Der Diskurs der Philosophie

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518588116
Gebunden, 352 Seiten, 34,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Herausgegeben von Orazio Irrera und Daniele Lorenzini unter der Leitung von François Ewald. Was ist Philosophie? Und welche Rolle spielt sie in der Gegenwartsgesellschaft? Zwischen Juli und Oktober 1966, einige Monate nachdem er durch das Erscheinen von "Die Ordnung der Dinge" schlagartig zum neuen Star der Philosophie aufgestiegen war, gab Michel Foucault in einem sorgfältig durchkomponierten Manuskript seine Antwort auf diese bis heute viel diskutierten Fragen. Im Gegensatz zu denjenigen, die entweder das Wesen der Philosophie enthüllen oder sie gleich für tot erklären wollen, begreift Foucault sie als einen Diskurs, dessen Ökonomie im Vergleich mit anderen Diskursen - wissenschaftlichen, literarischen, alltäglichen, religiösen - herausgearbeitet werden muss. Der Diskurs der Philosophie schlägt somit eine neue Art und Weise der Philosophiegeschichtsschreibung vor, die von der reinen Kommentierung der großen Denker wegführt. Nietzsche nimmt allerdings einen besonderen Platz ein, da er eine neue Epoche einleitet, in der die Philosophie zur Gegenwartsdiagnose wird: Von nun an ist es ihre Aufgabe, einer Gesellschaft zu erklären, was ihr Zeitalter ausmacht.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 27.09.2024
Otfried Höffe, Emeritus der Uni Tübingen, nimmt sich Michel Foucaults erst vergangenes Jahr erschienenen, nun "sorgfältig" ediert auf Deutsch vorliegenden Essay vor und stellt fest: Foucault geht es um die grundsätzliche Frage, was Philosophie sei. Dass sich der Autor bei der Beantwortung auf die Fundamentalphilosphie konzentriert und angewandte Philosophien außen vor lässt, erkennt Höffe ebenso wie ihm Foucaults Verständnis des Philosophen als Exeget nicht entgeht. Dabei, so Höffe, erweist sich der Autor als Kenner der neuzeitlichen Philosophie. Schade, dass Platon und Aristoteles kaum vorkommen, findet Höffe, den hier Zweifel am diskursiven Charakter der Arbeit beschleichen. Kant allerdings stellt Foucault laut Rezensent prominent aus als "Gravitationspunkt der abendländischen Philosophie".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.09.2024
Angeregt bespricht Rezensent Cord Riechelmann Michel Foucaults Schrift, die der Philosoph ursprünglich im Jahr 1966 verfasst hat. Foucault will in diesem Text, meint Riechelmann, die Voraussetzungen erörtern, unter denen er selbst als Philosoph tätig werden kann. Als entscheidend identifiziert Riechelmann nach der Lektüre dabei das Problem des philosophischen Ichs. Denn während, erläutert er mit Foucault, Wissenschaftler und Literaten auf ein Ich verzichten und sich stattdessen an ein methodisches Korsett, respektive die Freiheiten der Fiktion halten können, wird der Philosoph auf sein eigenes Ich zurückgeworfen, steht gewissermaßen für seinen Blick auf seine Gegenwart mit dem eigenen Leben ein. In diesem Sinne ist dieser Text für den beeindruckten Rezensenten die Grundlage der folgenden Untersuchungen Foucaults zu Themen wie Macht und Sexualität.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 06.07.2024
