Aus dem Englischen von Klaus Berr. Tom Ripple, ein ganz normaler Mann, nicht gerade mit Charme oder intellektueller Neugier ausgestattet, nimmt uns mit von der Londoner Vorstadt in den Siebzigern nach Suffolk, zurück nach London und an die englische Südküste, erzählt von seiner Frau, einer selbstgerechten Sozialarbeiterin, die ihn irgendwann verlässt, von seinen beiden Kindern, denen er sich entfremdet und denen er wieder näherkommt, seinen Nachbarn und Arbeitskollegen und Freunden. Sein Mundwerk ist ebenso scharf wie seine Beobachtungsgabe, und je mehr Zeit vergeht, desto stärker wächst einem dieser Tom Ripple ans Herz. Denn seine Suche nach Bedeutung in der postmodernen, absurden, unvollkommenen Welt macht ihn erst zum ganzen Menschen, und der spröde Witz, mit dem er uns an seiner Wandlung teilhaben lässt, macht seine Geschichte ganz und gar unwiderstehlich.
Mit großer Begeisterung begrüßt Rezensent Manuel Karasek dieses Neunhundert-Seiten-Werk, mit dem Charles Chadwick vor drei Jahren im Alter von dreiundsiebzig Jahren debütierte. Trotz des beträchtlichen Umfangs riss das Lesevergnügen des Rezensenten nicht ab. Über dreißig Jahre habe Chadwick an diesem oft "unwirklich schönen" Buch gearbeitet, schreibt Karasek, und es scheint sich gelohnt zu haben. Der Rezensent sieht die Lebensreise, die aus seiner Sicht gleichzeitig ein ebenso präzises wie grandioses Gesellschafts- und Epochenbild ist, gleichrangig neben Musils "Mann ohne Eigenschaften" stehen. Der Roman verfolge aus der Sicht des Ich-Erzählers über drei Jahrzehnte dessen Leben und beeindruckt den Rezensenten hier immer wieder auch als "bewegend schöne" Untersuchung über das "Menschsein in der Postmoderne". Trotz seiner frappierenden Durchschnittlichkeit entpuppt sich Chadwicks Protagonist für den Rezensenten außerdem als ziemlich witziger Romanheld. Insgesamt bescheinigt Karasek Chadwick eine virtuose Beherrschung des schriftstellerischen Handwerks, das für ihn seinen Gipfel im spielerischen Umgang mit traditionellen Erzählkonzepten erreicht. Auch der Übersetzung verleiht Karasek das Prädikat "wundervoll".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007
Rezensent Hannes Hintermeier sinniert in seiner Besprechung vor allem darüber, dass die diversen Umzüge des Protagonisten Mr.Ripple ihn jeweils mit neuen Nachbarn ausstatten, und dass deren Existenz und die sich im Nachbarschaftlichen ergebenden Beziehungen jeweils das Drama oder die Langeweile der Lektüre ausmachen. Er lobt, dass Mr. Ripple, obwohl vor allem ein großer Langweiler, von seinem Autor "nicht vorgeführt" werde. Aber die langatmige Nacherzählung eines offensichtlich langatmigen Romans lässt die lobenden Worte Hintermeiers beim Lesen der Rezension gleich wieder versickern. Weder die Hauptfigur Mr. Ripple noch irgendwelche anderen Figuren werden dem Leser der Rezension besonders schmackhaft gemacht. Die Rezension hinterlässt kaum einen Eindruck von diesem Buch, das nur von der uneitlen Selbstbeobachtung und -analyse eines "schwadronierenden Jedermann" zu handeln scheint. Vielleicht hat Hintermeier vor allem beeindruckt, dass hier ein Vierundsiebzigjähriger seinen ersten Roman geschrieben hat, und vielleicht hat er auch nur deshalb den Übersetzer Klaus Berr zu erwähnen vergessen.
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