Konzepte einer künftigen Literaturgeographie, die literarische Schauplätze zum Ausgangspunkt der Textanalysen macht. Wo spielt Literatur? Die vermeintlich simple Frage eröffnet ein erst in Ansätzen etabliertes Forschungsgebiet mit neuen methodischen Zugängen unter dem Stichwort »Literaturgeographie«. Jede literarische Handlung ist irgendwo lokalisiert, wobei die Skala von gänzlich imaginären bis zu realistisch gezeichneten Schauplätzen mit hohem Wiedererkennungswert reicht. Die Literaturgeographie rückt die vielfältigen Bezugnahmen von Räumen der Fiktion auf den Realraum hin ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Literatur weist eine spezifische Geographie auf, die ganz eigenen Regeln folgt. Denn fiktionale Räume sind niemals nur mimetische Abbilder der Realität, auch wenn sie sich auf existierende Landschaften und Städte beziehen. Vielmehr müssen die poetologischen Verfahren von Verfremdung, Überblendung, Neubenennung, die Kombinationsmöglichkeiten von realen Orten mit fiktiven Elementen in Visualisierungskonzepte und Deutungen der Textanalysen einfließen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2009
Literaturtourismus hat für Oliver Pfohlmann durchaus etwas Tragikomisches. Die Lektüre von Barbara Piattis Untersuchung hilft laut Pfohlmann dabei, der Verirrung zwischen Raum und Fiktion zu entgehen. Darüber hinaus machen ihn Piattis Kenntnisreichtum und ihr lesbarer Stil mit der Faszination der Literaturgeografie bekannt. Pfohlmann folgt der Autorin beim Vergleich unterschiedlichster Werke der Weltliteratur, verschieden in Stil und Epoche. Und er lernt zu unterscheiden zwischen austauschbarer Kulisse und Handlungsorten, die wie Figuren agieren. Am Beispiel des Vierwaldstättersees, einem der Hauptorte der europäischen Literatur, lässt sich der Rezensent die vielfältigen Transformationen aufzeigen, die ein als "literarischer Metaraum" fungierender realer Raum erfahren kann.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.01.2009
Barbara Piattis Erkundungen in der "Geografie der Literatur" hat Manfred Koch mit viel Interesse verfolgt. Die "Literaturgeografie", deren Begriff bereits 1907 geprägt wurde, hat bisher vor allem die geografischen Hintergründe der Autoren ins Auge gefasst. Nachdem sich die Autorin eingehend der Geschichte dieser Disziplin gewidmet hat, konzentriert sie sich allerdings auf Handlungsräume literarischer Werke, erklärt der Rezensent. Piattis Fokus liegt auf den Regionen um den Vierwaldstättersee und das Gotthardmassiv, die sie nicht nur in 150 zwischen 1477 und 2004 entstandenen literarischen Texten und in fünf Einzelanalysen quasi kartografiere, sondern zudem in siebzehn Faltkarten anschaulich mache, so Koch. Für ihn stellt dieses Buch eine "vorzügliche Modellstudie" dar, die Hoffnung auf einen von der Autorin angestrebten "literarischen Atlas Europas" macht, wie er bekräftigt.
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