Sasa Stanisic

Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

Roman
Cover: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne
Luchterhand Literaturverlag, München 2024
ISBN 9783630877686
Gebunden, 256 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner. Saša Stanišić führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.06.2024

Sehr gern liest sich Rezensent Jörg Plath durch die 12 Geschichten, die Saša Stanisićs Buch versammelt. Ausgangspunkt ist eine Träumerei von vier Migrantenkindern, die sich verschiedene Versionen der Zukunft ausdenken, um zu schauen, ob sie ihnen gefallen könnten. In den Geschichten geht es, beschreibt Plath, unter anderem um die Sehnsucht nach ungelebten Leben, um Racial Profiling, Nirvana und um Nazipanzer. Erzählt ist das alles mit viel Witz, wobei Stanisić spielerisch mit der Form des Jugendbuchs und auch mit postmodernen Erzählkonventionen umzugehen versteht. Der eigentliche Clou besteht laut Rezensent darin, dass die ausgedachten Lebensmodelle auf die Literatur selbst verweisen, dass der Autor hier also auch ein wunderbares Buch über seinen eigenen Weg hin zur Schriftstellerei geschrieben hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.06.2024

Von Sasa Stanisics neuestem Buch lässt sich Rezensent Adam Soboczynski gerne ins bunte Universum der Fiktionsspiele entführen: Der Autor bosnischer Herkunft ist als Kriegsflüchtling mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen und vermag es deshalb, den Eigenheiten der Deutschen und ihrer Literatur in seinen Büchern eine besondere Note zu verleihen. So auch in diesem Band, der eine Reihe von Geschichten über verschiedene Elemente miteinander verbindet - zum Beispiel über die Insel Helgoland, die wiederum mit den unendlichen Möglichkeiten des Erzählens verknüpft ist, mit denen Stanisic seine Figuren ausstattet, so der Kritiker. Auch die titelgebende Geschichte um eine Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes wieder bereit für eine neue Liebe ist, macht ihm einfach Spaß.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2024

Insgesamt angetan ist Rezensent Paul Jandl von Saša Stanišics Erzählband, dessen Rahmenhandlung von vier Jungs aus Heidelberger Migrantenfamilien erzählt, die sich Zukunftsszenarien ausdenken. In einer der Geschichten, die sich aus diesem Szenario ergeben, freundet sich eine alte Frau nach dem Tod ihres Mannes ebenfalls mit einem Jungen mit migrantischer Biografie an, resümiert Jandl. Auch Stanišics Schriftstellerkarriere wird in dem Band thematisiert. Überhaupt gibt es bald mehrere Realitätsebenen. Jandl gefällt das Ergebnis da besonders gut, wo Stanišics Prosa über das Private hinausweist auf andere, aufregende Lebenswirklichkeiten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.06.2024

Rezensentin Marie Schmidt ist begeistert von Saša Stanišićs experimentellem und doch nahbarem Schreiben. Denn wie schwungvoll der Autor in seinen Texten nicht nur Erzählebenen und Stilregeln, sondern auch Idiolekte und Dialekte durcheinanderwirbele, ohne diese dabei "nachzuäffen", lässt die Kritikerin staunen - umso peinlicher scheint ihr es, dass der aus Bosnien eingewanderte Autor mit dem zweifelhaften Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet und mit Labels wie "Jugendsprache" bedacht wurde. Vielmehr beweist Stanišić für sie ein "absolutes Gehör" für die deutsche Sprache und was mit ihr gemacht werden kann, wenn in einer der Geschichten um eine Putzfrau und ihre Chefin etwa über die bloße Positionierung von Artikeln Sozialkritik geübt wird: "Dilek putzte den Herd, Frau Sehner trank den Rosé". Auch an anderer Stelle ist die Kritikerin fasziniert von Stanišićs Sprachspielen inklusive Seitenhiebe gegen Hüter einer deutschen Hochsprache und -literatur - ganz abgesehen davon, dass die Geschichten auch inhaltlich viel zu bieten haben - etwa einen "Proberaum", in dem man sich 10 Minuten seiner möglichen Zukunft ansehen und diese dann kaufen oder ablehnen kann. Ein abwechslungsreiches, formal hoch spannendes und dabei trotzdem sehr menschliches Buch, schwärmt die Kritikerin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.05.2024

Rezensentin Judith von Sternburg fühlt sich enorm inspiriert von Saša Stanišics neuem Buch, das eine Vielzahl "interessanter" Gedanken verspricht, wie sie schreibt. Auch wenn das Buch nicht als Roman erscheint, ist es "der Reihe nach" zu lesen, rät die Kritikerin, wenngleich die einzelnen Kapitel mit ihren wechselnden Protagonistinnen und Protagonisten zum Kreuz- und Querlesen einladen. Doch das Ganze, betont von Sternburg, ergibt sich durch die Chronologie. Es sind eben keine willkürlich zusammen gewürfelten Geschichten, die Stanišic hier, je für sich, erzählt - über einen Vater, der es zu großen Erfolgen im Pokémon Go gebracht hat, über eine Putzkraft, die ihrer Arbeitgeberin einen Streich spielt, über eine alte Dame am Friedhof oder ein paar Jungen, die sich unterhalten. Es ist ein komplexes, virtuos komponiertes Spiel, mit viel Witz und literarischer Courage, ein Spiel, das ein wenig unheimlich wirken könnte, wäre da nicht die große Zuneigung des Autors zu seinen flunkernden, träumenden, spielenden Figuren. Ein besinnliches, und doch aufregendes, gleichermaßen lässiges und skurriles Buch, voll von tieferer Wahrheit, schließt die begeisterte Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2024

Der neue Erzählband von Sasa Stanisic mit dem langen Titel ist genremäßig schwer ein-, dem mittlerweile gestandenen Autor und seinem unverkennbaren Ton aber leicht zuzuordnen, findet Rezensent Jan Wiele. In den darin enthaltenen Geschichten werden, ausgehend von einer neunziger Jahre-Kindheit im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund, einem "Brennpunkt", in dem viele Migrant:innen leben, verschiedene Vergangenheiten und Zukünfte durchgespielt. Dabei vermischen sich, getragen durch eine, so der Rezensent, kunstvolle Erzählstruktur, Fakt und Fiktion, Erinnerung und Fantasie: etwa wenn von einem erfundenen Sommer auf Helgoland erzählt wird, oder erkennbar romantisiert von der Heine-Lektüre im Heidelberger Wald. Wie auch in früheren Veröffentlichungen setze Stanišić auf einen dem Jugendbuch nahen Erzählton und viele Pointen; einige Texte allerdings wachsen darüber, so Wieler, weit hinaus. Und so, urteilt der Rezensent, gelingt es Stanisic mit diesem Buch aufs Neue, zu überraschen.
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