Mit "Daphne, ich bin wütend" legt Bertram Reinecke einen Gedichtband vor, der vieles bündelt, was Literatur oder Kunst überhaupt ausmacht. Er betrachtet die Erfahrungen der literarischen Tradition als ein Gemeingut, das Ressourcen bereitstellt und, sei es im Privaten oder sei es in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, einen utopischen Horizont öffnen kann. - Jenseits von Nostalgie bleibt sein oft überraschender, mitunter humorvoller Zugriff auf Vorgefundenes nicht bei "Bewährtem" stehen, sondern er experimentiert mit Sprache und erkundet neue poetische Verfahren. Der Band entfaltet damit einen Fächer unterschiedlicher Textformen, der vom leichthin gesetzten freien Vers und dem melancholischen Bonmot über klassische Baumuster wie Sonett und Pantum bis zu strengen Montagen, Mutationsformen und Lautspielen reicht. - Die Texte suchen ein lesendes Gegenüber, das unterschiedliche Formen von Geschriebenem nicht nur kontemplativ betrachten, sondern sich auch produktiv aneignen möchte.
Rezensent André Hatting zeigt sich tief beeindruckt von Bertram Reineckes Gedichtband "Daphne, ich bin wütend". Der erhebt keinen Anspruch auf Originalität, sondern ist ein Remix aus bereits bestehenden Versen: im Fall des Gedichts "familien-werte" von Texten, die zwischen 2010 und 2017 in der Literaturzeitschrift "Risse" veröffentlicht wurden, bei anderen Gedichten zum Beispiel aus dem Wahlprogramm der Linkspartei von 2013 oder Versen von Bertolt Brecht. So entstehen Mashups, die, so Hatting, überraschend suggestiv wirken und einen sowohl egalitären wie auch emanzipatorischen Effekt haben - denn Reineckes Zusammenstellung wende sich gegen die bis heute nachwirkende romantische Geniepoetik. Dass das Gedicht nicht unmittelbar aus poetischem Denken erwachsen muss, beweist der im Poetenladen Verlag erschienene Gedichtband dem Rezensenten zufolge aufs Eleganteste.
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