Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Alice ist auf der Höhe ihres Schaffens. Vom Königlichen Symphonieorchester in Amsterdam erhält sie den Auftrag, anlässlich des hundertjährigen Jubiläums ein Stück zu komponieren. Dass sie im Alltag ihr Geld mit dem Schreiben platter Werbemelodien verdient, weiß dank Pseudonym niemand, dennoch hinterlässt dieser Umstand tiefe Kratzer in ihrem Selbstbild. Auch ihre schwierige Kindheit und die Erinnerung an ihre ersten Beziehungen lasten schwer. Und dann drängt ihr Privatleben aus einem weiteren Grund in die Arbeit am Stück: Alice wird bald vierzig, und der Wunsch, Mutter zu werden, mit jedem Tag lauter. Doch die Sorge, dass ihre Musik unter einem Kind leiden könnte, lässt sie nicht los …
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2024
Die Autorin Anna Enquist ist sowohl Klavierspielerin als auch Psychologin, weiß Kritiker Thomas Combrink. Diese zwei Tätigkeiten sieht er auch in ihrem Roman um eine Komponistin widergespiegelt, die sich wegen ihres Kinderwunsches behandeln lässt. Alice schwankt zwischen dem Wunsch nach einem Kind und der Angst davor, was das für ihre Arbeit bedeutet, zwischen "entzückter Erwartung" und "Was soll ich tun?", als sie dann doch schwanger wird, so Combrink. Ein Roman, der dem Rezensenten tiefen Einblick in das ambivalente Gefühlsleben einer Frau mit Kinderwunsch verschafft.
Ein feines, "diskretes Requiem" liest Rezensentin Meike Feßmann mit Anna Enquists Roman "Die Seilspringerin". Darin erzählt die Autorin von einer Komponistin, die neben ihrer aufstrebenden Karriere auch noch ein Kind bekommen soll, oder vielmehr: bekommen wollen soll. Ob sie es wirklich will, oder wollen würde, wenn man ihr das Kinderkriegen nicht immer schon als Berufung in ständige Aussicht gestellt hätte - das ist die Frage. Den Rollenkonflikt ihrer Protagonistin lotet Enquist laut Feßmann versiert und feinsinnig aus. Dass Enquist selbst Klavier studiert und als Psychoanalytikerin gearbeitet hat, spürt die Rezensentin hier deutlich. Raffiniert arrangiert die Autorin Motive und Symbole - wie etwa das Relief eines seilspringenden Mädchens auf einer Hauswand, welches für die gewünschte Tochter der Protagonistin steht, vielleicht aber auch für die 2001 verstorbene Tochter der Autorin. Ihr scheint dieses Requiem gewidmet, so Feßmann. Dass die Geschichte mitunter etwas "überinstrumentiert" wirkt, wie die Rezensentin feststellt, mag wohl darauf zurück zu führen sein - auf das Trauma der Autorin, welches diesem Roman zugrunde liegt. Und das ist nur allzu verständlich.
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