Christian Baron

Drei Schwestern

Roman
Cover: Drei Schwestern
Claassen Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783546100700
Gebunden, 349 Seiten, 24 EUR

Klappentext

Unterschiedlicher könnten Mira, Juli und Ella kaum sein - und doch sind sie geeint in ihrer Sehnsucht nach jener großen Freiheit, die im Westdeutschland der Achtzigerjahre ein süßes Versprechen war.  Mira ist sechzehn, da erleidet sie eine Totgeburt. Der Vater des Kindes ist fort, doch tröstet sie der schillernde Nachbarsjunge Ottes. Sie will ausbrechen aus den Zwängen des proletarischen Elternhauses, politisiert sich und träumt vom Dasein als Dichterin. Juli, die jüngste Schwester, beschützt und bevormundet Mira, die sich nicht abhängig machen soll von einem Mann. Erst recht nicht von Ottes, dem Juli nichts Gutes zutraut. Darüber vergisst sie jedoch, den eigenen Weg zu finden. Die große Schwester Ella hat einen sozialen Aufstieg durch Heirat hinter sich und wird durch die Probleme der Jüngeren in die Muster ihrer Vergangenheit katapultiert. Muss es Mira und Juli nicht gelingen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wo doch scheinbar alles möglich ist? 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.08.2025

Rezensentin Wiebke Porombka lobt den Realismus von Christian Barons Schilderungen dreier Schwestern aus Kaiserslautern, die aus ihrem Milieu herauswollen, was aber noch nicht ganz glücken mag und einen faszinierenden Sog entwickelt. Mira bekommt in den 1980ern ein Kind, das aber bei der Geburt stirbt, dann zieht sie nach Berlin, will das Studenten- und WG-Leben kennenlernen, kehrt aber schnell ernüchtert nach Kaiserslautern zurück. Die älteste Schwester Ella versucht, durch Heirat ihrer Herkunft zu entkommen, Juli, die jüngste, hat den Weg noch vor sich, sich als Schulabbrecherin durchzuschlagen. Porombka kann durchaus nachvollziehen, dass Barons Bücher mit denen von Didier Eribon oder Edouard Louis verglichen werden und lobt, dass diese Geschichte nicht als eine des Scheiterns, sondern der Resilienz erzählt wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.08.2025

Rezensent David Hinzmann lernt von Christian Barons neuem Roman, dass der Versuch, AfD-Wahlergebnisse zu erklären, oftmals der Abwehrreflex eines linksliberalen Bürgertums ist, das mit dem Proletariat, für das es sich einzusetzen vorgibt, eigentlich kaum was zu tun haben will. Das merkt auch seine Protagonistin Mira, eine von drei Schwestern, die der Mutter des Autors nachempfunden ist. Sie will dem von Alkohol und Gewalt geprägten Herkunftsmilieu in Kaiserslautern entkommen, stößt aber in Westberlin auf laute pseudooffene WG-Mitbewohner, die sich lieber dem Hedonismus hingeben, so Hinzmann. Dass mittlerweile auch Baron eher zum Bildungsmilieu gehört, merkt der Kritiker seinen Anspielungen beispielsweise auf Tschechow an. Dennoch ist er froh, dass der Autor insgesamt nahe an der Lebensrealität der Arbeiter bleibt, ohne in den "Trauma-Porno" abzurutschen, wie er schließt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2025

Rezensentin Elke Heidenreich schätzt Christian Baron als Autor sehr, wie sie uns zum Anfang ihrer Kritik darlegt. Gerade wegen der poetischen Wucht und Wut seiner ersten beiden Romane über das prekarisierte Leben in Kaiserslautern. Umso bedauerlicher findet sie es, dass der abschließende Teil seiner Trilogie "teilweise misslungen" sei. Zwar gelingen ihm weiterhin starke poetische Bilder", doch der übertriebene Bildungsanspruch seiner Figuren wirkt laut Heidenreich "konstruiert". Wenn die jüngste Schwester nach einer Totgeburt oder proletarische Großmütter plötzlich Stendhal, Sylvia Plath oder Simone de Beauvoir zitieren, fühle sich das eher nach "bildungshuberischer" Aufladung an als nach glaubwürdiger Charakterzeichnung, vor allem, wenn die titelgebenden Schwestern im Teneriffa-Urlaub auf einmal das intellektuelle Paar Thomas und Katia treffen, seufzt die Kritikerin. Auch formal schwächelt das Buch: Die titelgebenden drei Schwestern stehen nicht gleichberechtigt im Zentrum, vielmehr wird das Schicksal von Mira erzählt, die sich mühsam aus ihrem Milieu herauskämpft. "Ein gutes Leben" wolle sie - doch Barons Rezept bleibt dürftig. Dass sich sein Zorn zum Ende hin in schrille Begriffe und platte Figurenkarikaturen verliert, enttäuscht die Rezensentin spürbar. 

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