Ausblicke vom Fesselballon
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN
9783103977325
Gebunden, 240 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts: Lothar Bremer, Lehrer an einem Gymnasium in Hürth bei Köln, steckt fest in seinem Leben: Die Arbeit zermürbt ihn, seine Ehe zeigt Abnutzungserscheinungen, die Tochter scheint unerreichbar. Lothar will ausbrechen, unternimmt Streifzüge durch Köln, reist nach Holland ins Ferienhaus eines Freundes, geht intellektuellen Projekten nach, sucht Affären. Lebenslust und Enttäuschungen liegen dabei eng beieinander - erfährt er nur im Scheitern sich selbst?
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2025
Rezensent Rainer Moritz schleppt sich ein bisschen, so scheint es, durch Dieter Kühns Nachlassroman, sein letzter, der während einer Krebserkrankung entstand, weiß Moritz. Es geht darin (mit auffallenden Parallelen zu einem frühen Kühn-Roman) um Lothar Bremer, einen ca. 40-jährigen Deutsch- und Geschichtslehrer, der mit allem hadert: berufliche "Zwangsversetzung" nach Fürth, eine lauwarme Ehe, der eigene Blick auf andere Frauen, den der Intellekt als "machistisches Taxieren" erkennt; und alle Ausbruchsversuche (wissenschaftliche Fachartikel, Affären) scheitern irgendwie. Angesiedelt sei das alles in einer beklemmenden, gar nicht sehnsuchtsbesetzten 80er-Jahre-Welt, die mit der entsprechenden Ausstattung und in einem "spröden, bisweilen drögen" Ton und Nominalstil zwar authentisch, aber ziemlich spaßfrei eingefangen sei, muss Moritz festhalten; hinzu käme eine kühle Distanz zu diesen (Männer-)Figuren, über denen die Unzufriedenheit "wie Mehltau" liege. Lesefreude bereitet das dem Kritiker nicht gerade; Anerkennung zeigt er dennoch für Kühns Aufspüren der Verbindungen, die sich von dieser Zeit zu unserer Gegenwart herstellen lassen: die Umweltthematik, die mangelnde NS-Aufbereitung, ein schwindender Zukunftsmut. Ein durchdachter, aber wenig ansprechender Roman, vermittelt Moritz.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 16.07.2025
Schöner Nachruf! Rezensent Wolfgang Schneider verneigt sich vor Dieter Kühns letztem Roman und erklärt das posthum erschienene Werk zur würdigen Wiederbegegnung mit einem "starken, eigenwilligen Autor". Auch wenn die Handlung eher lose bleibt, stört das Schneider kaum. Denn zu sehr überzeugt ihn Kühns Fähigkeit, selbst das Alltägliche zum atmosphärischen Ereignis zu machen. Kühns Held ist ein in seinem drögen Alltag gefangener Lehrer, der den Ausbruch wagt, herumreist, wilde Affären hat - am Ende geht das alles nicht gut aus, verrät uns Schneider. Der Roman entfaltet einen erzählerischen Mikrokosmos der 1980er Jahre (Anti-AKW-Demos, Startbahn West, Frauenemanzipation), durchzogen von stillen Brüchen, gesellschaftlicher Reibung und einem wachen Blick für das Scheitern. Dass Kühns dokumentarischer Zugriff auch im Spätwerk noch mit sprachlicher Eleganz und scharfem Gespür für Zwischentöne zusammenspielt, beeindruckt den Rezensenten. Trotz fehlender "Zeit zum Ausbreiten" gelinge dem Autor ein stilistisch nuancierter Abschied. Schneider lobt das Buch als Einladung zur Wiederentdeckung eines Autors, der das Erzählen nie als bloße Pose verstand, sondern als feinsinniges Nachspüren von Zeit, Mensch und Moment.