Wer in Deutschland in der Politik das Ruder in der Hand hat, ist kaum noch erkennbar. Bettina Gaus fordert Politik mit Ecken und Kanten und plädiert für eine neue Streitkultur.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.07.2000
Der Hauptthese der Autorin, dass es heute in Deutschland keine echte Streitkultur mehr gibt und die politische Klasse einem "fast neurotischen Zwang zum Konsens" unterliegt, kann der Rezensent mit den Kürzel "de" nicht folgen. Zwar zähle die Autorin tatsächlich zahlreiche Beispiele auf, die ihre These belegen sollen, "einer nüchternen Betrachtung" jedoch hält ihre Polemik nicht stand, so der Rezensent. So hält er es für methodisch fragwürdig, die deutschen politischen Verhältnisse immer wieder mit den afrikanischen zu vergleichen (Gaus war lange Jahre Afrika-Korrespondentin). Weitaus naheliegender hätte er es gefunden, einen Vergleich mit anderen europäischen Ländern zu versuchen. Denn dabei wäre der Autorin sicherlich aufgefallen, dass "der politische Betrieb in Deutschland keineswegs so verkalkt ist", wie dies von Bettina Gaus dargestellt wird: "War Gaus schon mal in der Schweiz?", fragt der Rezensent, der gerne zugibt, wie sehr er die Auseinandersetzungen im deutschen Bundestag genießt. Überhaupt gebe es doch kaum ein Thema, das "in den Fängen der deutschen Politik nicht sogleich zerhackt und zerzaust wird". Gerne würde der Rezensent mehr davon auch im Berner Bundeshaus erleben.
„Ist die Bundesrepublik ein solches Seniorenheim?“ fragt Gunter Hofmann bestürzt nach der Lektüre dieser Streitschrift. Immerhin hat ihn die Autorin, eine „leidenschaftliche Journalistin“, ziemlich beeindruckt. Gaus beherrscht die Kunst der Zuspitzung und klaren Worte, lobt er. Doch Gott sei Dank gehöre sie nicht zur Gattung der Journalisten, die gern auf angeblichen „Gutmenschen“ herumtrampeln. Ein paar Einwände hat Hofmann natürlich schon: Vor allem ist seiner Meinung nach die Gesellschaft durchaus noch streitlustig - meint er damit vielleicht die Journalisten? - im Gegensatz zur politischen Klasse. Aber dann gibt er doch nach: Es ist ja wahr, auch ihm fehlt eine intellektuelle Linke, die sich „auf der Höhe der Zeit“ befindet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.04.2000
Was für ein Lob! Johannes Willms, ehemaliger Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, ist restlos begeistert von diesem Buch. Er stellt Gaus` Betrachtungen gegen die "druckreifen Suaden" der konservativen Leitartikler aus der Kohlära und findet sie einfach "erfrischend". Gaus, referiert er, halte den Mangel an Streitkultur in Deutschland für eine Folge fehlender politischer Phantasie: Beides schreibt sie Linken wie Rechten gleichermaßen zu, denn beide Fraktionen sind so geschockt von der Wiedervereinigung, dass sie Kompetenzen immer mehr institutionalisieren, auf das alles so bleibe wie es war. Willms stimmt dieser Analyse rundum zu, er beklagt nur, dass Gaus sich so oft mit ihrem Urteil zurückhält. Doch zeige dieser Einwand nur, wie "überaus anregend" und "klug reflektiert" das Buch sei.
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