Eines Tages, vielleicht auch nachts
Roman

Jung und Jung Verlag, Salzburg - Wien 2003
ISBN
9783902144607
Gebunden, 188 Seiten, 18,00
EUR
Klappentext
Es geht um einen Mann namens Marinelli, der eines Tages (vielleicht auch nachts) am Patrice-Lumumba-Strand von Havanna tot aufgefunden wird. In seinem Portemonnaie finden sich drei Fotos, in seiner Hand eine Wasserflasche mit Rum. Marinellis Geschichte ist eine Liebesgeschichte, und sie beginnt mit den Vorbereitungen der Reise einer Delegation des Schriftstellerverbandes nach Kuba. Aber nicht nur Kuba zeigt sich anders als erwartet, auch Marinelli kann nicht ganz die Erwartungen erfüllen, die in ihn gesetzt sind: Er hat sich nämlich verliebt, in Ramona, und sie werden heiraten. Aber statt dass Hochzeit gefeiert wird, liegt eben eines Nachts (vielleicht auch tags) der tote Marinelli am Patrice-Lumumba-Strand.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 13.11.2003
Eberhard Falcke bekennt sich als großer Stadler-Fan, sieht aber sein Idol gefährlich wackeln. Denn Arnold Stadler variiert seine Themen bloß geringfügig, erklärt er, immer sei es der Liebes- und Lebenshunger, der seine nimmersatten Helden antreibe und im neuesten Roman sogar bis Kuba bringe. Bei Stadler heißt die Ursache für diese Umtriebigkeit "heimatlose Erektion", berichtet Falcke, es sei auch schon mal vom "Doppelleben von Hirn und Hose" die Rede. Und so ein Doppelleben birgt eben Probleme. Stadler kann das alles erstaunlich fidel erzählen, stellt Falcke überrascht von der tragikomischen Mischung fest, die sich zur Ausstaffierung des stets gleich Themas diesmal eher reisefeuilletonistischer Einschübe bedient. Diese findet Falcke jedoch eher peinlich und schon gar nicht originell. Dennoch sind die guten Stellen noch in der Überzahl, gibt Falcke Entwarnung, empfiehlt dem Autor jedoch, solange er bei seinem Thema bleiben will und wird, stilistische Verfeinerung statt lokaler Wechsel, die auch nicht über die inhaltliche Stagnation hinwegtäuschten. Sonst könnte es passieren, meint Falcke, dass Stadler "eines Tages die Trivialversion seiner eigenen Bücher schreibt".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.11.2003
Martin Krumbholz findet Glück im Unglück: Welch enttäuschende Existenz, die Franz Marinelli, der Held dieses Buches, in den gerade mal vierzig Jahren seines Lebens führt, doch welches Glück dann wieder der einzelne, allzu flüchtige Moment enthalten kann! Franz, "ein Sehnsuchtsmensch wie alle Stadler-Figuren" möchte ihn festhalten, "Glücks-Fotograf" sein, doch es bleibt beim Stückwerk, und so geht es ihm auch in der Liebe, ob in der österreichischen Heimat oder in Kuba, wohin er flieht, darum, "etwas zu werden". Aber was? "Er wird zuerst ein Liebes- und dann ein Todeskandidat, wie wir alle." Man solle, so Krumbholz, nicht nach Neuem suchen in den Büchern von Arnold Stadler, nicht nach einem überraschenden Plot Ausschau halten. Man solle stattdessen seine "wunderbar hellen Sätze" lesen - auch das ein großes Glück im Unglück.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.11.2003
Arnold Stadlers neuer Roman hat Ina Hartwig an Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Alfred Hitchcock denken lassen; an die beiden ersteren als Paten der bösen Wien-Satire über eine Ehe- respektive "Kinderhölle", die den schönen, aber früh zerstörten Spross einer kaputten Familie der "besseren" - sprich: bigotten, emotional grausamen - österreichischen Gesellschaft ans Meer, nach Havanna treibt, wo das "Anti-Wien-" zu einem "Anti-Kuba-Buch" wird und Franz, der Anti-Held, Opfer einer "grauenhaft vorhersehbaren Leidenschaft" - siehe Hitchcock. Ein "Loser der höheren Gesellschaft", der "den Losern des karibischen Sozialismus in die verzweifelten Arme getrieben" wird und darin zu Grunde geht. Stadler beschreibe vor allem Unglück, das aber mit gewohntem "poetischem Schwung". Hartwigs Fazit: "In dieser postkolonialen Tragikomödie geht alles auf: abgründig, glänzend."
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 18.10.2003
Klaus Siblewski scheint trotz des teilweise "sperrigen Charakters" überaus angetan von Arnold Stadlers neuem Roman. Der Autor erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der sich auf Kuba in eine Frau verliebt, ohne jedoch zu begreifen, dass es sich bei ihr um seine große Liebe handelt, "ironisch und spitzfindig auf höchst eigenwillige Art". Gespickt sei das Ganze mit feuilletonistischen Kommentaren, die der Rezensent überaus positiv bewertet. Gleiches gilt auch für das Spielen mit Realitäten, wovon der Roman in vieler Hinsicht profitiere. Der Stil verändere sich am Ende der Erzählung, werde schlichter und kommentarlos, doch auch diese Wendung findet das Wohlwollen des Rezensenten - und lässt ihn sogar Erinnerungen an Samuel Beckett aufkommen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003
Da sind sie ja wieder, die Mitglieder der Familie Stadler, nur mit neuen Masken, ruft ebenso gefesselt wie erschöpft Rezensentin Pia Reinacher. Sie hat sich mit allerlei Zweifeln durch das Buch gearbeitet: sich zunächst über den merkwürdigen Titel gewundert, die "seltsame Zerfransung des Themas" am Anfang. Motivisches Urgestein aus anderen Stadler-Büchern tauchte vor ihr auf, Vater und Mutter tauchen auf und der Rezensentin, an Robert Walser erinnert, wurde klar, dass auch Stadler an einem "vielfach zerschnittenen Ich-Buch" weiterschreibt. Die Komposition des Buches findet sie genau kalkuliert. Wie Stadler die Fassade des bürgerlichen Ehelebens demoliert mit einer Mischung aus "schwarzem Humor und funkelnder Ironie", beeindruckt sie. Allerdings dauert es, bis ihr Interesse richtig enfacht ist: Erst beim zweiten Teil des Romans, in dessen Zentrum eine Kuba-Reise steht, findet sie jene Passagen, die für sie den geheimen Sinn des Romans bergen, der den Autor und nun auch die Rezensentin antreiben: die Jagd nach dem einfachen Glück.
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