Hölderlins Umgang mit Sophokles, Trakls Verschwisterung Hölderlins mit Rimbaud, Celans spurenreiche Silbenpartituren: drei beispielhafte Glücksfälle der poetischen Innovation durch Lektüren. Die vorliegenden Studien sind der vergleichenden Übersetzungs- und Rezeptionsforschung solcher Konstellationen gewidmet. Sie zeichnen in intensiven Textanalysen die kühnsten Stationen deutscher Lyrik um 1800, um 1900 und um 1960 nach. Schön / Und lieblich ist es zu vergleichen, sagt Hölderlin in seiner Hymne "Der Einzige". Hier wird er vor allem in seiner übersetzerischen Begegnung mit Pindar und Sophokles und in seiner Wirkung auf George, Rilke, Trakl und Celan vorgestellt. Beide Bewegungen ergeben zusammen die Richtung von Morgen nach Abend. Die auf Hölderlin antwortenden Dichter und mit ihnen Hofmannsthal sind auch untereinander im Gespräch. Sie werden im gemeinsamen Bezug zu Frankreich und Italien, in ihrer Übersetzungstätigkeit und Selbstreflexion dargestellt. Von den vier Dichtern um 1900 unterscheidet sich der sie zuerst beerbende, dann widerrufende Celan als Zeuge einer Zäsur. Wie bei ihm Kontinuität in notwendige Diskontinuität umschlägt, erweisen zuletzt Analysen seiner Gedichte und ihrer Poetologie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006
Schon im Titel seines Sammelbandes mit Aufsätzen und Vorträgen zeigt Bernhard Böschenstein an, dass er sich vor allem als Ahnenforscher versteht, meint Roman Luckscheiter. Für den Literaturwissenschaftler zeichnen sich die großen lyrischen Werke dadurch aus, dass sie sich in eine Reihe von Vorgängern stellen und ihrerseits eine literarische Nachkommenschaft zeugen, erklärt der Rezensent. Gerade in der Anverwandlung bereits vorhandener Texte für das eigene Werk beispielsweise bei Georg Trakl, Paul Celan oder Hugo von Hofmannsthal entstünden nach dem Autor die "epochalen Innovationen" in der Dichtung, so Luckscheiter weiter. Dass sich das Aufspüren literarischer Spuren in den Werken nachfolgender Lyriker auf reine Intuition oder Vermutungen gründet, liegt nach Ansicht des Rezensenten auf der Hand, aber das will er Böschenstein gar nicht negativ anrechnen. Dessen vehemente Ablehnung der Vorstellung einer autorenfernen "Intertextualität", der er eine "Theorie der Intergenialität" entgegensetzt, findet der Rezensent zumindest sehr charmant und er zeigt sich von der Unbeirrbarkeit des Autors beeindruckt.
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