Ein wichtiges Zwischenglied im intellektuellen Schaffen Michel Foucaults macht diese posthume Veröffentlichung zugänglich, freut sich Rezensent Martin Saar. Der französische Philosophie hatte die Schrift ursprünglich 1966 verfasst, aber nicht der Öffentlichkeit zugemacht, erfahren wir. Der Text beschäftigt sich laut Saar mit der Frage, wie sich die Philosophie, von der Foucault zufolge erst seit dem 17. Jahrhundert im modernen Begriffsgebrauch die Rede sein kann, seit der Zeit Nietzsches verändert. Und zwar wird ihr Anspruch, Wege zu gesichertem Wissen zu weisen, inzwischen in Frage gestellt, nicht nur von der Philosophie, sondern etwa auch von der Linguistik, liest Saar. Das verweist zwar auf Foucaults eigene Schreibposition Mitte der 1960er, erkennt Saar, der gleichwohl anmerkt, dass die Hauptthese vielleicht nicht gar so interessant ist. Relevanter findet der Rezensent Passagen, die sich dem Verhältnis von Philosophie und ihrer jeweiligen Gegenwart, oder auch das "Diskurs-Archivs" (Zitat Foucault), also der Verfügbarkeit vergangenen Wissens widmen. Insgesamt jedenfalls ein zwar etwas spröde gehaltener, aber durchaus auch heute noch relevanter Text, schließt Saar.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 06.07.2024
Für den Rezensenten Eckart Goebel gibt es keinen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung von Michel Foucaults Buch von1966 aus dem Nachlass. Da ist einmal der Wert des Bandes für die Foucault-Gemeinde, die hier, laut Rezensent glänzend kommentiert, den theoretischen Hintergrund für Foucaults späteres Werk nachlesen und feststellen kann, dass Foucaults Arbeit tatsächlich stets eine philosophische war. Zum anderen aber bietet das Buch mit seinem philosophiehistorischen Abriss für Goebel auch eine Skizze des Philosophen als Diskursräuber und Figur des "Ich-Jetzt-Hier". Und hier, indem er eine Theorie des Aktivismus bietet, reicht der Band direkt in unsere Gegenwart, stellt der Rezensent so verblüfft wie erfreut fest.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.06.2024
Rezensent Helmut Mauró wirkt zunächst doppelt skeptisch gegenüber dem neu entdeckten Text von Michel Foucault. Erstens in Bezug darauf, ob es sich wirklich um ein Manuskript für ein geplantes ganzes Buch des Philosophen handelt, wie die Herausgebenden - eher wohlwollend, wie Mauró vermittelt - aus einer vagen brieflichen Äußerung Foucaults ableiten. Und zweitens, ob in diesem Manuskript wirklich so viel neues im Vergleich zu den altbekannten Werken des Denkers steckt. So gehe es, ausgehend von der Frage nach Sinn und Zweck von Philosophie, zunächst auch etwas ziellos und deprimierend zu, vermittelt der Kritiker: So habe seit der Antike das Ansehen und die zugestandene Aussagekraft der Philosophie eigentlich nur abgenommen, vom Seher sei der Philosoph erst zum Heiler, dann zum Arzt und schließlich nur noch zum "Famulus" geworden, wie Foucault über Nietzsche und Descartes nachzeichne - bis er schließlich dabei zu landen droht, dass es möglicherweise überhaupt keine Bedeutung in der Welt, sondern nur eine zu beschreibende "objektive Wahrheit" gebe, so Mauró erschrocken. Dass er dann mit Wittgenstein doch noch "die Kurve kriegt", lässt den Kritiker dann überraschend doch an das Buchvorhaben glauben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.06.2024
Mit "Der Diskurs der Philosophie" ist posthum ein im Jahr 1966 verfasstes Manuskript des Philosophen Michel Foucault erschienen, das dem Rezensenten Guido Kalberer zufolge vor allem aus einem Grund lesenswert ist, am akademischen Bedeutungsverlust des Philosophen jedoch nichts ändern wird. In dem schmalen Band wird, so Kalberer, Foucaults aus seinen Hauptwerken bekannte diskursanalytische und archäologische Methode auf die Philosophie selbst angewendet. Foucault untersucht die historische Entstehungsweise philosophischer Denkweisen und unterscheidet sie vom wissenschaftlichen, literarischen und religiösen Diskurs. Diese Einteilung wirkt auf den Rezensenten allzu rigide und schubladenartig. Nicht zuletzt aufgrund der zentralen Rolle, die Foucault Nietzsche, dessen aphoristisches, pluralistisches Denken die Grenzen der Disziplinen unterlaufe, zuspricht, kann Kalberer das von Andrea Hemminger übersetzte Manuskript dennoch allen Interessierten empfehlen.