal in all den Kriegsdebatten wirkte der ebenfalls anwesende ukrainische Botschafter Andrij Melnyk geradezu sympathisch höflich und dezent im Vergleich zu einem Kontrahenten. Das muss man erst mal schaffen. Welzer gelang dieses Kunststück vor allem deshalb, weil er im Streit mit Melnyk zur Begründung für seine Vorsichtsmahnung im aktuellen Konflikt mit Russland vor allem auf die angebliche Expertise der historisch bewanderten Deutschen verwies. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2022 - Medien

Der Westen sollte nicht nur russische Oligarchen mit Sanktionen überziehen, sondern auch Rupert Murdoch, meint Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne. Besonders Fox News und sein Moderator Tucker Carlson nutzten den Krieg für schamlose putinistische Propaganda. Trump-Wähler schätzen das, Putin mögen sie lieber als Biden: "Ihre Sehnsucht nach Diktatur ist größer, wie die Unterstützung für die Leugnung legitimer Wahlergebnisse und für die Faschisten, die den Kongress stürmten, zeigt. Der Hass auf die Liberalen an der Macht ist tiefer." Cohen macht keine Umschweife: "Da es sich um ein Medienkonglomerat handelt, wären Sanktionen ein Angriff auf die Redefreiheit. Ich sage das ganz offen, weil so viele Schriftsteller und politische Akteure so tun, als würden sie keine Zensur fordern, wenn sie genau das tun. Doch in diesem Fall ist die Bedrohung der Freiheit minimal. Murdoch würde nicht für die Enthüllung peinlicher Wahrheiten über den Westen bestraft, sondern für die Verbreitung nachweislicher Lügen für eine feindliche ausländische Macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2022 - Medien

Matthias Rüb kommt in der FAZ auf die Umstände des Interviews zurück, in dem Sergej Lawrow seine Geschichtsklitterungen zum besten gab. Vorgebracht hat Lawrow seine Hitler-Vergleich in einem 40-Minuten-Interview des Privatsenders Rete 4: "Rete4 gehört zur Senderfamilie Mediaset des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Der ist zudem Gründer und Parteichef der christdemokratischen Partei Forza Italia und pflegte über viele Jahre enge persönliche Beziehungen zu Putin, ehe er jüngst seine tiefe Enttäuschung über den russischen Präsidenten eingestand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2022 - Medien

Die deutschen Talkshows haben eine große Verantwortung in den Jahren seit der Besetzung der Krim für die Stärkung putinistischer Positionen, schreibt Marcus Welsch bei den Salonkolumnisten, der die Gästelisten in Talkshows zum Thema Russland ausgewertet hat: "Vom Zeitpunkt der Besetzung der Krim im Frühjahr 2014 bis zum Abend unmittelbar vor dem Angriff am 24. Februar sendeten ARD, ZDF und Phoenix über hundert Talkshows und Gesprächsrunden zur Politik Russlands. Unter den über 200 Gästen, die an diesen Runden teilnahmen, konnte sich ausgerechnet der Gazprom- und Putin-Lobbyist Alexander Rahr über die meisten Einladungen freuen. Auch die weiteren Stammgäste leisteten keinen Beitrag zu echter Ausgewogenheit: Unter den Top 10 der am häufigsten vertretenen Studiogäste fallen mit Dietmar Bartsch, Hubert Seipel, Gabriele Krone-Schmalz, Dmitri Tultschinski und Harald Kujat eine Reihe Redner auf, die durch eine dezidiert verständnisvolle und nachsichtige Haltung zur russischen Politik hervorgetreten sind - um es diplomatisch auszudrücken."
Stichwörter: Gazprom

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2022 - Medien

In der FAS fragt sich auch der frühere Piraten-Politiker Christopher Lauer, warum ausgerechnet Elon Musk das Verantwortungsgefühl mitbringen sollte, das man für das Betreiben von Twitter benötigt: "Aus eigener Erfahrung aus mehr als zwanzig Jahren Internetnutzung kann ich berichten, dass das Thema freie Meinungsäußerung eigentlich und ausschließlich nur von denen vorgebracht wird, die mit Kritik an dem Quatsch, den sie gerade ins Netz geblasen haben, nicht klarkommen. Es scheint ein weitverbreitetes Problem zu sein, dass Menschen das Recht, ihre Meinung frei zu äußern, mit einem Phantasierecht verwechseln, nicht kritisiert oder ignoriert werden zu dürfen. Schaut man sich an, wie Musk mit Menschen umgeht, die von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, um ihn oder seine Unternehmen zu kritisieren oder auch nur Fragen zu stellen, muten seine Anwandlungen, die Meinungsfreiheit wie eine Monstranz vor sich herzutragen, ein wenig wie Satire an."

