Karl Philipp Moritz stellt in dem autobiographischen Roman Anton Reiser (1785-1790) dar, wie sein Alter Ego Anton Reiser unter dem Einfluss einer religiösen Sekte zum "völligen Hypochondristen" wird. Moritz' Vater und sein Lehrherr, der Hutmacher Lobenstein, waren Anhänger des Quietisten Johann Friedrich von Fleischbein (1700-1774), dieser wiederum ein fanatischer Parteigänger der französischen Mystikerin Jeanne-Marie Guyon du Chesnoy (1648-1717). Der Alltag und das Umfeld des Quietisten Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland waren bisher fast unbekannt. Nun erlaubt der neuaufgefundene Fleischbein-Nachlass eine neue Sichtweise auf den Roman Anton Reiser und das praktische Leben der deutschen Quietisten. Die vorliegende Studie dokumentiert Moritz' Aufenthalt bei Lobenstein durch bisher unbekannte Briefe des Hutmachers und entwirft zum ersten Mal anhand zahlreicher Funde ein realistisches Bild der Guyonisten um den "Seelenführer" Fleischbein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2002
Ist Karl Philipp Moritz' Roman "Anton Reiser" autobiografisch? Und wenn ja, gilt das auch für Moritz' Jugend? Es gilt, jubelt Rezensent Alexander Kosenina. Bisher hat man es nur vermutet, doch jetzt hat Christof Wingertszahn in Lausanne Briefe aufgestöbert, die es beweisen. Die Briefe stammen von dem Hutmacher Lobenstein, der im Roman seinen Lehrling Anton auf das schändlichste quält und demütigt. Den Herrn gab es wirklich, und er schrieb u.a. einen Brief an den "quietistischen Seelenführer" Johann Friedrich von Fleischbein, dem er detailliert beschreibt, wie er den 'kleinen Carl' bestraft hat, um ihm 'grim und bosheit' auszutreiben. Diesen und einen zweiten Brief, der an Fleischbeins Financier, den Freiherr von Klinckowström gerichtet war, hat Wingertszahn im Nachlass Fischbeins gefunden: ein "Triumph der Archivforschung", freut sich Kosenina. Ebenfalls im Buch finden sich "flankierende Zeugnisse", die zeigen, warum das Kind Karl so 'verstockt' war. Der Quietismus, dem Lobenstein anhing, war geprägt von "radikaler Lebensfeindschaft und Auslöschung der Individualität". Kosenina nennt das "quietistische Erziehungsdiktatur". Erst mit diesem von Wingertszahn dargebotenem Hintergrundwissen, erklärt der Rezensent, könne der Leser wirklich nachvollziehen, wie sehr Moritz gelitten haben muss und welch "bittere Rache" er in seinem Roman nahm.
Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…