Alle Beteiligten stimmen darin überein, daß sich das lateinische Kalenderwesen während des achten Jahrhunderts grundlegend veränderte: Neben und vor sakrale Daten der christlichen Liturgie traten seither profane Daten der antiken Tradition und der aktuellen Erfahrung. Umstritten ist der Ursprung dieses für die europäische Kultur richtungs-weisenden Kalendertyps: War seine Urform der für verloren gehaltene komputistische Kalender des Angelsachsen Beda von 725? Entstand sie um 740 als angelsächsische, von Alkuin ins Frankenreich eingeführte Mischform aus liturgischen und komputistischen Kalendern? Ging sie auf Osterdebatten innerfränkischer Reformsynoden seit 744 und die Einwirkung von Bonifatius zurück? Diese Lösungsvorschläge behandeln Kalender als kanonische Texte im literarischen Feld der Artes liberales. Betrachtet man sie hingegen als variable Tabellen im Rahmen komputistischer Theorie und liturgischer Praxis, so zeigt sich, daß die Deutung der gezählten, gefeierten und gestundeten Lebenszeit im lateinischen Europa noch bis etwa 780 heftig umstritten war. Erst Karl der Große setzte mit seinen Helfern gegen mannigfache Widerstände allmählich den Vorrang des derzeitigen und diesseitigen Kalendertags durch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2005
Beeindruckt zeigt sich Rezensent Michael Borgolte von Arno Borsts Antwort auf diverse Einwände gegen seine Forschung über den Reichskalender. Die von mehreren gelehrten Abhandlungen begeleitete Edition des karolingischen Reichskalenders von seiner Erfindung unter Karl dem Großen an bis zu seiner letzten Variante im hohen Mittelalter würdigt Borgolte als eine "Pioniertat sondergleichen". Dass Karl der Große in der Geschichte der Zeitdeutung und Zeitenordnung eine Wende bewirkt habe und Kalender nicht in erster Linie chronologische Zählwerke, sondern anthropologische Entwürfe seien, nennt Borgolte eine "geniale Einsicht". In vorliegendem Buch gehe Borst auf Einwände gegen seine Arbeiten ein, etwa den des Harvard-Professors Paul Meyvaert, nach dem der "Reichskalender" auf den angelsächsischen Mönch Beda Venerabilis zurückgeht. Borst wiege "in nobler Manier" jedes neue Argument sorgsam ab. "Auch wenn er sich manche Detailkorrekturen gefallen ließ", so der Rezensent, "sieht er seine These und Rekonstruktion im Ganzen als unerschüttert an".
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