Ausgewählt von Joachim Sartorius. Amal al-Jubouri gilt als eine der wichtigsten jüngeren Lyrikerinnen des Irak. Hintergrund ihrer Dichtung ist das Zweistromland, das alte Mesopotamien, mit seinen Traditionen und Mythen, festgehalten in den ersten schriftlichen Zeugnissen der Menschheit überhaupt. Enheduanna, die mesopotamische Priesterin und erste namentlich überlieferte Dichterin, ist für Amal al-Jubouri eine wichtige Bezugsperson, mit der sie sich in einigen ihrer Gedichte identifiziert. Diese Gedichte sind modern in dem Sinne, daß sie Einflüsse der westlichen und der modernen arabischen Poesie subtil verarbeiten, letztlich aber eine Mystik anstreben jenseits von Intellektualität. Für den deutschen Leser halten diese mit Bildern und Emotionen aufgeladenen Verse viele Assoziationen bereit - vom Gilgamesch-Epos bis zu Else Lasker-Schülers "orientalischen" Versen vom Prinzen Yussuf und von Tino von Bagdad.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2004
Spürbar beeindruckt zeigt sich Carsten Hueck von "So viel Euphrat zwischen uns", dem ersten auf Deutsch vorliegenden Gedichtband der Irakerin Amal al-Jubouri. Sechsundzwanzig Gedichte, deren Länge zwischen drei Seiten und zwei Zeilen variiert, bietet das unter Mitarbeit des Lyrikers Joachim Sartorius herausgegebene Buch; die Gedichte stammen aus den beiden in London erschienenen Lyrikbänden "Eheduanna, die Priesterin der Verbannung" von 1999 und "Schleier" aus dem Jahre 2003. Die thematische Bandbreite reicht von lyrischer Identitätsstiftung bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen in Bagdad. Bestimmt werde al-Jubouris Werk von Antagonismen, so Hueck. Trotz "Kummer, Schande und Verlust" sprechen die Gedichte doch "auch von Hoffnung und Widerstand des lyrischen Ichs". Ein Schlüsselthema sei die Heimatlosigkeit, die Ortlosigkeit der Autorin. Aus dieser resultiere ihre innere Zerrissenheit. "Als Frau in einer patriarchalischen Kultur, als Intellektuelle in einer Diktatur, als Irakerin im Westen ist sie per se die Andere." Ihre Waffen seien "Mystik und Intellektualität", sie verbinde "Tatkraft mit Sensibilität". Nahezu universell sind die Quellen, die Hueck entdeckt hat: "Die Literatur des alten Mesopotamien inspiriert sie ebenso wie das Werk Goethes oder Tagesereignisse." So bringe al-Jubouri "Anthrax und Lotosbaum, das brennende Bagdad, Lottoscheine und das Reittier des Propheten Mohammed" in ihren Gedichten zusammen.
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