Aus dem Englischen von Giovanni Bandini. Colm Toibin erzählt mit einmaliger Empathie das Leben von Thomas Mann als Roman. Von der Kindheit in Lübeck bis zur Heirat in München, von der Gegnerschaft gegen die Nazis bis zum amerikanischen Exil. Wie viele Gesichter hatte der weltberühmte Autor und Familienvater, der sein Gefühlsleben verborgen hielt, zerrissen zwischen homosexuellem Begehren und familiärem Pflichtgefühl, zwischen der Wonne der Bürgerlichkeit und der künstlerischen Askese?
Rezensent Adam Soboczynski rät allen jenen zur Lektüre dieses Buches, die sich wenig mit Thomas Mann auskennen. Alle anderen werden wenig Neues erfahren, fährt der Kritiker fort, für den das aber gar kein Nachteil ist. Denn im Grunde hat Colm Toibin die erste umfassende Thomas-Mann-Biografie geschrieben, staunt Soboczynski: So nüchtern, präzise und entsprechend wenig literarisch folgt der irische Schriftsteller den Lebensstationen Manns, dass der Rezensent nach der Lektüre noch einmal bestens Bescheid weiß über homosexuelle Affären oder Manns Auseinandersetzung mit den Nazis. Dass Familie und Werk kaum behandelt werden und auch die psychologische Perspektive im Roman zu kurz kommt, stört den Rezensenten nicht besonders.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2021
Rezensent Kai Sina staunt über die Naivität von Colm Toibins Versuch zu einer Romanbiografie über Thomas Mann - als gäbe es nicht schon massenhaft Vergleichbares. Leider überzeugt ihn das Buch weder als Roman (zu bieder) noch als Lebensbericht (zu selektiv). Richtig ärgerlich findet Sina Toibins Konzentration auf Thomas Manns Homosexualität als Grundmovens seines Schaffens. Alles, was nicht ins Bild passt, der politische Mann sowieso, aber auch der Autor der Josephsromane, wird im Buch laut Sina einfach ausgeblendet. Spannend findet der Rezensent die Passagen über Thomas Manns brasilianische Mutter, und auch die ein oder andere Textstelle aus dem Eheleben der Manns scheint ihm aufschlussreich, vorausgesetzt der Leser kennt sich mit dem erzählenden Werk aus.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.09.2021
Gerade weil sie Colm Tóibín als einen der "hellsichtigsten" Autoren unserer Zeit so schätzt, ist Rezensentin Catrin Lorch anfänglich etwas enttäuscht von seinem lang geplanten Roman über Thomas Mann. Berichtartig heruntergeschrieben wirke der erste Teil des Romans, in dem die Ereignisse wie auf Wikipedia, so Lorch, bloß aneinandergereiht werden, und auch die Dialoge fallen "hölzern, fast drollig" aus - da sehnt sich die Kritikerin nach der Radikalität und Experimentierfreudigkeit aus Tóibíns früheren Romanen. Auch, dass vielen altbekannten Anekdoten über Mann so viel Platz einräumt werde, irritiert sie. Zum Glück finde Tóibín wenigstens im zweiten Romanteil wieder zu seiner alten Form, atmet Lorch auf: Wie er Mann hier als "doppelbödigen" Starschriftsteller als Botschafter der Demokratie und zugleich als "Botschafter seiner selbst" zeichne, versöhnt die Rezensentin etwas.
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