Jeder Witz, so George Orwell, ist eine kleine Revolution. Ein Flaschengeist, der sich, einmal in der Welt, von keiner noch so repressiven Staatsgewalt wieder bannen lässt, ein Refugium für die Würde der Menschen, denen man die Hände gebunden und den Mund verboten hat. In seiner Reportage "Das komische Manifest" vollzieht Ben Lewis nach, wie die Bürger des ehemaligen sogenannten Ostblocks vom Sturz des Zaren 1917 bis zum Fall der Mauer 1989 die Meinungsfreiheit unter kommunistischen Regierungen am Leben hielten. Ob leeres Einkaufsregal dank verfehlter Planwirtschaft oder hohl dröhnende Staatspropaganda, Ausreiseverbot oder Strafgefangenenlager, die Sowjetära beschwor satirischen Widerstand herauf wie kaum ein politisches System zuvor, und viele nahmen lieber eine Gefängnis- oder, zu Zeiten Stalins, gar Todesstrafe in Kauf, als auf einen guten Witz zu verzichten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.08.2010
Florian Sendtner lacht sich scheckig beim Lesen dieser weltweit immerhin ersten Gesamtdarstellung der Zusammenhänge von Kommunismus und Satire 1917-1989. Ja, Mängel hat das Buch von Ben Lewis auch zu bieten (eine nervende Guido-Knopp-Haftigkeit dann und wann), doch sieht Sendtner nicht ein, deswegen auf das befreiende Lachen zu verzichten, das ihm die 500 (!) enthaltenen Witze entlocken. Angesichts einer reichlich blutrünstigen Epoche doch keine so schlechte Ernte, meint Sendtner und lässt dem Autor manch kursorische historische Einlassung durchgehen. Profund genug findet er die von Lewis wie en passant aufgeschriebene Geschichte der östlichen Welt des 20. Jahrhunderts, in der die Witze ihren realen Grund haben, sowieso.
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