Kein Land setzte im 20. Jahrhundert so vehement auf die künstliche Bewässerung als Mittel zur Ausbreitung staatlicher Herrschaft wie die Sowjetunion. Der Bau von Kanälen und Staudämmen veränderte überall im Land des Sozialismus das Zusammenleben der Menschen, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihren Umgang mit der Natur. Das sowjetische Wasserbauprogramm begann 1920 mit Lenins "Plan zur Elektrifizierung" des Landes und gipfelte 1950 in Stalins "Plan zur Umgestaltung der Natur".
Ein entscheidendes Element dieser Umgestaltung war Stalins Projekt der Baumwollautarkie, mit dem die zentralasiatische Peripherie in den Prozess der sowjetischen Staatswerdung integriert werden sollte. Zu diesem Zweck waren neue Grenzen und Institutionen, aber auch die Massenmobilisierung der Bevölkerung und vor allem technisches Know-how notwendig. Mithilfe künstlicher Bewässerung sollte eine industrielle Baumwollproduktion entstehen, um die Sowjetunion vom Import dieses wichtigen Cash Crop unabhängig zu machen.
In Stalins Sowjetunion beruhte die Staatswerdung nicht allein auf der Neuordnung der Verhältnisse, ihr leitendes Prinzip war vielmehr das Schaffen von Unordnung. Zudem unterminierten Willkür, Terror und Chaos jegliche Handlungs- und Erwartungssicherheit. Im sowjetischen Baumwollstaat wurde Unordnung zum zentralen Instrument der Herrschaftssicherung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2016
Hans-Erich Volkmann wird bei der Lektüre von Christian Teichmanns Studie über Stalins Herrschaft in Zentralasien klar, was das "Wegbrechen" der Ukraine als Kornkammer für Russland bedeutet und ebenso, vor welchen wirtschaftlichen Probleme eine Ukraine ohne Russland gestellt ist. Erst Teichmanns Darstellung von Stalins technoökonomischen Strategien lässt vor dem Auge des Rezensenten deutlich werden, wie der Zusammenhalt der Sowjetrepubliken erst in jahrelangen Anstrengungen gelang, gegen die passive Haltung der Landbevölkerung und einheimischer Revolutionäre. Für Volkmann wird das Buch so zur Anregung zum Brückenschlag zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Revolutions- und Kolonialimperialismus.
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