Als der Gefangene Marek zum Skizzenmaler für den KZ-Wachmann Hans Grote bestimmt wird, um ihm bei der Erkundung der Vogelwelt des Lagers zu assistieren, glaubt er sich bald in Freiheit, bei seiner Verlobten Elisa in Krakau. Er irrt. Um zu überleben, wird er lernen müssen, klein zu denken: zeichnen, tote Tiere präparieren, nicht über die Weichsel schwimmen. Den Gestank der Krematorien riechen, die Wiegenlieder der Frauen auf dem Weg in die Kammern hören, keine Fragen stellen, Geduld haben. Und vor allem: niemals krank werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2008
Kaum zu glauben findet Helmuth Kiesel die in diesem Band von Arno Surminski erzählte Geschichte. In Wahrheit aber ist sie eine Novelle im strengsten, von Goethe auf den Nenner der "sich ereigneten unerhörten Begebenheit" gebrachten Sinn. Den Vogelkundler, der sich als Wachmann in Auschwitz ausbedang, die nähere Umgebung des Konzentrationslagers ornithologisch zu erkunden, um sich mit den Vorgängen im Innern nicht befassen zu müssen, den gab es ebenso wie seinen polnischen Assistenten, der nun in der Novelle Surminskis als Erzähler fungiert. Irritierend ist nicht nur der Sachverhalt, noch irritierender vielleicht, so Kiesel, der Ton, den der Autor gewählt hat. Sehr bewusst lehnt er sich an den Ton der "Kalendergeschichten" des Johann Peter Hebel an, der nun allerdings im heftigen Kontrast zu den unfassbaren Geschehnissen steht, die so gleich doppelt ausgeblendet, ja "abgespalten" werden. Genau darum, um ein solches "gespaltenes Bewusstsein" als "Ermöglichungsbedingung" des Grauens, sei es Surminski zu tun. Der "erschütternde Missklang" von Inhalt und Form ist darum, lobt Kiesel, ganz "genau kalkuliert".
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