Elon Musk liebt Twitter und er hasst Regeln, hält der Medienwissenschaftler Michael Seemann in der taz fest, der Musk nicht nur als Meinungsfreiheitsabsolutisten unheimlich findet, sondern auch als Unternehmer: "Der hohe Kurs der Tesla-Aktie ist der wichtigste Grund für Musks Reichtum. Die ungeheure Marktkapitalisierung des Unternehmens - aktuell eine knappe Billion Dollar - ist schwer zu erklären. Tesla musste die zehn nächstgrößeren Autohersteller der Welt komplett ersetzen und dann noch ordentlich wachsen, um diesen Investorenerwartungen zu entsprechen. Dabei verkauft Tesla derzeit nicht mal eine Million Fahrzeuge im Jahr. Allein VW verkauft zehnmal so viele. Der Bloomberg-Kolumnist Matt Levine hat die sogenannte Elon-Markt-Hypothese aufgestellt: 'So wie der Finanzmarkt derzeit funktioniert, berechnet sich der Wert von Anlangen nicht nach ihren Einnahmen, sondern nach der (assoziativen) Nähe zu Elon Musk.' Das gilt nicht nur für den Aktienmarkt, sondern auch für Musks Engagement in Kryptowährungen. Sein Hypen und Fallenlassen von Bitcoin und Dogecoin führte immer wieder zu enormen Kursschwüngen, auch wenn dieses Engagement hauptsächlich aus wenigen nur halb ernstgemeinten Tweets bestand."

Aber auch mit Anarchie habe das, was Musk vorschwebe, nichts zu tun, betont Olivier Hamant in Le Monde: "Wie der Journalist und Theoretiker Pierre-Joseph Proudhon sagte, ist Anarchie 'Ordnung ohne Macht'. Im Gegensatz dazu schlägt Elon Musk vor, jede Meinung in der Unmittelbarkeit seines sozialen Netzwerks zu teilen. Es handelt sich also um das genaue Gegenteil: Unordnung mit Macht."
Stichwörter: Twitter, Musk, Elon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2022 - Medien

Katerina Sergatskova, Chefredakteurin des unabhängigen Onlinemediums Zaborona, übt in der taz scharfe Kritik an den westlichen Medien, die nach 2014 nur sehr halbherzig und unter falschen Vorzeichen über den russischen Angriff berichteten: "Acht Jahre lang hat ein Großteil westlicher Medien seinem Publikum erzählt, dass die Annexion der Krim und die Besetzung des Donbass nachvollziehbare Gründe hätten. Sie versäumten es, ihre Leser ordentlich über die Aggressionen Russlands gegen die Ukraine aufzuklären. Ukrainische Journalisten, Politiker und Diplomaten schrien buchstäblich, dass die Russen unsere Gebiete gewaltsam eingenommen hätten. Sie wurden nicht gehört."

Amerikanische Medien sollen künftig statistischen Aufschluss über die "Diversity" in ihren Redaktionen geben, bevor sie den Pulitzer-Preis bekommen, fordert ein auf Twitter gefeierter Aufruf. Im Nieman Lab schreibt Sarah Scire, eine der Initiatorinnen: "Journalisten haben die ethische Pflicht, Verantwortung zu zeigen und transparent zu sein. Wir müssen unseren Lesern und unseren Mitarbeitern gegenüber Rechenschaf ablegen, indem wir sicherstellen, dass unsere Redaktionen die demografische Zusammensetzung unserer Leser widerspiegeln."

Eric Bonse fragt in der taz, warum die EU-Granden sich nicht zum Fall des Wikileaks-Gründers Julian Assange äußern, dem die Auslieferung in die USA und eine Gefängnisstrafe biblischen Ausmaßes drohen: "Dabei wäre diese Woche eine gute Gelegenheit gewesen, endlich mal den Mund aufzumachen. Ein britisches Gericht hat formell die umstrittene Auslieferung in die USA genehmigt. Nur Innenministerin Priti Patel kann Assange jetzt noch retten. Der Fall ist damit endgültig zum Politikum geworden. Die Justiz ist durch, nun muss die Politik Farbe bekennen. Und das nicht nur in Großbritannien, wo Patel eine historische Entscheidung treffen muss - hoffentlich gegen die Auslieferung."