Noch immer ist Karl Philipp Moritz (1756-1793) vor allem als Verfasser des autobiografischen "Anton Reiser" (1785-1790) bekannt. Dieser "psychologische Roman", so der Untertitel, hat jedoch eine Vorgeschichte, die bislang wenig beachtet wurde: Bereits 1778 beginnt Moritz den großen Wurf durch literarische Übungen vorzubereiten: In den Beiträgen zur Philosophie des Lebens erprobt Moritz kleine popularphilosophische Darstellungsformen wie Tagebuch, Dialog, Selbstgespräch oder Aphorismus. In den "Sechs deutschen Gedichten an Friedrich II." porträtiert er die Berliner Aufklärung in einer topischen Bilderfolge. Das Dramenfragment "Blunt oder der Gast" bringt eine historisch dokumentierte Verbrechensgeschichte als psychologische Fallbeschreibung auf die Bühne. "Die Reisen eines Deutschen in England" bieten eine kulturanthropologische Erfahrungsseelenreise. Und der "Nachruf auf einen Lehrerkollegen" sowie die Fallgeschichte "Aus K...s Papieren" sind erste Versuche biografischen Erzählens. Der Weg zur "inneren Geschichte des Menschen" im "Anton Reiser" führt so über aphoristische, lyrische, dramatische, dokumentarische und erzählerische Experimente, die dem Romanprojekt zugrundeliegen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2006
Aufschlussreich findet Rezensent Thomas Meissner diese Studien über Karl Philipp Moritz, die Alexander Kosenina vorgelegt hat. Im Mittelpunkt sieht er einen weniger bekannten Teil von Moritz? Werk, nämlich die literarischen Anfängerarbeiten und Experimente bis zum Aufbruch nach Italien. Kosenina verfolge anhand dieser Texte Moritz? schriftstellerischen Weg. Deutlich wird für Meissner insbesondere, dass sich der spätere Autor des "Anton Reiser" und Herausgeber des "Magazins für Erfahrungsseelenkunde" schon früh für Anthropologie und Psychologie interessierte. In diesem Zusammenhang nennt Meissner etwa die "Beiträge zur Philosophie des Lebens" oder "Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782". Etwas bedauerlich findet er Koseninas geringes Interesse an der biografischen Perspektive, könnte diese doch die "innere Genese des Schriftstellers Moritz entscheidend ergänzen".
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