Burkhard Spinnen

Der Reservetorwart

Geschichten
Cover: Der Reservetorwart
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783895610400
Gebunden, 216 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Ein Fußballprofi findet sich damit ab, nur Reserve zu sein. Ein verheirateter Mann simuliert den Ehebruch, ein Rockfan sucht halbherzig sein altes Idol. Und ein zu allem entschlossener Tyrannenmörder wartet noch auf ein angemessenes Opfer. Burkhard Spinnens Helden sind Männer, die sich mit dem Mittleren arrangiert haben: mit mittleren Laufbahnen, mittlerem Erfolg, mittleren Malaisen und mittlerem Alter. Aber nur einen Schritt beiseite getreten, erscheint das mittlere Maß als das Mittelmaß; das heißt: als etwas vollkommen Unerträgliches. Und so drohen eine kleine Aufregung, ein überraschender Jahrestag oder eine harmlose Notlüge gleich furchtbare Katastrophen anzurichten. Der Mittelweg ist und bleibt der gefährlichste.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2004

"Sicherheitsfußball auf hohem Niveau" bescheinigt Rolf-Bernhard Essig den neuen Erzählungen von Burkhard Spinnen - das klingt zunächst nicht gerade begeistert, aber dem Kritiker haben die Geschichten, die ausschließlich von mittelalten Männern handeln, unglaublich gut gefallen. Denn Spinnen ist taktisch hervorragend eingestellt: immer wieder überrascht er mit völlig unerwarteten Einzelaktionen, "die den Raum öffnen, die Zuschauer begeistern". Hin und wieder patzt der Autor auch, aber niemals scheitert er, die meisten Geschichten erheitern, "manche fasziniert" und eine ist sogar "umwerfend". "Häufig unterbricht etwas eine Laufbahn, etwas lässt die Männer straucheln auf dem Lebensweg", charakterisiert Essig den gemeinsamen Nenner der Stories. Alles ist zwar "leicht zu lesen", gibt einem dennoch zu denken und der zuweilen einlullende Lesebuch- und Kalenderton ist trügerisch. Der Kritiker empfiehlt genaues Lesen, weil Spinnens Erzählungen demonstrieren, wie mustergültige Kurzgeschichten gebaut sind. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.11.2004

Für Laura Weißmüller ist Burkhard Spinnen ein Meister des Spurenlesens. Wie ein "guter versteckter Voyeur" schildere der Autor in "herrlich gelassenen Sätzen" die Banalität des Lebens durchschnittlicher deutscher Männer. Besonders hat sie die Schilderung eines Juristen beeindruckt, der nach 15 Jahren Ehe logisch gegen seinen Mangel an außerehelichem Sex vorgehen will. Das Geheimnis der bemerkenswerten Authentizität, die Spinnens "Soziologie des deutschen Mittelschichtmannes" erreicht, liege in der Fähigkeit des Autors, "chamäleonartig den Erzählgestus und Gedankenfluss" seiner Figuren nachzuahmen, verrät Weißmüller. Es ist wohl diese Fähigkeit des Autors, aus "den gewöhnlichen Abdrücken des deutschen Seins" einen "Pfad" zu lesen, durch die sich die Rezensentin am Ende zu einer Huldigung des Buches als "perfektes", zwar graues, aber ab und an auch lichtdurchflutetes "Spätherbstbuch" hinreißen lässt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

In seinem neuen Erzählband bestätigt Burkhard Spinnen seinen Ruf als "Chronist des Durchschnittsmenschen", meint Rezensent Thomas E. Schmidt. Der Durchschnitt, die Normalität ist aber dabei als "Kunstfigur" zu verstehen, Spinnen fängt dort an zu erzählen, wo der von den Figuren gesponnene "Existenzkokon " aufbricht, so Schmidt. In den Personen scheine es überhaupt ständig "zu grummeln und zu gären", und in seinen "Novellen" beleuchte Spinnen den Moment, wenn dieses Untergründige ausbricht. Die Figuren sind dabei keineswegs der Realität entlehnt, sie alle sind stilistisch überarbeitete Variationen des "hamlethaften, handlungsgehemmten Deutschen", erklärt unser Rezensent weiter. Spinnen sei entgegen der allgemeinen Wahrnehmung auch "kein Wirklichkeitsbeschreiber", sondern vielmehr als Sammler von "Lebensmoralen" zu verstehen. Aus der Vielfalt der Prinzipien schafft er eine "kunstvoll inszenierte Mitte" als den "eigentlich dramatischen Ort", und genau dies macht ihn als Schriftsteller "unverwechselbar", findet Schmidt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004

Rezensent Thomas Wagner vergibt gute Note an diese Erzählungen, in denen er eigenem Bekunden zufolge lauter "Weltkleinbürgern", vor allem aufstrebenden und doch hilflosen Männern begegnet ist: "leidensbereit, aber gefühlsarm". Die Plots der Erzählungen findet er so souverän konstruiert, dass er sich stets aufs neue fragt, wie Spinnen diesmal das "Lebensgebäude" seines Protagonisten zum Einsturz bringen werde. Das hat natürlich auch etwas von Laborversuchen: Immer wieder beobachtet Spinnen, wie seine Protagonisten auf drohende Katastrophen reagieren. Sie agieren dabei in einer Welt ohne Transparenz, Moral oder Metaphysik. Wagner fröstelt ein wenig angesichts dieser Leere.
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