Herausgeben von Dmitri Sollertinski und Ljudmila Kownazkaja. Aus dem Russischen von Ursula Keller. Schostakowitsch ohne Maske. Nirgends zeigt der sowjetische Komponist sich so unverstellt wie in den Briefen an seinen besten Freund Iwan Sollertinski, den klügsten Musikwissenschaftler Russlands. Kennengelernt hatten sie sich in Sankt Petersburg (damals Leningrad), als Schostakowitsch 20 war und Sollertinski 24. Beide klebten sofort aneinander wie die Kletten. Und wenn sie getrennt waren, schrieben sie sich Briefe oder Postkarten. Nur die von Schostakowitsch sind erhalten. Sie geben das Bild zweier brillanter junger Künstler, die sich mit Begeisterung in die aktuellen Auseinandersetzungen stürzen und dabei nicht vergessen, das Leben zu genießen. Auch so intim erleben wir Schostakowitsch sonst nirgends. Ab 1935, mit dem Stalin'schen Terror, verändert sich die Tonlage allmählich. Die beiden sind sich nicht mehr so sicher, dass Können und Argumente sich durchsetzen. Der Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion und die Einkreisung Leningrads durch die Nazitruppen trennt die Freunde: Schostakowitsch wird nach Samara (damals Kuibyschew) evakuiert, Sollertinski nach Nowosibirsk. Ein gutes Ende scheint auf, als Schostakowitsch 1943 nach Moskau zieht und dem Freund eine Professur am Moskauer Konservatorium vermittelt. Doch der durch Kriegsentbehrungen und Mobbing in der Leningrader Philharmonie geschwächte Sollertinski erliegt 1944 mit 41 Jahren einem Herzschlag. Für Schostakowitsch war das eine Katastrophe. Seine Briefe bilden ein Monument für eine große Freundschaft und geben intime Einblicke in die kulturpolitische Entwicklung der Sowjetunion.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2021
Dem Rezensenten Michael Ernst wird der Komponist nicht unbedingt sympathischer beim Lesen des Briefwechsels zwischen Dmitri Schostakowitsch und seinem Freund, dem Musikologen Iwan Sollertinski. Die von Dmitri Sollertinski und Ljudmilla Kownazkaja besorgte Edition findet der Rezensent allerdings gründlich. Respekt nötigen ihm Schostakowitschs ungestüme Reiseberichte und Alltagsschilderungen ab, Enthüllungen bieten sie aber nicht, meint er. Vor allem die Kommentare zu den Briefen aus der Revolutionszeit, der Zeit des Stalinterrors und der Kriegszeit scheinen dem Rezensenten aufschlussreich, machen sie die Angst des Komponisten für ihn doch nachvollziehbar, die die Briefe selber nur streifen.
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