Über Palästina

Piper Verlag, München 2024
ISBN
9783492073196
Pappband, 272 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Mike Hiegemann und herausgegeben von Thomas Meyer. "Über Palästina" vereint zwei neu entdeckte, bisher unbekannte Texte von und mit Hannah Arendt. Der Aufsatz "American Foreign Policy and Palestine" wurde 1944 von Arendt vor der Staatsgründung Israels verfasst und erst jetzt in einem Archiv gefunden. 14 Jahre später ist sie Mitglied eines Experten-Rats, der in dem Bericht "The Palestine Refugee Problem" eine Lösung für die Situation der Geflüchteten im Nahen Osten formulierte. Diese beiden außergewöhnlichen Fundstücke belegen eindrücklich Arendts lebenslanges Ringen um einen Frieden in Israel und Palästina.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2024
Gäbe es ein "Museum der verpassten Gelegenheiten", dieses Buch wäre ein äußerst passender Grundstock, findet der Philosoph und Rezensent Dieter Thomä. Er informiert zuerst über Herkunft der Texte und Hannah Arendts Anteil daran. Dann legt er dar, wie die Texte Fragen zum Konflikt behandeln, die uns bis heute beschäftigen. Arendts Text von 1944 beschreibt er als eine etwas idealistische Einschätzung der amerikanischen Außenpolitik, aber er enthält für Thomä auch einige Kassandrarufe: Dass der Nahe Osten zum Pulverfass wird, sagt Arendt schon hier voraus.Bei dem Text von 1958 hat Arendt nur als Koautorin mitgewirkt. Besonders bemerkenswert scheinen Thomä hier gerade die Fragen, die als "irrelvant" ausgekklammert werden. Und das sind ausgerechnet die Fragen nach den historischen ansprüchen der Araber und der Israelis, die den Konflikt bis heute vergiften. Sie auszuklammern, so Thomä, wäre vielleicht auch ein Weg zum Frieden.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 13.08.2024
Georg Beck staunt nicht schlecht über den von Thomas Meyer herausgegebenen Band mit zwei kurzen, lange nicht mehr veröffentlichten Texten von Hannah Arendt. Die aus den 1940er Jahren stammenden Texte zum Nahost-Konflikt sind für Beck relevant nicht so sehr aufgrund von konkreten Vorschlägen, sondern wegen des "unideologischen Ansatzes". Ohne Blick auf die "Schuldfrage" diskutiert Arendt hier laut Beck US-Interessen in der Region und sucht nach einer praktischen Lösung. Arendts "kritischer Zionismus" ist die eigentliche Wiederentdeckung an diesem Band, findet der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 08.07.2024
Zwei Texte Hannah Arendts über Palästina enthält dieser Band, aber sie entstammen, so Rezensent Magnus Klaue, sehr unterschiedlichen historischen Momenten. Der erste der beiden, "Amerikanische Außenpolitik und Palästina", entstand 1944, also vor der Gründung Israels, der zweite, "Das Palästinensische Flüchtlingsproblem", wurde im Jahr 1958 unter dem Eindruck des Kalten Kriegs verfasst. Einige Passagen des zweiten Texts lesen sich aktuell, konzediert Klaue, etwa wenn es um den israelischen Widerstand gegen ein pauschales Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge geht, was einem Ende des Staates Israels gleichkommen würde. Der arabische Antisemitismus allerdings spielt, darauf weist Klaue hin, bei Arendt keine Rolle, auch das ist vor allem dem ursprünglichen Erscheinungsdatum geschuldet. Der erste Text wiederum verweist Klaue zufolge insbesondere auf Arendts Skepsis in Bezug auf bürgerlich-nationalistische Strömungen, eine Haltung, die später auch ihre kritische Haltung dem Zionismus gegenüber prägte. Insgesamt überzeugt die Veröffentlichung den Rezensenten nicht. Als Nahost-Expertin, meint Klaue, wird Arendt mancherorts überschätzt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2024
Vielleicht nicht durchgängig eine weltbewegende Sensation, aber dennoch lesenswert findet Rezensent Konstantin Sakkas diesen neu herausgegebenen Band mit bislang unveröffentlichten Texten Hannah Arendts. "Das Flüchtingsproblem" ist als Gemeinschaftsarbeit entstanden und fordert eine Repatriierung der 1948 vertriebenen Palästinenser sowie eine "Uno-Repatriierungsbehörde", Sakkas möchte sich da nicht anschließen, auch weil der Text eine Antwort auf die Frage, was das für Israel bedeuten würde, ausspart. Eher "Sensationscharakter" hat für ihn der Text, den Arendt 1944 verfasst hat: Sie macht darin aufmerksam auf die Gefahren im Nahen Osten, auch weil fast alle europäischen Länder das Judentum für ihre Interessen einspannen würden. Zwei Texte, die auch nach mehreren Jahrzehnten noch mit Gewinn gelesen werden können, resümiert der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.06.2024
Rezensentin Nele Pollatschek beugt sich tief über den von Thomas Meyer herausgegebenen Band mit einem 16 Seiten langen Artikel von Hannah Arendt aus 1944 und einem weiteren rund 250 Seiten langen Text von 1958, für den Arendt zum ersten und einzigen Mal mit anderen Autoren zusammengearbeitet hat. In beiden Texte geht es laut Polatschek um die Palästina-Frage und mit beiden lässt sich staunen und etwas lernen, meint die Rezensentin. Wie Arendt "mit eiskaltem Humanismus" gegen eine US-Intervention im Namen Israels argumentiert, scheint Polatschek lesenswert. Der zweite Text, der sich der Flüchtlingsproblematik widmet, erscheint ihr schon deswegen sensationell, weil er mit Arendt noch nie in Verbindung gebracht wurde. Vor allem aber bietet er "inspirierende" Lösungsansätze für ein nach wie vor brennendes Problem, findet Polatschek.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 27.06.2024
Fasziniert nimmt Alexander Cammann diese beiden Texte der großen politischen Denkerin über bis heute brennende Fragen zur Kenntnis, auch wenn der eine - geschrieben kurz vor Kriegsende - zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht blieb und der zweite - aus den späten Fünfzigern - nicht von ihr allein verfasst wurde. In beiden Texten fällt Cammann die berühmte nüchterne Kälte Arendts auf, die aber zugleich scharfe und voraussehende Analysen ermöglichte. Interessant findet er im ersten Text ihre Idee eine "Mittelmeer-Föderation", von der sie hoffte, dass sie arabischen Hass abfedern könnte. Der zweite Text ist ein Memorandum von Experten, besonders auch zur Flüchtlingsfrage. Wie groß der Anteil Arendts ist, lässt sich nicht exakt ermessen, so der Rezesent. Aber auch hier der Versuch, "die Emotionen möglichst zu ignorieren", um so zu einer vernünftigen, für alle Seiten gangbaren Lösung zu kommen. Gerade im aktuellen Kontext eine dringende Lektüre, so der Rezensent.