Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Eine Gruppe Geologen sitzt bei schlechtem Wetter in der Taiga fest. Um die Zeit zu vertreiben, erzählt der Übersetzer A. B. ein "ausländisches" Buch nach, das er nur halb verstanden hat und deshalb mit Erfindungen ausschmückt. Zehn Jahre später - das Buch ist verschollen, sein Inhalt lange vergessen - steht A. B. plötzlich ein Kapitel vor Augen, vollständig, wie eine Vision. Während sein Gedächtnis den Text speichert, wird das Ereignis, das die Vision ausgelöst hat, gelöscht. Aus dieser irritierenden Erfahrung erwächst Andrej Bitows Meisterwerk, in dem er sich den letzten Dingen des literarischen Daseins zuwendet: dem Verhältnis zwischen Autor und seinen Geschöpfen; der Schriftstellerexistenz, die Schuld und Schmerz zurücklässt; der Liebe, die dem Schreiben geopfert wird; und nicht zuletzt Russland "als Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2013
Toll, toll, ruft die Rezensentin. Ein bisschen Angst hat Ilma Rakusa nur, dass der Autor mit diesem vielgestaltigen Alterswerk von einem Roman sein Verstummen einleitet. Vorerst aber erfreut sich Andrei Bitow noch eloquentester Schreibvitalität, wie es aussieht. Rakusa jedenfalls findet, Bitow übertreffe sich (und seine Vertracktheiten) mit diesem Buch selbst, indem er eigene Schriftsteller-Haushelden wie Laurence Sterne, Potocki und Nabokov anagrammatisch einschmuggelt oder einfach hinreißend verspielt novellistisch auftrumpft. Das im Text laut Rakusa in Form von veritablen Mikroessays hinterlegte Bekenntnis des Autors erschüttert die Rezensentin dann doch: Alle Kunst und Wissenschaft schrammt an der Liebe, also am Leben vorbei! Bumm. Rakusa aber will es tapfer hinnehmen, wenn sie, die Kunst, nur sprachlich-stilistisch so zauberhaft gemacht ist wie hier.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.12.2012
Was genau in diesem Roman erzählt wird, lässt sich aus Rezensent Lothar Müllers sympathisierender, aber manchmal etwas angestrengt wirkender Rezension nicht recht erraten. Der Roman hat laut Müller eine komplizierte und lange Geschichte, wurde schon in den Siebzigern begonnen, von 1987 an in Fortsetzungen publiziert und 2008 überarbeitet. Und er inspiriert sich an nicht linearen Erzählformen, wie sie Laurence Sterne oder Puschkin entwickelten. Als "postmodern" will Bitow das nicht verstanden wissen, zu tief womöglich sein Glaube ans Sprachspiel, das Müller als eine Waffe der Dissidenz darstellt: Bei Bitow hat es den Fall des Imperiums überlebt.
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