Ein Bild gerät ins Wanken: Seit 1994 das Briefwerk zu erscheinen begonnen hat, kann vom bekanntesten Unbekannten der deutschen Literatur nicht mehr in Klischees gesprochen werden. Rudolf Borchardt (1877-1945), den sprachbesessenen Erzähler, Redner, Lyriker, Übersetzer und Dramatiker, konservativ aus Überzeugung, anarchistisch aus Notwendigkeit, gilt es neu zu entdecken. Die "widernatürliche Monstrosität meiner seelischen Existenz" erweist sich nun als Resultat eines lebenslangen und riskanten Selbstversuchs. Borchardt wollte die Welt in Schrift und sich in deren alleinigen Schöpfer verwandeln. Alles Vorgefundene begriff er als Kränkung, es mußte umgeschmolzen, mußte fiktionalisiert werden, damit es seinen Schrecken verlor. Auf Grundlage sämtlicher Schriften und besonders der Briefe spürt diese Monografie den Bedingungen nach, unter denen Borchardt die Neuschöpfung von Ich und Welt im Schreibakt versuchte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.01.2004
Alle möglichen Zuschreibungen kursieren über Rudolf Borchardt, vom "Gralshüter des wahren Wortes", über den "Meister des Kapriziösen" oder den "vorlauten Vorgestrigen" - und alle könne man getrost vergessen, gebietet Rezensent Gregor Eisenhauer möglichen Klischeebildung Einhalt. Denn wie er Alexander Kisslers Buch über Person und Werk Borchardts dankbar entnimmt, war sich der Schriftsteller seiner selbst keineswegs so sicher, wie er andere gern glauben ließ. Eisenhauer entdeckt in Borchardts Borchardts vielmehr einen ziemlichen Spannungsreichtum: etwa einen ungeheuren Hochmut gepaart mit kleinlauter Demut oder die genaue Beobachtungsgabe bei gleichzeitiger Realitätsverkennung. Auch dass Borchardt als deutscher Jude Religion und Nation hinter sich lassen wollen und es doch nicht konnte, scheint ihm ein Beispiel dafür zu sein. Gern ist er also Kisslers Suche nach dem Ich des Autors gefolgt, auch wenn das Buch Eisenhauers Meinung nach etwas darunter leidet, dass sich der Autor zu viel vorgenommen hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.01.2004
Großes Lob verteilt Rezensent Hans-Albrecht Koch an Alexander Kisslers Studie zu Rudolf Borchardt nach, deren Hauptaugenmerk auf dem Wechsel zwischen "Wandlung und Erstarrung in Borchardts Individuation" liege, wie Koch informiert. Dabei sieht der Rezensent auch von Kissler nachgewiesen, wie Borchardt das Politische zum ausdrücklichen Gegenstand seiner Romane gemacht habe. "Eine subtilere Hilfe" zum Verständnis von Borchardts spätem Werk", lobt Koch, lasse sich nicht denken.
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