Matthes und Seitz, Berlin 2026
ISBN
9783751821261 Gebunden, 304 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Aus dem Italienischen von Christian Leitner. Warum sollte uns das Gespenst der Anarchie nicht erschrecken, sondern befreien? Die renommierte italienische Philosophin Donatella Di Cesare deckt einen jahrhundertealten blinden Fleck auf: Die Demokratie ist mit der Anarchie durch ein unauflösliches Band verbunden. In Zeiten autoritärer Wenden, in denen Demokratie durch Abschottung verteidigt werden soll, blickt sie zurück zu den griechischen Ursprüngen der Polis: "Weder befehlen noch befohlen werden" ist das Siegel der Demokratie, die Fahne der anarchischen Freiheit. Di Cesare zeigt: Die Demokratie entstand durch Einbeziehung der Ausgeschlossenen - Frauen, Fremde, Rechtlose. Bei Äschylus etwa sind es Frauen auf der Flucht, die das Volk zur Selbstbehauptung befähigen. Di Cesare entwirft eine Neulektüre der antiken Quellen. Im Dialog mit Hannah Arendt, Claude Lefort und anderen Denkern der Demokratie nach dem Totalitarismus entwickelt sie die These: Die Anarchie ist das tief verdrängte Element in der monumentalen Geschichte der Demokratie.
Donatella Di Cesare ist eine politische Philosophin, deren Schriften für Rezensent Ralph Gerstenberg immer auch für gegenwärtige Diskussionen erhellend sind: In ihrem neuesten Buch beschäftigt sie sich mit dem Zusammenhang von Demokratie und Anarchie. Es geht mit Begriffsgeschichte los: Anarchie bedeutet zunächst einmal eine Ablehnung der auf Abstammung und Rang basierenden Herrschaftsform der "arché". Die Demokratie richtet sich ebenfalls gegen die etablierte Herrschaftsform, dabei sieht Cesare sie nicht nur als Umsetzung einer Volksherrschaft, sondern als "politischen Raum", in dem Streiten über die Machtform überhaupt möglich wird, lesen wir. Sie begibt sich nun auf eine "Spurensuche", um die gegenseitige Bedingtheit von Anarchie und Demokratie aufzuzeigen, besonders hervorgehoben werde hier die Rolle der Frauen in der Antike. Wo allgemeinhin behauptet wird, Frauen hätten in der griechischen Polis nichts zu sagen gehabt, widerspricht die Autorin, indem sie die indirekte Einflussnahme von Frauen auf die Männer in der Familie offenlegt. Mit Bezügen auf Nietzsche, Heidegger, Aristophanes und Aischylos zeigt Di Cesare für den Kritiker, wie wichtig "anarchische Offenheit" für demokratische Gesellschaften ist, auch und gerade heute.
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