Durs Grünbein

Erklärte Nacht

Gedichte
Cover: Erklärte Nacht
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413050
Gebunden, 149 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Die Erkundung der Möglichkeiten des Individuums innerhalb der Grenzen seiner eigenen Lebenszeit und seines Lebensraums Großstadt sind seit langem Themen dieses Autors: "Warum bist Du hier? steht als Frage gleich morgens mit auf." In seinen neuen Gedichten, die unter die Kapitelüberschriften Unzeitgemäße Gedichte, Neue Historien und Traktat vom Zeitverbleib geordnet sind, führt er diese Themen weiter und entfaltet sie in Langgedichten und Zyklen. Das poetologische Titelgedicht, das auf ein Schönbergsches Orchesterstück anspielt, beschreibt als Movens das Fortschreiten in Oppositionen zwischen magischen und rationalen Definitionen der Poesie und beschließt den Band mit einem vorläufigen Fazit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2002

Eines ist nicht zu übersehen in den neuen Gedichten Durs Grünbeins: der Tod ist allgegenwärtig, oder genauer - die Melancholie, das Memento Mori, die Vergänglichkeit. Bis ins Komma hinein geht dieser Riss, so der Rezensent Roman Bucheli, durch den Alltag. Oft aber wird es in aller Deutlichkeit ausbuchstabiert, am Topos Venedig oder in der saloppen Formulierung: "Der Mensch? - Ein Kadaver in spe." Diese Trauer ist - und das findet Bucheli durchaus "ernüchternd" - motiviert nicht zuletzt durch ein kulturkritisches Verlassenheitsgefühl, durch die Sehnsucht nach einer Zeit und einem Raum des menschlichen Maßes. Angesichts der Gegenwart und Mitwelt jedoch bleibt Grünbein kühl, das Ich, meint der Rezensent, hält sich "mit der Sprache die Dinge vom Leib". Explizit wird Buchelis Kritik kaum - höchstens einmal klagt er über die manierierten Inversionen -, richtig glücklich aber machen ihn diese Gedichte offenkundig nicht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.07.2002

In einer sehr langen Rezension bespricht Katharina Döbler die zwei jüngsten Werke von Durs Grünbein: "Erklärte Nacht" (Suhrkamp 2002) und "Das erste Jahr" (Suhrkamp 2001). Für die Rezensentin ist Grünbein der "derzeit tauglichste Anwärter auf das Amt des Nationaldichters", weil er der "talentierte und glückliche Erbe einer langen Tradition" ist, der als bildungsbürgerlich "repräsentativ" erscheint und dies, obwohl er es reflektiert, nicht durch allzu starke Skepsis trübt. Die Lektüre des Gedichtbandes "Erklärte Nacht" wirkt auf die Rezensentin wie eine "Aufgabe", die sowohl literarische Bildung als auch Kombinationstalent erfordert. Wirklich neu ist das, was Grünbein hier verknüpft, nicht, meint Döbler, doch das Besondere liege in der neuen Anordnung altbekannter Elemente - eine Tendenz, die für die Rezensentin den eher "retrospektiven" Zeitgeist spiegelt. "Präzios" wirke dagegen die gesuchte und "identitätsstiftende Abgrenzung" von der dumpfen Masse - das komme nun wirklich dem "Einrennen offener Salontüren" gleich. Doch da Grünbein dies reflektiert und eine "Nachbarschaft von Banalität und Erhabenheit" erschafft, wird dieses "Biedermeier" für Döbler immerhin "postmodern".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.06.2002

Der Titel schon ist typisch: alle gebildete Welt werde unweigerlich an Schönbergs "Verklärte Nacht" denken, meint Hans-Herbert Räkel, aber der Verweis führt nirgends wirklich hin. Der ganze neue Gedichtband ist ähnlich strukturiert, es finde sich ein "irritierender Überschuss an Sinn". Vergleichbares ereignet sich auf der formalen Ebene, gleichfalls nicht so leicht aufzulösende "Überdetermination". Grünbein lehnt sich ans Klassischste an, den Hexameter, und handelt der Konvention doch immer wieder zuwider: die Zahl der Versfüße variiert, vor allem aber: die Gedichte sind fast durchgehend gereimt. Klassik wie Antike werden so angespielt, fragt sich nur: "Zu welchem Zweck?" Als "Kulisse" vielleicht, meint Räkel, als Goethe nacheiferndes Spiel der Annäherung womöglich auch. Ein weiterer Effekt aber ist das Verschwinden des Ich in der Rolle, die Verweigerung des "lyrischen Ich" der direkten Autor-Aussprache. Das findet der Rezensent umso erstaunlicher, als oft ganz unzweifelhaft Biografisches den Hintergrund abgibt - diese Gedichte umgibt, bedauert er, eine "Mauer aus Glasbausteinen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Den Gedichtband von Durs Grünbein, eine "distanzierte Hommage" an den Komponisten Arnold Schönberg, empfiehlt Hannelore Schlaffer "besinnlichen" wie auch "anspruchsvollen" Lesern. "Historisch und geografisch weiträumig" seien die Gedichte angelegt, thematisierten Kampfhunde ebenso wie italienische Landschaften und Kunstwerke, und Grünbein mixe "aus Pathos, Banalität und Bildungshochmut gerade die Publikumsbeschimpfung, die Intellektuelle noch immer glauben nötig zu haben", lästert die Rezensentin. Es werde hier aber nicht nur gescholten, sondern auch belehrt, zum Glück wechsle Grünbein dabei vom Ton der Besserwisserei gern zu einer Form "humoristischer Besinnlichkeit", freut sich Schlaffer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002

Spricht das für einen Gedichtband, das man sich ihm nur mit dem Kleinen Pauly oder Jakob Burckhardts "Cicerone" nähern kann? Solches nämlich empfiehlt Lorenz Jäger hinsichtlich Durs Grünbeins jüngster "Kunstgedichte", wie er sie nennt. Schon der Titel spielt auf Schönberg an, erklärt Jäger, für ihn insofern problematisch, als der Dichter sich in einem solchen Fall auch dem hohen selbstgestellten Anspruch stellen muss. Haben wir uns also auch Grünbein mit dem Kleinen Pauly in der Hand vorzustellen? Seine Gedichte sind Anspielungen und Auseinandersetzung mit Musik, Philosophiegeschichte, der eigenen poetischen Sozialisation, erfahren wir, weiter auch, dass Grünbein "im vierzigsten Jahr steht" und sich darum zu ersten Bilanzen und Vergänglichkeitsreflexionen berufen fühlt. Gerade letztere finden sich im dritten "antikisierenden" Teil des Buches, sagt Jäger, der um Seneca, Rom und New York kreist und "verfremdend-schöne" Bilder der Antike, teilweise im Blankvers, überliefert.
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