Im April 1968, zwei Jahre bevor sich die Rote Armee Fraktion gründet, wird Andreas Baader in Frankfurt festgenommen und zusammen mit Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein wegen eines nächtlichen Brandanschlags in zwei Kaufhäusern in Untersuchungshaft verbracht. Ideologisch vorgebildet oder politisch ambitioniert ist Baader zu diesem Zeitpunkt kaum, die folgenden 14 Monate nutzt er vor allem, um in seiner Zelle nachzuholen, was andere in der APO ihm voraushaben: Er liest Wittgenstein und Marcuse, Marx und de Sade, er schreibt Tagebuch, Lektüreexzerpte, Briefe und Drehbuchentwürfe. Seine Haftzeit kann nicht nur als Prozess einer Radikalisierung verstanden werden, an dessen Ende Baader mit einem ausgeprägten Hass auf den Staat entlassen wird, sondern auch als Prozess der Bildung und Subjektwerdung, in dessen Verlauf der Gefangene manchmal das Gefühl hat, im Gefängnis freier zu sein als "draußen". Alex Aßmann hat als Erster Baaders Gefängnisnachlass aus dem Brandstifterprozess gesichtet - Notizbücher im Umfang von über tausend Seiten und zahllose Briefe, vor allem adressiert an Gudrun Ensslin. Von diesem Material ausgehend nähert sich Aßmann der Figur Baader und dessen Leben bis zum Brandstifterprozess in einer Weise an, die in der bisherigen Historisierung der RAF ungewöhnlich ist, mancher Darstellung des verhätschelten Jungen und späteren notorischen Kriminellen eine andere Perspektive an die Seite stellt und die persönliche Entwicklung eines Staatsfeindes auch in die intellektuelle Geschichte der BRD einordnet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.06.2025
Rezensent Klaus Walter geht das "Boulevardspektakel" und die "Geschichtsklitterung" um die RAF ziemlich auf die Nerven - etwa, wenn Stefan Aust und Niki Stein jetzt wieder das primetimetaugliche Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors" inszenieren. Entsprechend dankbar ist der Kritiker für das neue Buch des habilitierten Erziehungswissenschaftlers Alex Aßmann, der mit dem nötigen Blick für Komplexität und mit größter Sorgfalt die Politisierungsbiografien von Baader, Meinhof, Ensslin und Co. nachzeichnet. Der Rezensent liest vom Coming of Age der RAF-Terroristen, ihren Lektüren, ihrem "Sich-Treiben-Lassen", erkennt aber auch, dass es keine "Blaupausen" für jene Radikalisierungswege gab. So erfährt der Kritiker etwa, dass Baader mit dem Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner bei den Schwabinger Krawallen 1962 einen "halbstarken Buddy" an seiner Seite hatte: Der eine wird RAF-Terrorist, der andere bleibt Bild-Journalist, schließt Walter.
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