Unten auf der Piazza ist niemand
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN
9783446281233
Gebunden, 976 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Anna Leube. Mit einem Nachwort von Esther Kinsky. Dolores Prato, die große Außenseiterin der italienischen Literatur, war achtzig, als sie das Buch ihres Lebens schrieb: die Geschichte ihrer Kindheit Ende des 19. Jahrhunderts in Treja, einer Kleinstadt in den Marken. Unehelich geboren, wächst sie bei Verwandten auf, fühlt sich ungeliebt und einsam. Sie erzählt von häuslichen und religiösen Ritualen, von Karnevalsbällen bei Adel und Volk, und von magischen Praktiken. Gemälde eines verschwundenen Italiens.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2024
Wie ein Kind in einem kleinen italienischen Ort den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert erlebt, davon erzählt Dolores Pratos umfangreicher Roman, der erst lange nach ihrem Tod in ungekürzter Form und jetzt auch in der "phantastischen" deutschen Übersetzung von Anna Leube erscheinen konnte, berichtet Rezensentin Anna Vollmer. Statt fiktionaler Handlung gibt es auf den rund 1000 Seiten eher Erinnerungen an ein trist wirkendes Leben des Kindes bei Onkel und Tante, die wenig Zuneigung zeigen. Stattdessen muss Dolores viel Zeit alleine verbringen. Man muss ein wenig Geduld aufbringen für diesen Roman und seine ausufernden Schilderungen beispielsweise über die Küchenutensilien, die man damals zum Polenta kochen verwendete, räumt Vollmer ein, aber es lohnt sich, versichert die Rezensentin, die irgendwann ganz eingetaucht zu sein scheint in dieses unspektakuläre, doch genau beobachtete Leben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.11.2024
Rezensent Rainer Moritz ist hin und weg von diesem Buch, das erst nach dem Tod seiner Autorin Dolores Prato vollständig veröffentlicht wurde und nun auf Deutsch vorliegt. Prato erzählt, lernen wir, basierend auf ihrer eigenen Lebensgeschichte von dem Mädchen Dolores, das in Treja, einem Ort in den Marken, als Findelkind aufwächst. Ihre Pflegeeltern werden Onkel und Tante genannt, kümmern sich aber nicht allzu sehr um das Kind, das auf sich alleine gestellt ist und dadurch zu beobachten lernt. Die Erfahrung der Einsamkeit ist sehr wichtig für das Buch, stellt Moritz klar, das Wort "niemand" vor allem ist nicht nur Teil des Titels, sondern auch ein Schlüssel zum Buch, es bezieht sich einerseits auf die Protagonistin, andererseits aber auch auf die sozialen Verhältnisse im Handlungsortes, in dem die Armen Niemande sind. Handlung im engeren Sinne hat das Buch laut Moritz nicht viel, dafür besticht es mit minutiösen Beschreibungen, zum Beispiel davon, wie um das Jahr 1900, Tomatenmark produziert wurde, oder was Katzenklappen mit sozialem Status zu tun haben. Nicht zuletzt ist der Band, findet Moritz, auch ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges, das von Anna Leube auf bewundernswert detaillierte Art ins Deutsche übertragen wurde. Ein rundum großartiges Buch, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 12.10.2024
Eine ausführliche Besprechung widmet Kritikerin Katharina Teutsch dem wiederentdeckten Roman der Italienerin Dolores Prato, die als über Achtzigjährige über ihre Kindheit Ende des 19. Jahrhunderts in den Marken geschrieben hat. Fast uferlos wirken diese beinahe tausend Seiten, die die "religiösen Rituale der vormodernen Gesellschaft" ebenso schildern wie das Aufwachsen der Protagonistin als uneheliches Kind in einer eher kühlen Familie, geprägt vom Katholizismus, aber auch vom 19. Jahrhundert, Teutsch fühlt sich bisweilen an Marcel Proust erinnert. Auch die Übersetzung von Anna Leube findet ihr Lob. Eine einzigartige, lohnenswerte Lektüre, bekundet die begeisterte Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.08.2024
Rezensentin Carolin Gasteiger sieht das Erinnerungsbuch von Dolores Prato in einer Reihe mit Elsa Morante und Sibilla Aleramos. Die Neuauflage des Buches von 1980 in der Übersetzung von Anna Leube findet sie gerechtfertigt. Auch wenn die zum Zeitpunkt der Entstehung 80-jährige Autorin hier keinen Plot bietet und nur wenig Dramaturgie und ihr umfangreicher Text stattdessen ein Erinnerungsreigen des kleinen Mädchens Dolores in den italienischen Marken darstellt, durchaus ermüdend für die Leserin Objekt an Objekt reihend, kann Gasteiger nicht aufhören zu lesen. Die Detailgenauigkeit, mit der Prato ihre Identität sucht und (wieder-)findet, nimmt die Rezensentin gefangen.