Aus dem Italienischen von Joachim Schulte. "Wer war Lucia? Und warum tat sie, was sie tat? Wer hatte wie den Tod des Neugeborenen herbeigeführt?" Bologna, 5. Dezember 1709: Lucia Cremonini bringt in den frühen Morgenstunden ein Kind zur Welt, das kurz nach der Geburt unter zunächst ungeklärten Umständen stirbt. Die Behörden beginnen zu ermitteln, der Verdacht auf Kindsmord bestätigt sich. Ein typischer Justizfall der frühen Neuzeit nimmt seinen Lauf. Adriano Prosperi rekonstruiert anhand der originalen Prozeßakten den Fall der Lucia Cremonini als das Drama einer unverheirateten jungen Frau am Rande der Gesellschaft. Aber es geht in diesem spannenden Buch nicht nur um ein individuelles Schicksal, sondern auch um die Frage, wie sich der Umgang mit dem Delikt des Kindsmordes und seine Bewertung durch Juristen, Theologen und Mediziner im Laufe der Zeit verändert haben. Denn während in der Antike Kindstötung und Abtreibung als Instrument zur Bevölkerungsregulierung akzeptiert waren und noch im Mittelalter als läßliche Sünde behandelt wurden, kam es im 17. Jahrhundert zu einem Einstellungswandel, der bis heute fortwirkt. Von nun an, so Prosperi, geriet die Furcht vor dem Kindsmord zur Obsession, Abtreibung und Kindstötung wurden zunehmend genauer definiert und das ungeborene und neugeborene Leben zu einer Sache staatlicher Kontrolle. Mit detektivischem Spürsinn und großer erzählerischer Kraft erschließt Prosperi ein bisher kaum beachtetes Kapitel europäischer Kultur- und Geistesgeschichte.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.07.2007
Barbara Stollberg-Rilinger hat sich durch dieses "barocke" Buch gekämpft. Was der Historiker Adriano Prosperi anhand eines Einzelfalles entwickelt ("eine umfassende historische Anthropologie der vormodernen europäischen Gesellschaft") findet sie achtenswert. Ebenso, dass der Autor dem historischen Personal um einen Kindsmord im Jahr 1709 mit gerechter Anteilnahme begegnet. Die Aufmerksamkeit der Rezensentin gilt jedoch der Kernthese des Autors, die Abtreibung als eine im Mittelalter übliche Praxis auszuweisen, die erst in der Neuzeit "kriminalisiert" und von einem "intensiven Diskurs über die Seele" begleitet worden sei. Prosperis "assoziativ" gestaltete Ausführungen sieht Stollberg-Rilinger als faszinierenden bis bizarren, mitunter redundanten, aber "überaus raffinierten" Gang durch die Geistes- und Kulturgeschichte des Abendlandes. Schade nur, meint sie, dass dem Autor seine "moralische Emphase" gelegentlich den Blick verschleiert und er den Obsessionen der Quellenautoren zu nahe kommt. Anderenfalls, glaubt die Rezensentin, hätte er feststellen können, dass Fragen die Seele betreffend heute noch genauso umstritten sind wie 1709.
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