Claire Keegan

Reichlich spät

Cover: Reichlich spät
Steidl Verlag, Göttingen 2024
ISBN 9783969993255
Gebunden, 64 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleißendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuß am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen. In dieser kleinen Geschichte eines gescheiterten Paares erzählt Claire Keegan vom großen Thema Misogynie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.06.2024

Claire Keegans kurze Geschichte "Reichlich spät" hat es Rezensentin Stephanie von Oppen angetan. Auf nur 60 Seiten schildert die irische Autorin die misslungene Liebesbeziehung zwischen dem alternden, nun allein in seinem Büro sitzenden Cathal und der Halbfranzösin Sabine, die ihn kurz vor der Hochzeit verlassen hat - denn Cathal haben, wie von Oppen resümiert, fatale Kindheitsmuster eingeholt. Mit der Prägung durch den geizigen, frauenverachtenden Vater belastet, konnte er der Partnerin laut der Rezensentin nicht mit Großzügigkeit und Toleranz begegnen. Keegans Schilderung dieses in überkommenen Geschlechterklischees befangenen Mannes ist für die Kritikerin auch deshalb interessant, weil sie noch heute präsente misogyne Strukturen bloßlegt. Die Rezensentin lobt vor allem, wie meisterhaft Keegan die "Kunst der Auslassung" praktiziere, und kann diese zurückhaltende Erzählung sehr empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2024

Nur rund fünfzig Seiten nimmt diese Erzählung von Claire Keegan ein, erklärt Rezensent Tilman Spreckelsen, hebt aber schon damit darauf ab, "das Drama eines Lebens und noch mehr" zu erzählen: Der Protagonist Cathal ist ein Büroangestellter, dessen Verlobte ihn kurz vor der Hochzeit verlassen hat. Dass er daran nicht ganz unschuldig ist, macht die Erzählerin Spreckelsen klar, die zeigt, dass er mit seinem sexistischen Gedankengut besser in die 1950er Jahre gepasst hätte, obwohl die Story zu einer annähernd gegenwärtigen Zeit spielt. Seine misogynen Ausfälle werden fast wie nebenbei geschildert, was wohl Leichtigkeit schaffen soll, aber für den Kritiker damit doch zu aufgebauscht rüberkommt. So kann Keegan ihn letztlich nicht überzeugen.

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