Das Beschwören guter alter Zeiten ist unwiderstehlich, weil es von nichts anderem handelt als der eigenen Gegenwart. Der verklärte Rückblick erzeugt im Jetzt starke Gefühle, und die sind ansteckend. Nostalgie, Kränkung und Zukunftsangst schaffen Erregungsgemeinschaften, in denen sich Bedrohung und Verlustangst mit dem Vergnügen am Klagen mischen. Das macht sie verführerisch, es ist großes Kino - und alles echt, weil man es ja selbst fühlt.Woher kommen die Slogans, Bilder und Drehbücher für solche Affekte? Valentin Groebner geht auf private Forschungsreise in die 1980er Jahre und ihr langes Nachleben: zu ratlosen Kämpfern, zu strengen Predigern und zu den Hauptdarstellern fremder Leiden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2024
Rezensentin Marianna Lieder hat Valentin Groebners Langessay "Gefühlskino" mit Interesse gelesen. Darin analysiert der Luzerner Mediävist ambivalente Emotionen, die so unwiderstehlich wie unbefriedigend sind und gerade daraus gesellschaftliche Macht beziehen - wie Nostalgie, Opferstolz oder Weltuntergangsstimmung. Was passiert, wenn diese affektiven Regime zu psychosozialen Leitprinzipien und politischen Ressourcen werden, zeigt Groebner der Rezensentin zufolge treffend. Abgesehen vom ersten Kapitel, in dem der Autor seine eigene linksmilitante politische Vergangenheit im Deutschland der 80er Jahre kritisch und uneitel in den Blick nimmt, vermisst Lieder jedoch die gedankliche Prägnanz und essayistische Spannung, die Groebners frühere Untersuchungen - auch sie Zusammenstellungen aus autobiographischem Material, Gegenwartsbeobachtung und kulturgeschichtlicher Analyse - prägte. Trotz der rhetorischen Überfülle, durch die sich das sieben Kapitel starke Buch auszeichne, schätzt Lieder es jedoch als lesenswerte Auseinandersetzung mit der Gegenwart.
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