Andrea Bajani

Der Jahrestag

Roman
Cover: Der Jahrestag
Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2025
ISBN 9783312014224
Gebunden, 176 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Zehn Jahre ist es her, dass der Sohn seine Eltern zum letzten Mal gesehen hat. Seither hat er seine Telefonnummer gewechselt, die Stadt verlassen, eine unüberwindbare Mauer errichtet, um der schmerzhaften Familiengeschichte zu entkommen. Es waren die zehn besten Jahre seines Lebens. Mit unerbittlicher Präzision erzählt er von seinen Eltern, zeichnet das ergreifende Porträt seiner Mutter, die ihr eigenes Leben aufgegeben hat, um den Ansprüchen des tyrannischen Vaters gerecht zu werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2026

Den Kontakt mit den eigenen Eltern abzubrechen, ist wahrscheinlich eines der letzten Tabuthemen, denkt Rezensentin Anna Vollmer bei der Lektüre von Andrea Bajanis neuem Roman, der genau davon handelt. Sein Ich-Erzähler beginnt mit der Schilderung eines allerletzten gemeinsamen Essens und schlüsselt dann auf, wie der Vater die Familie terrorisiert und die Mutter sich in ihre Angst zurückgezogen hat, lesen wir. Einmal verwendet sie Wasser aus der Klospülung, um sich die Zähne zu putzen, weil der Vater das Wasser abgedreht hat und sie sich nicht traut, ihn anzusprechen. Der Roman lässt dabei aber zu viele Leerstellen für die Kritikerin, die das "unnötig geheimniskrämerisch" findet und sich fragt, ob Bajani sich überhaupt für seine Figuren interessiert. Wenn die Autorin auch einen Blick auf größere gesellschaftlich-familienbezogene Entwicklungen in Italien geworfen hätte, wäre das Buch für sie überzeugender gewesen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2025

Rezensentin Carolin Gasteiger fiebert mit mit Andrea Bajanis vom tyrannischen Vater unterdrückten Mutter-Figur. 2025 mit dem "Premio Strega", dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet, liegt diese aus der Ich-Perspektive eines der beiden Kinder erzählte Familiengeschichte über Verheimlichung und die Weitergabe patriarchaler Strukturen nun auch auf Deutsch vor, freut sich die Kritikerin. Gasteiger zeigt sich beeindruckt davon, wie es dem Autoren hier gelingt, die herrschenden Dynamiken auf gerade mal 170 Seiten nur durch die Nutzung von oberflächlich scheinenden Alltagsbeobachtungen und Aneinanderreihungen von Fakten emotional erfahrbar zu machen. So liest sie etwa wie die Mutter beim Vater für jegliche Angelegenheiten zunächst um Erlaubnis fragen muss; sie darf keine unangekündigten Telefonate führen und erhält zur eigenen Verfügung nur eine mickrige Monatssumme. Das ist so persönlich und berührend, dass es Gasteiger schwer fällt, hier keine autobiografische Lesart anzuwenden, auch wenn sich Bajani selbst in Interviews dagegen wehrt. Eine gelungene Auseinandersetzung mit familiären Tabus und der Frage, wie man sie schreibend brechen kann, so die Kritikerin.  

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