Hermann Eichler führt die Apotheke seiner verstorbenen Eltern in Graz. Er macht das souverän, gibt zu jeder Pille einen guten Rat - so hat er es von seinem Vater gelernt - und kann an den verlangten Medikamenten die Jahreszeiten bestimmen. Nur wenn es um ihn selbst geht, weiß er nicht weiter und hat das Gefühl, nicht Herr über sein eigenes Leben zu sein. Bis eines Nachts vor seiner Tür ein Unfall passiert. Eichler sieht das Fahrrad liegen, dann das Mädchen daneben. Und er macht sich auf den Weg: durch die Stadt, hin zu einer radikalen Einsicht. Der Flame Bart Moeyaert, für seine Kinder- und Jugendbücher vielfach ausgezeichnet, legt mit "Graz" sein Prosadebüt für Erwachsene vor und lässt damit die Gattung der Novelle aufglühen. Der Spaziergang Eichlers durch das winterliche Graz in einer Nacht aus Schnee und Wind und Licht gerät nicht nur zu einer Hommage an die Stadt, sondern auch zu einer Parabel über Erinnerung, Liebe, Einsamkeit.
Mit großer Begeisterung liest Carola Ebeling das erste sich an ein erwachsenes Publikum richtende Buch des bislang vor allem als Kinderbuchautor bekannten Bart Moeyaert. Dessen Geschichte eines Mannes, der durch einen Zufall in einen Reflektionsprozess über das eigene, unerfüllte Begehren und Begehrtwerden gerät, ist von einer ganz eigenen, sprachlich sensiblen Intensität, konstatiert die Rezensentin. Hoch rechnet sie es dem Autor an, dass er seine Figur in all ihren Überlegungen nicht als selbstmitleidig oder pathetisch zeichnet, vielmehr rührt sie dieser moderne Mann in seiner "unverstellten Traurigkeit" sehr an. Auch deshalb hofft die Kritikerin, von Moeyaert bald einen weiteren erwachsenen Stoff, nach dieser Novelle idealerweise einen Roman, lesen können zu dürfen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2014
Nach der Lektüre von Bart Moeyaerts neuem Buch "Graz" muss Rezensent Markus Huber feststellen, dass dieser vor allem für seine Jugendbücher bekannte niederländische Autor auch ausgezeichnet für erwachsene Leser schreiben kann. Er folgt hier dem einsamen, unscheinbare und psychisch labilen Apotheker Hermann Eichler, der sich, nachdem er einen Unfall beobachtet hat, nicht nur mit Schuldgefühlen plagt, sondern auch eine schmerzvolle Reise in die eigene Vergangenheit mit all ihren Enttäuschungen und Demütigungen wagt. Der Kritiker liest nicht nur fasziniert, wie diese eindrucksvolle Novelle zu einer späten "Coming-of-Age"-Geschichte wird, sondern auch, wie es Moeyaert gelingt, das Gefühl existentieller Verlorenheit durch die Sprache auf dem Leser zu übertragen. Sein Urteil: ein wunderbar melancholisches, feinsinniges und zugleich "unprätenziöses" Buch.
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