Ernest Borneman, Jungkommunist mit jüdischem Familienhintergrund, emigrierte 1933, sechs Wochen vor dem Abitur, nach London. Sein Geld verdiente er durch Jobs in der Filmbranche, als Journalist und Schriftsteller. Während des Krieges wurde er als "feindlicher Ausländer" inhaftiert und in Kanada interniert. Dort arbeitete er ab 1941 für das National Film Board und drehte eine Reihe von Dokumentarfilmen, darunter Propagandafilme gegen das "Dritte Reich". Gleichzeitig stieg er zu einem einflussreichen Jazzkritiker auf, der nach Kriegsende unter anderem als Kolumnist des legendären Melody Maker arbeitete. Seit den späten sechziger Jahren wurde Borneman zu einem der prominentesten Sexualwissenschaftler im deutschen Sprachraum, der die Idee der "Sexuellen Revolution" propagierte und damit Zustimmung ebenso wie Widerspruch erntete. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine Bücher ("Das Patriarchat" 1975) und zahlreiche Auftritte im deutschen und österreichischen Fernsehen. Mit seinen Themen Jazz, Film und Sex bewegte sich Borneman auf Feldern, an denen die spezifischen Sinneswahrnehmungen der Moderne des 20. Jahrhunderts und die um sie entstehenden Deutungskonflikte deutlich sichtbar werden. Detlef Siegfried zeichnet Bornemans bewegtes Leben nach und stellt sein Wirken aus sinnesgeschichtlicher Perspektive dar.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2015
Stephan Wackwitz scheint das Vermächtnis des Sexualwissenschaftlers Ernest Bornemann in vielerlei Hinsicht wichtig. Drum freut er sich, mit der Biografie des Historikers Detlef Siegfried eine ebenso trennscharfe, die biografischen Illusionen von der intellektuellen Brillanz Bornemanns scheidende, wie informative und gut geschriebene Arbeit in Händen zu halten. Das Buch bringt ihm die Widersprüche der Figur, seine Rolle bei der sexuellen und intellektuellen Befreiung der Gesellschaft seit den sechziger Jahren und sein utopistisches Denken in Erinnerung, indem es Bornemanns vielfältiges Werk nach Gruppen strukturiert nachvollzieht, wie Wackwitz mitteilt. Auch wenn Bornemann schon zu Lebzeiten historisch geworden war, wie der Rezensent weiß, mit diesem Buch scheint er noch einmal ganz lebendig zu werden.
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