Eugenische Phantasmen
Eine deutsche Geschichte

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518588147
Gebunden, 390 Seiten, 36,00
EUR
Klappentext
Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2021. Mit zahlreichen Abbildungen. Dieses Buch ist ein Experiment. Es unternimmt den Versuch, eine Geistesgeschichte der geistigen Beeinträchtigung zu schreiben, indem es die Debatten über den Wert behinderten Lebens nachzeichnet, wie sie in den letzten 150 Jahren geführt wurden. Abgrund dieser Epoche war ein schier unvorstellbares Massenmordprojekt, das eine komplexe Vorgeschichte hat und eine erstaunlich lange Nachgeschichte. Die Eugenik zu verlernen, hat sich in Deutschland als ein außerordentlich zäher Prozess erwiesen, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Dagmar Herzog schildert die immer wiederkehrenden Konflikte über die Deutung von Fakten und die daraus zu ziehenden praktischen Konsequenzen. In diesen sowohl politisch als auch emotional hoch aufgeladenen Auseinandersetzungen vermischten sich Konzepte aus Medizin und Pädagogik mit religiös-theologischen Vorstellungen, aber auch mit solchen über Arbeit und Sexualität, menschliche Verwundbarkeit und wechselseitige Abhängigkeit. Wie soll man über die Mitbürger mit den unterschiedlichsten kognitiven Beeinträchtigungen und psychiatrischen Diagnosen denken und fühlen? Wie mit ihnen umgehen? Indem die Deutschen über diese Fragen stritten, rangen sie stets auch um ihr Selbstverständnis als Nation.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 14.09.2024
Ein wichtiges Buch, das schwer zu ertragen ist, hat Dagmar Herzog laut Rezensentin Regina Schidel geschrieben. Es widmet sich, erfahren wir, der Geschichte der deutschen Eugenik, wobei die systematischen Morde der Nationalsozialisten zwar im Zentrum der Argumentation stehen, jedoch nicht das alleinige Thema sind. Stattdessen zeichnet Herzog Schidel zufolge nach, wie bereits Ende des 19. Jahrhunderts menschliches Leben unter dem Aspekt der Nützlichkeit betrachtet wurde, weshalb Forderungen, unter anderem von Karl Binding und Alfred Hoche vorgebracht, nach Tötung vermeintlich unwerten Lebens in der Bevölkerung auf breiten Rückhalt stießen. Was die Behindertenmorde der Nazis angeht, wird im Buch, legt die Rezensentin dar, unter anderem die wenig erfreuliche Rolle der Kirchen thematisiert. Auch die äußerst schleppende Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen findet im Buch Erwähnung, heißt es weiter, wobei Schidel der Ansicht ist, dass Herzog noch zu gnädig mit unserer Gegenwart ist. Der Autorin zufolge hat die Gesellschaft einiges gelernt im Umgang mit Behinderung. Die ansonsten von dem Buch sehr angetane Rezensentin hingegen verweist auf nach wie vor grassierende Behindertenfeindlichkeit, unter anderem mit Blick auf selektive Schwangerschaftsabbrüche.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.08.2024
Rezensent Johann Hinrich Claussen ist beeindruckt von Dagmar Herzogs Sachbuch. Darin geht die US-amerikanische Historikerin der Geschichte des NS-Terrors gegen Menschen mit Behinderung nach und leistet, so der Rezensent, einen Anfang zu einer bis heute fehlenden Aufarbeitung. Herzog setzt bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an und stellt den ambivalent zu bewertenden Umgang mit Menschen mit Behinderung in der Heil- und Sonderpädagogik, der Psychiatrie und besonders der konfessionellen Wohlfahrtspflege dar. Sie zeigt laut Claussen, wie besonders protestantische Träger nach dem Ersten Weltkrieg Debatten um die Rechtmäßigkeit von Sterilisationen zuließen und, als 1940 die Ermordung von Menschen mit Behinderung begann, diese nicht ausreichend schützten. Später trug, wie der Rezensent resümiert, die Arbeit von teils selbst betroffenen AktivistIinnen zur Aufarbeitung bei. Claussen lobt Herzogs Darstellung für ihre Eindringlichkeit und die intensiven Recherchen, die ihr zugrunde liegen. Das von Ulrike Bischoff ins Deutsche übersetzte Sachbuch kann er sehr empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2024
Rezensentin Marianne Lieder erkennt, dass dieses Buch der Historikerin Dagmar Herzog zumindest gegen Ende, wenn die Autorin KämpferInnen gegen die Entmenschlichung und Behindertenfeindlichkeit wie Gisela Bock und Ernst Klee würdigt, nicht frei von Pathos ist. Damit kann Lieder aber leben, bietet ihr der Band als Ganzes doch eine "vielschichtige Studie" über die "moralisch-politische Destabilisierung", die dem Begriff des "lebensunwerten Lebens" erst den Weg ebnete. Laut Lieder behandelt Herzog sowohl den Beginn der karikativen Einrichtungen um 1870 wie die Biopolitik namhafter Christen vor 1933 und die Inklusionsforderungen von heute. Die Eugenik der Nazis behandelt sie eher knapp, so Lieder, umso genauer schaut sie auf die Folgen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.07.2024
Mit großem Interesse liest Rezensentin Gesa Ufer Dagmar Herzogs Buch über die Verbreitung der Lehre der Eugenik in Deutschland. Diese habe schon lange vor den Nazis behinderten Menschen das Recht auf ein gleichberechtigtes Leben abgesprochen, erklärt Ufer. Besonders evangelische Einrichtungen machten sich eifrig an die Zwangssterilisation. Das NS-Regime verübte schließlich einen Massenmord an 300.000 Behinderten. Doch auch noch lange nach 1945 galt behindertes Leben in Deutschland in den Augen der Mehrheitsgesellschaft als "minderwertig", die Aufarbeitung der Verbrechen kam nur schleppend voran, lesen wir. Heute sei Teilhabe von Behinderten am gesellschaftlichen Leben fortgeschritten, es bleibt allerdings noch viel zu tun, macht Herzig in ihrem "glänzend recherchierten" Buch deutlich, schließt die beeindruckte Kritikerin.